Rohstoffverwertung

Altglas aus Berlin ist zu schlecht zum Recyceln

Berlins Altglas ist nicht sortenrein genug. Mit Iglus an der Straße soll das nun besser werden, denn Hausmüll kann man dort nicht einwerfen. Protokoll einer Scherben-Sammelfahrt durch Lichtenberg.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER / JOERG KRAUTHöFER

Um sieben Uhr fährt Andreas Kloß vom Hof der Firma Karl Meyer Rohstoffverwertung in Hohenschönhausen. Der Mann im orangefarbenen Overall sitzt am Steuer seines großen Lkw. Sein Auftrag: Die Altglascontainer am Straßenrand leeren. Durch Lichtenberg führt seine Tour. Die weißen, grünen und braunen Iglus stehen nahe den Hochhäusern am Anton-Saefkow-Platz, an der Judith-Auer-Straße, an der Franz-Jacob-Straße. Kloß stoppt sein Fahrzeug am Straßenrand. Zuerst der Blick durch die Einfüllöffnung der Iglus. „Mal gucken, wie voll sie sind.“ Dreiviertel gefüllt.

Per Fernbedienung steuert er den Kran auf dem Lkw über den weißen Iglu. Dann bringt er an den großen Ösen zwei Ketten an: eine, an der der Behälter über den Lkw gehoben wird, und eine zum Öffnen der Bodenklappe, durch die das Glas fällt. Wenn Andreas Kloß beide Ketten verwechselt, leert sich der Behälter auf der Straße. „Das wollen wir nicht“, sagt er. Zu Anfang sei ihm das mal passiert. „Aber jetzt ist man so eingefuchst, dass man es beim ersten Ton merkt und schnell stoppt.“ Wieder betätigt der Fahrer die Fernbedienung. Der Kranarm hebt den Iglu, zieht ihn über den Lkw. Dann öffnet sich die Bodenklappe. Es scheppert und klirrt. Präzise senkt der Kran den Iglu wieder auf den Bürgersteig ab. Dann ist der grüne Iglu dran.

Getrennte Kammern auf dem Lkw

„Eine Frage“, sagt ein Passant, der den Vorgang beobachtet. „Warum sollen wir das grüne und das weiße Altglas trennen, wenn Sie beide Behälter in einen Lkw entladen?“ Der Container auf dem Lkw habe getrennte Kammern, erklärt Andreas Kloß. Zwischen diesen Kammern seien Trennwände gezogen. „Ist in Ordnung“, sagt der Frager. „Wieder etwas schlauer geworden.“ Etwa drei Mal am Tag, erzählt Kloß, werde ihm diese Frage gestellt. Er bietet auch an, die Lkw-Füllung von oben zu sehen. „Das wollen die Wenigsten.“

Neben den Iglus liegt ein gläserner Topfdeckel. Auch den nimmt Kloß mit. „Bisschen Müll von den Leuten muss man auch noch wegbringen“, sagt der 44-Jährige. Doch das ist der große Vorteil der Iglus und Metallcontainer am Straßenrand. Sie haben nur kleine Einfüllöffnungen. Größeren Hausmüll kann man nicht einwerfen - keinen ausrangierten Stuhl, kein Plastiktablett, keinen Verpackungskarton. Optimal sind die Iglus zum Einwerfen von Glasflaschen, die die Anwohner hinbringen – bei Fachdiskussionen wird vom „Bringsystem“ gesprochen. Anders das „Holsystem“ – das sind die Tonnen für Altglas in den Hinterhöfen der Wohngebiete.

Sie werden abgeholt, von der Firma Berlin Recycling GmbH. Ein Nachteil des Holsystems: Es ist einfacher, auch Müll in die Tonnen zu werfen. Zweiter Nachteil: Die Tonnen in den Höfen unterscheiden nur nach Weißglas und Buntglas. Eine Untersuchung, die das Holsystem, also die Altglastonnen, mit dem Bringsystem – den Iglus – 2013 verglichen hat, ergab: Die Farbtrennung durch die Tonnen ist schlechter. Besonders das Weißglas hat einen höheren Anteil an Fehlfarben als in den Iglus. Die Umwelt- und Energie-Consult GmbH führte diese Untersuchung durch. Sie hat die Ergebnisse im Januar im Abgeordnetenhaus vorgestellt.

18 bis 19 Tonnen liefert Kloß täglich ab

Fahrer Andreas Kloß fährt zum nächsten Standort. Durch enge Straßen, in denen dicht an dicht die Autos parken. Dort stehen Altglas-Sammelbehälter aus Stahlblech. Nach der Sichtprobe nimmt der Fahrer die Fernbedienung und steigt auf den Lkw. Auch die Metallbehälter werden über die entsprechende Kammer im Lkw gehoben - diesmal ohne Einhaken per Hand, sondern ferngesteuert. „Präzise muss es sein“, sagt Kloß. „Wenn die Container dicht am Straßenrand stehen, und davor parken Autos, dann sollte man schon wissen, was man mit dem Kran macht.“ Eine falsche Bewegung, „dann hat ein Fahrzeug eine Delle.“

Zwischen neun und zehn Tonnen Altglas passen in den Lkw. Kloß fährt dann seinen Lkw zum Firmenhof an der Grenzgrabenstraße. In der Halle wird der Inhalt der Kammern nacheinander abgekippt. Dabei zieht der Fahrer Kopfhörer über, weil es scheppert und klirrt. Zwei große Touren absolviert Andreas Kloß am Tag. Zwischen 18 und 19 Tonnen wiegt die Menge, die er in der Halle an der Grenzgrabenstraße abliefert.

