Diese Seite sah schon lange niemand mehr. Zurückhaltend blickte Claudia Pechstein nach vorn, schlug leise Töne an. Dabei sind die Kampfansagen doch ihr Metier. Ob ihr Vermögen, sich bei Olympia noch einmal extra mobilisieren zu können, den Gegnern Angst mache, wurde sie vor den Spielen gefragt. „Ich hoffe“, sagte die Berlinerin da.

Mittlerweile hat sie es selbst etwas mit der Angst bekommen wegen der überragenden Leistungen der Holländerinnen. Zudem behagt ihr der Untergrund in Sotschi nicht. Alles entwickelt sich ganz anders, als sich die Eisschnellläuferin das vor den Spielen ausgemalt hat.

Das mündet vor den 5000 Metern am Mittwoch in ungewohnte Verhaltensweisen. „Von einer Medaille als Ziel zu sprechen, wäre vermessen“, tat Pechstein auf ihrer Homepage kund. Es ist ihre Lieblingsstrecke, bei ihren fünf bisherigen Olympiastarts über 5000 Meter gewann sie fünfmal eine Medaille. Bronze zum Auftakt 1992 in Albertville, danach dreimal Gold – 1994 in Hamar, 1998 in Nagano und 2002 in Salt Lake City – und schließlich Silber 2006 in Turin.

Aber nicht mal all die geballte Wut gegen den Weltverband ISU, der sie wegen erhöhter Blutwerte wohl zu Unrecht für zwei Jahre sperrte und ihr damit die Spiele 2010 verwehrte, vermag sie noch in ihren Kampfmodus zu bringen.

So fühlt sich das Rennen schon vor dem Start wie eine ihrer schmerzlichsten Niederlagen an: „Dieses Eis hier hat alles verändert. Bei allen Träumen und Wünschen, die ich vor Olympia hatte: Ich muss auch realistisch sein. Und mit dem Eis hier komme ich im Wettkampf bislang einfach nicht klar.“ Vormittags zeigt sich die Unterlage hart, so wie es Pechstein mag. Am Nachmittag aber, wenn die Wettkämpfe sind, wird das Eis wegen der hohen Temperaturen weich. Deshalb sind mehr und kürzere Schritte nötig, um auf Tempo zu kommen. Pechstein hat aber jahrelang einen anderen, den langen Gleitschritt, trainiert. Das lässt sich jetzt nicht mehr umstellen.

Bedrückende Dominanz der Niederländer

Ihre zehnte Olympiamedaille, die immer das große Ziel der Berlinerin war, sieht Pechstein allerdings auch wegen der Konkurrenz aus dem Nachbarland mehr als nur in Gefahr. 19 von 27 Medaillen haben die Niederländer gewonnen. „Solch eine Dominanz hat es vorher noch nie gegeben“, so Pechstein, die drei Tage nach dem Rennen 42 Jahre alt wird. Über 3000 Meter zu Beginn war sie noch Vierte geworden, über die als Test avisierten 1500 Meter belegte sie Platz 19. „Für manche mag es wie die Suche nach einer Ausrede klingen, aber es ist lediglich eine Tatsachenbeschreibung“, so die Berlinerin. Es klingt zumindest nicht so, als wollte sie die Konkurrenz in Sicherheit wiegen und dann zuschlagen.

Trotzdem wird noch einmal nachgearbeitet. Am Montag trafen zwei Techniker in Sotschi ein, die die Kufen von Pechstein optimieren sollen. „Ich freue mich natürlich über diese Unterstützung“, sagt sie, erhofft sich allerdings nicht viel davon. „Ich weiß auch, dass die besten Kufen nichts helfen, wenn der Körper nicht mitspielt“, betont Pechstein. Nach fast zweijährigen Tests entwickelte die Firma im Sommer eine Schleif- und Poliermaschine, die dafür sorgen soll, dass die Kufen ihrer Schlittschuhe immer über den gleichen Schliff verfügen. Pechstein reiste mit vier Paar Kufen nach Sotschi, die nach den vielen Trainingsläufen und den beiden Olympia-Rennen über 1500 und 3000 Meter nun möglicherweise leichte Abnutzungs-Erscheinungen zeigen.

Pechtein will sich nun überraschen lassen, was letztlich herausspringt. Für die aussichtslose Berlinerin Bente Kraus, die als Nachrückerin zu ihrem zweiten Olympiaeinsatz kommt, gilt das ebenso.

Gut möglich, dass Sotschi, wo Pechstein es noch einmal allen zeigen wollte, zu den enttäuschendsten Spielen überhaupt für die Berlinerin wird. Gut möglich auch, dass ihr das den Antrieb verleiht, ihre Karriere wie schon öfter angekündigt bis 2018 fortzusetzen. Die beste Deutsche ist sie schließlich selbst dann noch, wenn es nicht läuft.

BM