Sotschi 2014

Pechsteins Traum von der zehnten Olympia-Medaille geplatzt

Erstmals seit 50 Jahren bleiben die deutschen Eisschnellläufer bei den Winterspielen ohne Medaille. Für Claudia Pechstein reichte es über 5000 Meter nur zu Platz fünf. Doch sie will weitermachen.

Foto: Christian Charisius / dpa

Völlig ausgepumpt, aber gefasst verabschiedete sich Claudia Pechstein von ihren Fans. Ihre Sehnsucht nach der zehnten Olympiamedaille blieb unerfüllt, die fünfmalige Olympiasiegerin belegte bei den Winterspielen in Sotschi am Mittwoch über 5000 Meter in 6:58,39 Minuten den fünften Platz und konnte damit das Debakel der deutschen Eisschnellläufer nicht verhindern, die zum ersten Mal seit 50 Jahren keine Medaille holten. Trotz der Enttäuschung will die 41-Jährige bis zu den Spielen Pyeongchang 2018 weitermachen. „Warum soll das das Ende sein?“, fragte Pechstein sichtlich aufgeräumt, „es ist schade, dass es nicht zur Medaille gereicht hat, aber die Konkurrenz war stark wie nie. Ich habe wieder die beste Leistung der Deutschen gebracht. Da muss die Alte wieder herhalten.“

Die tschechische Vancouver-Olympiasiegerin Martina Sablikova feierte in 6:51,54 Minuten bereits das dritte Olympia-Gold ihrer Karriere. Silber ging an Ireen Wüst (Niederlande/6:54,28) vor ihrer Teamkollegin Carien Kleibeuker (6:55,66). Die Zweite von Vancouver, Stephanie Beckert aus Erfurt, wurde in 7:07,79 Achte, Bente Kraus (Berlin) landete in 7:10,65 auf dem elften Rang.

Verband sieht Pechstein als Motor

„Bombenzeit, Bombenkampf. Auf diese Leistung kann man stolz sein“, lobte Pechstein-Freund Matthias Große nach der enormen Kraftanstrengung der Berlinerin, die es verpasste, als erste Athletin bei sechs Olympia-Teilnahmen Edelmetall zu holen und gleichzeitig erstmals ohne olympische Medaille blieb. Immerhin war sie rund sechs Sekunden schneller als bei ihrem dritten Platz bei der WM im vergangenen Jahr an gleicher Stelle. „Respekt und Hochachtung vor dieser Weltklasseleistung“, sagte Verbandschef Gerd Heinze. „Wir brauchen sie weiter als Motor im Team, weil sie mit ihrem professionellen Anspruch auf die Jungen ausstrahlt.“

Mit einem Lächeln hatte sich Pechstein auf dem Ergometer aufgewärmt. Nach Platz vier über 3000 Meter und Rang 19 über die 1500 Meter wollte sie auf ihrer Lieblingsdistanz noch einmal angreifen. Sie versuchte alles auszublenden – die beinahe erdrückende Übermacht der Niederländerinnen bisher und ihre offensichtlichen Probleme, mit dem schweren Eis in der Adler-Arena zurechtzukommen. „Das ist nicht mein Eis, das ist Holland-Eis“, so Pechstein vor dem Rennen. Seit die 5000 Meter 1988 bei Olympia eingeführt wurden, holten die Deutschen immer mindestens eine Medaille – dieses Mal nicht.

Auch der Vorteil, im letzten Paar aufs Eis gehen zu können und die vorgelegten Zeiten zu kennen, nutzte ihr nichts. Zu stark waren die Vorgaben der Konkurrenz. Pechstein ging das Rennen sehr schnell an. Große und viele deutsche Olympia-Teilnehmer feuerten sie auf der Tribüne lautstark an. Bis zur Hälfte des Rennens war eine Medaille noch in Reichweite – dann schwanden ihr auf dem schweren Eis langsam die Kräfte. „Es war ein Traum, und Träume gehen nicht immer in Erfüllung“, sagte Pechstein und konnte mit ihrem Rennen leben. „Dramatisch ist die Leistung der anderen, die eigentlich viel schneller laufen müssten als ich“, sagte sie bezüglich der anderen deutschen Damen.

Dabei hatte Pechstein nichts dem Zufall überlassen. Rechtzeitig vor ihrem letzten Auftritt flogen zwei Techniker ihrer Partnerfirma auf eigene Kosten nach Sotschi und präparierten die Schlittschuhkufen der Berlinerin mit einem Präzisionsschliff. „Es waren zwei schlaflose Nächte. Es dauerte vier Stunden, um einem Paar Schlittschuhe ein Refit zu geben“, erklärte Cheftechniker Andreas Babbe. Der ganze Aufwand reichte nicht zum erhofften Edelmetall.

Nächste Woche Gerichtstermin

Für Pechstein sollte eine Medaille zugleich ein „Schlag ins Gesicht der ISU“ sein. Noch vor ihrem Einzug ins olympische Dorf hatte Pechstein exklusiv in der Berliner Morgenpost über ihre Olympia-Erfahrungen, ihren Traum von einer zehnten olympischen Medaille und über ihre Auseinandersetzung mit der Internationale Eislauf-Union (ISU) geschrieben. Die ISU hatte sie 2009 wegen auffälliger Blutwerte für zwei Jahre gesperrt. Pechstein bestreitet jegliches Doping und gibt eine von ihrem Vater geerbte Blutanomalie als Grund für ihre nach wie vor wechselhaften Retikulozytenwerte an. Sämtliche sportgerichtliche Instanzen wiesen ihre Einsprüche gegen das ISU-Urteil aber zurück. Inzwischen hat sie den Weltverband auf Schadensersatz in Millionenhöhe verklagt. Am 26. Februar soll in München über das Prozessprozedere entschieden werden. Dies alles schien in Sotschi völlig nebensächlich. Eine Stunde nach dem Rennen gab sie sich schon wieder kämpferisch: „So lange ich vorn mitlaufen kann, mache ich weiter. Die zehnte Medaille ist 2018 in Pyeongchang noch immer möglich.“