Fall Edathy

„Facebook ist ein Eldorado für Pädokriminelle“

Der Fall Sebastian Edathy hat die Debatte um Kinderpornografie neu entfacht. Im Interview mit der Berliner Morgenpost fordert die Geschäftsführerin von Innocence in Danger verschärfte Gesetze.

Foto: Krauthoefer

Was ist Pornografie, was nicht? Die Nacktbilder jedenfalls, die der zurückgetretene NSU-Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy (SPD) vom kanadischen Anbieter „Azov Films“ gekauft hat, gelten im juristischen Sinne nicht als pornografisch und der Kauf als legal. Doch Julia von Weiler, Geschäftsführerin von „Innocence in Danger“, einem internationalen Verein, der sich gegen sexuellen Missbrauch und pornografische Ausbeutung an Kindern im Internet einsetzt, sieht eine Gesetzeslücke. Sie sagt, sexuelle Ausbeutung von Kindern beginnt im Auge des Betrachters und fordert ein Gesetz, das generell den Handel und Tausch mit Nacktbildern von Kindern und Jugendlichen verbietet. Julia von Weiler war auch an der Initiative zur Zugangserschwernis für kinderpornografische Webseiten beteiligt, der 2009 ein entsprechendes Gesetz folgte.

Berliner Morgenpost: Was dachten Sie, als Sie hörten, dass ein Bundestagsabgeordneter Nacktbilder von Kindern bestellt hat?

Julia von Weiler: Ich war nicht überrascht. Das Interesse an kinderpornografischem Material, also Missbrauchsabbildungen, geht durch alle sozialen Schichten. Die Strafverfolgungsbehörden in Australien beschreiben den typischen Kinderpornografie-Konsumenten als leicht über Durchschnitt intelligent, mit einem akademischen Abschluss, in einer Beziehung lebend, nicht vorbestraft und Arbeit habend.

In den ersten Tagen konzentrierten sich die Beteiligten vor allem auf die politische Kungelei, um das Wer-hat-was-zu-wem-gesagt. Wie fanden Sie das?

Die einseitige Debatte um die strafrechtliche Relevanz war unsäglich. Aus der Sicht von Herrn Edathy hätte ich das auch thematisiert, aber aus der Sicht von Kindern und deren Würde war das absolut daneben.

Was würden Sie Sebastian Edathy fragen?

Folgendes: Stellen Sie sich vor, ein Bundestagsabgeordneter hätte sich in Ihrer Zeit als NSU-Ausschussvorsitzender an Sie gewandt und gesagt: ‚Ich habe bei einem rechten Fanshop Sachen bestellt. Die waren alle legal, denke ich. Aber jetzt wurden die Initiatoren des Shops festgenommen, weil sie eine terroristische Vereinigung sind und zu Anschlägen aufrufen. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Vielleicht wurde mein Geld dazu benutzt, um Waffen zu kaufen.’ Was, Herr Edathy, würden Sie antworten? Wo ziehen Sie die Grenze zwischen strafrechtlicher Relevanz und der notwendigen Integrität eines Amtsträgers? Ich glaube, seine Antwort wäre da eindeutig. Nichts anderes aber hat er getan. Herr Edathy hat einem Mann in Kanada Geld überwiesen und der hat es wahrscheinlich auch dazu benutzt, um wieder andere Bilder und Videos zu kaufen.

Die Beteiligten rund um den Fall sind alles Männer, war es daher typisch, dass die Debatte eher technisch geführt worden ist, ohne auf die Kinder zu schauen?

Das ist eigentlich fast immer so. Wenn Sie über das Thema Missbrauch und digitale Medien reden, dann landet die Diskussion entweder bei der Technik oder bei der Strafverfolgung oder bei den Tätern, aber selten bei den Opfern. Das hat mit Ohnmacht zu tun, damit dass man sich eben nur schwer mit der Ohnmacht der Opfer identifizieren kann und möchte. Deshalb, und das hört sich vielleicht jetzt komisch an, ist dieser Fall ein Geschenk. Ich beschäftige mich seit 2003 mit dem digitalen Kinderschutz und zum ersten Mal ist das Thema wirklich so richtig in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es gilt den Opfern endlich wirklich zuzuhören. Sie weder als beschädigt zu stigmatisieren, noch ihr Leid zu bagatellisieren, sondern sich klar an ihre Seite zu stellen und gemeinsam mit ihnen für ihre Rechte einzutreten. Wir müssen alle dafür kämpfen, dass Missbrauch da, wo er geschieht, schnellstmöglich beendet wird, den Kinder geholfen wird. Und wir müssen dafür kämpfen, Missbrauch gar nicht erst entstehen zu lassen. Durch Aufklärung und Achtsamkeit.

Bereits 2011 hat das EU-Parlament eine neue „Richtlinie zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs und der sexuellen Ausbeutung von Kindern sowie der Kinderpornografie“ verabschiedet. Deutschland hätte die Richtlinie bis 2013 umsetzen müssen. Warum ist das nicht passiert?