In drei großen Haufen - weiß, grün, braun – türmen sich dort die Flaschen: Glühwein, Merlot, Rotwein, Lambrusco, Prosecco, Sonnenblumenöl. Viele Flaschen sind noch ganz. Denn in den Containern liegen Gummimatten, die den Fall bremsen und den Lärm mindern.

Altglas-Lkws sind Sonderanfertigungen

Arno Schmidt, Berliner Geschäftsführer der Karl Meyer Rohstoffverwertung, hat seit 30 Jahren mit der Altglas-Entsorgung in Berlin zu tun. Einst sei das Glas komplett in Iglus am Straßenrand gesammelt worden, erzählt er. Von dort wurde es per Lkw zur Weitertrennung nach Steinbach am Wald (Bayern) gefahren. Oder nach Nienburg gebracht, nach Hannover oder Essen. Die hausnahe Versorgung mit Tonnen auf dem Hof, das Holsystem, sei erst 1991/92 eingeführt worden. „Das hat sich nach und nach ausgebreitet.“ Derzeit werden pro Jahr etwa 70.000 Tonnen Altglas in Berlin gesammelt. Die Iglu-Sammlung mache davon etwa 22.000 Tonnen aus, sagt Geschäftsführer Schmidt, die Hofsammlung etwa 48.000 Tonnen.

20 Mitarbeiter hat die Firma Karl Meyer Rohstoffverwertung an ihrem Berliner Standort. Rund 4800 Altglas-Behälter gehören ihr – jeweils etwa ein Drittel weiß, grün und braun. Sie sind an rund 1650 Standorten aufgebaut. Meyer ist für die Altglas-Entsorgung im „Bringsystem“ in drei Vierteln des Stadtgebietes zuständig. Die Leerung geschehe „bedarfsgerecht“, sagt Arno Schmidt. Das Fahren der Altglas-Lkw ist eine Herausforderung. Die Firmenfahrzeuge sind Sonderanfertigungen. Sie haben die größten Maße, die auf Berlins Straßen erlaubt sind. „Das kriegt man nicht von der Stange gekauft.“, sagt Schmidt. „Riesige Teile, die durch die Stadt rollen.“ Erst um 7 Uhr morgens darf die Leerung der Iglus beginnen, des Lärms wegen.

Luftdüsen und Lichtschranken

Nicht nur in der Halle an der Grenzgrabenstraße, auch im Westhafen und in Werneuchen wird das Berliner Altglas aus den Iglus abgeladen. Von diesen drei Standorten holen Fern-Lkw das Altglas zu den Aufbereitungsbetrieben. Jedes Fahrzeug wird nur mit einer Farbe beladen. In der Aufbereitungsanlage, etwa in Großräschen im Spreewald, wird das Glas sortiert. Keramik, Steingut und Porzellan werden durch eine Lichtschranke erkannt und mit Luftdüsen herausgeschossen. Verschlüsse und Folien aus Aluminium werden opto-mechanisch oder per Wirbelstromtechnik entfernt. „Da wird viel Technik eingesetzt, um das Glas wieder sortenrein für die Industrie aufzubereiten“, sagt Arno Schmidt. Danach kommt es in die Glashütten.

Doch die Vertreter der Glasindustrie kritisieren seit Jahren die Lieferungen aus Berlin. Die Qualität der Hohlglasscherben werde immer schlechter, hieß es in einem Brief des Bundesverbandes Glas an Senator Michael Müller (SPD). Es gebe dadurch Probleme in der Aufbereitung, die zunehmende unwirtschaftlich werde. Die Kritik richtete sich vor allem auf die Tonnen in den Wohngebieten. „Das in Berlin im Holsystem gesammelte Altglas wird unseren Anforderungen nicht im Mindesten gerecht.“

Deshalb hat das Duale System Deutschland in Berlin einen Pilotversuch gestartet. Er läuft seit Ende 2013 in den Bezirken, Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick. Etwa die Hälfte der insgesamt 14.000 Altglas-Tonnen aus den Höfen ist entfernt worden. Und zwar dort, wo sich im Umkreis von 300 Metern ein Standort mit Iglus befindet. Das Ziel ist, dass die Anwohner ihre leeren Glasflaschen bis zu diesen Iglus bringen. Ende 2014 wird der Versuch ausgewertet, dann wird auch entschieden, ob er auf weitere Bezirke ausgedehnt wird.

Anwohner kritisieren Abschaffung der Tonnen

Doch in Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick gibt es heftige Kritik an der Abschaffung der Tonnen. Anwohner, Wohnungsgesellschaften und Bezirkspolitiker protestieren seit Monaten dagegen. Ein häufig genanntes Argument: Besonders für ältere und gehbehinderte Mieter sei es schwierig, den längeren Weg zu den Iglus zurückzulegen. Ihnen bleibe nichts weiter übrig, als die Mülltrennung wieder aufzugeben und das Glas wieder in die graue oder in die gelbe Tonne zu werfen, sagte die Vorsitzende der Landesseniorenvertretung Berlin, Johanna Hambach.

Die Untersuchung zur Qualität des Berliner Altglases, die 2013 durchgeführt wurde, hat eine weiter wichtige Feststellung getroffen. Das Altglas aus den Tonnen und aus den Iglus wird in Berlin zu oft aufgeladen, abgeladen und weiter transportiert. Im Ergebnis werden die Scherben immer kleiner. Das erschwert die Aufarbeitung. Für dieses Problem ist noch keine Lösung gefunden.