Sobald es um das Internet geht, wird man sehr schnell zum Spielverderber erklärt. Ich habe mal versucht, mich mit einem Mitglied der Piraten darüber zu unterhalten. Aber er tat sich sehr schwer, mit mir darüber zu diskutieren. Irgendwann hat er gesagt: ‚Sie machen mir mein Netz kaputt.‘ Und dass ich sein politischer Gegner sei. Aber beim Kinderschutz darf es keine politischen Gegner geben. Es darf Kontroversen geben, konstruktive Kontroversen, aber keine Gegnerschaft. Was viele Netz-Aktivisten überhaupt nicht kapieren, ist, dass sie von der Täter-Lobby wie ein trojanisches Pferd genutzt werden. Denn ein möglichst freies Netz spielt den Tätern in die Karten.

Über wie viel Bilder im Netz sprechen wir?

Die „Operation Spade“ der kanadischen Polizei hat gezeigt, über wie viel Material allein ein Kinderporno-Netzwerk verfügt. Es wurden 45 Terabyte Daten gefunden. Das sind 30.000 komprimierte Kinofilme. Wenn sie das auf Din-A-4 ausdrucken und stapeln würden, wäre das ein Turm von 1125 Kilometern Höhe, die Autobahnstrecke zwischen Berlin und Venedig. Und das ist nicht der größte Ring, der jemals entdeckt worden ist. Das ist nur ein Ausschnitt.

Gibt es Schätzungen, wie viele sich an dem Handel in Deutschland beteiligen?

Nein, das ist ein unendliches Dunkelfeld. Zieht man allein Schätzungen zum Missbrauch heran, dann sieht es so aus: Auf einen angezeigten Missbrauch kommen mindestens fünf unangezeigte. Das bedeutet allein für das Jahr 2012, in dem wir 12.227 Fälle angezeigten Missbrauchs verzeichnet haben, wahrscheinlich 60.000 Mal Missbrauch in Deutschland. Und heute mit den digitalen Möglichkeiten müssen wir in Betracht ziehen, dass in vielen Fällen der Missbrauch auch gefilmt oder fotografiert worden ist.

Inwiefern hängen Pädophilie und Missbrauch zusammen?

Etwa 40 Prozent der inhaftierten Missbrauchstäter sind auch pädophil, das bedeutet aber auch, 60 Prozent sind es nicht. Schätzungen zufolge sind 1 Prozent der Männer in Deutschland pädophil, das sind etwa 250.000 bis 300.000 Männer. Aber niemand von uns weiß, wie viele von denen sich Nacktbilder von Kindern anschauen oder wie viele von denen schon mal Kinder bedrängt haben. Wir müssen allerdings aufpassen, denn nicht jeder der pädophil ist, gibt seinem auf Kinder orientierten sexuellen Verlangen auch nach.

Pädophilie gilt laut Weltgesundheitsorganisation als Störung der sexuellen Entwicklung, quasi als Krankheit, trotzdem ist es immer noch ein Tabu.

Kaum jemand in Deutschland würde sich je öffentlich als pädophil outen. Und der Umgang der SPD mit ihrem Mitglied Sebastian Edathy sagt: Oute dich nicht, denn dann wirst du deiner sozialen Existenz beraubt. Herr Edathy soll nun aus der Partei ausgeschlossen werden. Als gesellschaftliches Signal ist das fatal.

Was wäre denn der richtige Umgang?

Die Tat ist ganz klar zu bewerten und zu verurteilen. Es gilt also, einerseits zu sagen, Nacktfotos von Jungs zu bestellen, degradiert diese Kinder, macht sie zu Objekten und ist mit dem hohen moralischen Anspruch eines Bundestagsmandats nicht zu vereinbaren. Andererseits muss man ihn möglichst gut unterstützen und ihn so in jedem Fall auffordern, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Ich würde ihn aber nicht aus der Partei schmeißen.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) will nun prüfen, wie der Handel mit Nacktbildern von Kindern oder Jugendlichen unter Strafe gestellt werden kann. Zufrieden?

Wir fordern ein Gesetz, dass auch den organisierten Tausch und nicht nur den kommerziellen Handel mit Nacktfotos von Kindern verbietet. Es gibt viele Kinderpornoringe, die nicht über Bezahlung funktionieren, sondern auf denen das Bild zur Währung wird. Es gibt Ringe, die fordern als Mitgliedsbeitrag 10.000 Bilder in einem gewissen Zeitraum. So wird der Ring immer mit neuen Bildern versorgt.

Sebastian Edathy hat zugegeben, solche Bilder bestellt zu haben. Das war legal.

Das unsexualisiert komponierte Nacktbild ist frei handelbar. Der Handel und der Tausch von sexualisierten Bildern ist verboten. Aber genau da fängt der Graubereich an. Ein Bild gilt als sexualisiert, wenn der Po oder das Geschlecht des Kindes in den Vordergrund gerückt sind. Aber bei einem Video fällt die Beurteilung schon schwerer. Nehmen wir an, jemand hat Videos von nackt spielenden Kindern bestellt. Zehn Minuten sieht man die Kinder toben und planschen in einem Pool und dann ist für zehn Sekunden der Penis von einem der Kinder zu sehen. Ist das noch okay oder pornografisch und damit illegal? Das ist die juristische Dimension, dabei wird aber vergessen, dass die Grenzüberschreitung und Verletzung des Kindeswohls im Auge des Betrachters geschieht. Wenn also, um es mal wirklich anschaulich zu sagen, das Nacktbild eines Jungen zur "Wichsvorlage" degradiert wird, dann wird dieses Kind sexuell ausgebeutet. Und wird im übrigen auch im Erwachsenenalter noch Fotos von sich im Internet finden. Der Missbrauch im digitalen Zeitalter hört also nie auf. Die Mädchen und Jungen werden so für immer in ihrer Würde beschädigt und verletzt. Sie müssen qualvoll lernen, mit der Tatsache zu leben, dass zu jeder Zeit irgendjemand auf der Welt sich ihre Bilder anschaut, um sich daran zu befriedigen.Sollten Nacktbilder von Kindern in der Werbung und Kunst verboten werden?

Auf dem Cover des Nirvana-Albums „Nevermind“ von 1991 ist ein vier Monate alter, nackter Junge zu sehen. Er schwimmt im Wasser und sein Penis ist deutlich zu erkennen. Sicherlich hat die Band das Cover aus künstlerischen Gründen gewählt. Wenn wir nun aber die Würde und das Recht auf Unversehrtheit des Kindes in den Vordergrund stellen, ist eine solche Veröffentlichung schon fragwürdig. Und ja es gibt auch pädophile Männer, die genau auf dieses Kindesalter stehen und für die ist es eben auch eine super Vorlage. Man kann man mich jetzt als prüde und restriktiv bezeichnen, aber Fakt ist, unsere Gesellschaft hat sich durch die Digitalisierung verändert. Heute kann man dieses Cover sehr einfach aus dem Internet ziehen, das Baby aus dem Bild herauslösen und in anderen Zusammenhängen verbreiten. Alle Eltern, die es erlauben, dass ihre Kinder öffentlich nackt dargestellt werden, müssen damit rechnen, dass sich andere möglicherweise mit der Betrachtung des Bildes sexuell befriedigen.

Wie gefährlich ist es generell, Fotos von sich digital zu verschicken?

Sobald man ein Foto digital verschickt, verliert man jegliche Kontrolle darüber. Ein Beispiel ist dafür Sexting. Also der Trend, besonders verbreitet unter Jugendlichen, sich gegenseitig Nacktfotos, Sexbilder oder -filme zu schicken. 2012 analysierte und verfolgte die „Internet-Watch-Foundation“ in England in einer Miniuntersuchung, nämlich 47 Arbeitsstunden, insgesamt 12.224 Sexting-Abbildungen und Videos auf 68 Webseiten. Sie schauten, was mit diesen Bildern oder Filmen geschieht. Sie stellten fest, dass 88 Prozent – also 10.776 dieser Sexting-Fotos oder Filme auf parasitäre Webseiten gestellt worden waren – viele davon pornographisch. Und die Jugendlichen? Hatten keine Ahnung. So jemand wie Azov Films in Kanada (die Firma bei der auch Sebastian Edathy Nacktbilder gekauft hat) zum Beispiel, nimmt sich auch solches Material und schneidet es zusammen und sagt: Wieso, ist doch alles legal, haben die Jugendlichen doch alles selbst ins Netz gestellt.

Sollte Sexting dann nicht auch für Jugendliche verboten werden?

Wenn man es zu Ende denkt, ja. Denn Kinder können auch nicht kontrollieren, was im Netz mit ihrem Foto geschieht. Das heißt, sie müssen damit groß werden, dass sie auch dann etwas Verbotenes tun, wenn sie freiwillig Nacktbilder von sich verschicken. Gleichzeitig ist es schrecklich, jugendliches Verhalten – also ausprobieren, sich entdecken – zu kriminalisieren. Andererseits wiederum gab es in letzter Zeit zu viele Fälle, bei denen Jugendliche selbst solche Fotos von sich verschickt haben und die dann so dafür gemobbt worden sind, dass sie nicht mehr weiter wussten und die Geschichte mit Selbstmord endete. Die Digitalisierung unserer Gesellschaft hat eben auch das Heranwachsen unwiederbringlich verändert. Bilder auf Facebook sind nicht wie das Polaroid-Fotoalbum von früher, Facebook ist ein Eldorado für Pädokriminelle, Twitter ist noch besser, eine ideale Bilder-Tauschbörse. Deshalb müssen wir alle dafür sorgen, dass die Privatsphäre von Kindern besser geschützt wird. Wir brauchen einen ausgewogenen digitalen Kinderschutz!