Berliner

Altglassammlung in Scherben - Flaschen landen im Restmüll

Die Altglas-Industrie zieht ihre Behälter aus den Wohnhäusern ab und setzt auf Zentralsammelstellen. Davon gibt es in einigen Bezirken nur wenige. Das Glas wird nun vielerorts anders entsorgt.

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Im Streit um die Berliner Altglasentsorgung zeichnet sich kein Ende ab. Während alle politischen Parteien den Erhalt des sogenannten Berliner Modells fordern, bei dem das Glas in den Haushalten gesammelt wird, setzt die Altglas-Industrie auf zentrale Sammelstellen. Das hat inzwischen nach den Angaben von Wohnungsbaugesellschaften zu Chaos, Wut und Empörung in den Wohnanlagen und bei den Mietern geführt. In den Bezirken Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick wurden die Altglas-Tonnen in den Wohnanlagen bereits kurzfristig entfernt, aber in Lichtenberg wurden gerade einmal fünf Sammelbehälter im ganzen Bezirk neu aufgestellt. Das Altglas werde deshalb entweder im Restmüll entsorgt oder auf die Straße gestellt.

Ausschreibungen auf dem Weg

„Das ist ungeheuerlich und unzumutbar für die Mieter“, sagte SPD-Umweltexperte Daniel Buchholz. Hier sei das bewährte System „einfach über Nacht geköpft“ worden, sagte auch der Umweltexperte der CDU, Danny Freymark. Zudem besteht die Gefahr, dass künftig in ganz Berlin die Altglassammlung auf wenige Zentralsammelstellen umgestellt wird. Eine entsprechende Ausschreibung der Leistung für die Bezirke Spandau, Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf ist auf dem Weg. Doch ob es tatsächlich dazu kommt, ist unklar. Der Senat will zunächst die Erfahrungen in den drei Südost-Bezirken abwarten, das Parlament will das Berliner Modell erhalten, die Industrie hingegen will die zentralen Sammelstellen, nicht zuletzt, weil sie weniger Kosten verursachen.

Bei einer Anhörung zum Altglas-Recycling im Umweltausschuss versuchten sich am Mittwoch die Beteiligten gegenseitig die Verantwortung für die ohne Vorwarnung vollzogene Umstellung in den drei Bezirken zuzuschieben. Der Senat verwies darauf, dass die Zuständigkeit für die Altglas-Entsorgung seit 1991 in den Händen der Altglas-Industrie liege, die Altglashersteller bemängelten, dass das Berliner Altglas von derart schlechter Qualität sei, dass es unmöglich ist, daraus neue Gläser und Flaschen zu produzieren. Bernd Schneider vom Dualen System Deutschland, das verantwortlich für die Altglassammlung ist, warnte davor, dass sich die Altglas-Recycler künftig weigern würden, Berliner Altglas zu verarbeiten, wenn sich nichts änderte.

Altglas minderer Qualität

Und schließlich zeigte der unabhängige Umweltgutachter Rüdiger Oetjen-Dehne, dass die Berliner Altglas-Qualität unabhängig vom Sammelsystem schlecht sei. Das könnte daran liegen, dass die Müllwagen, mit denen das Altglas in Berlin eingesammelt werde, das Material derart zerkleinerten, dass es sich nicht für die Wiederherstellung eignet. Um möglichst haltbare Flaschen aus Altglas herzustellen, benötigen die Flaschengießer möglichst einfarbige und vor allem große Scherben. In den Berliner Müllwagen werden die Flaschen aber gepresst, so entstehen kleine Scherben, die nicht nur schlechte Glasqualität liefern, sondern auch die Maschinen der Hersteller angreifen.

Das Problem ist kompliziert. Das Berliner Modell besteht darin, dass in den meisten Hinterhöfen der Wohnhäuser eigene Altglas-Tonnen aufgestellt sind, allerdings wird nur zwischen Weiß und Buntglas unterschieden. Das führt dazu, dass in der Stadt zwar mehr Altglas gesammelt wird als anderswo, aber auch mit minderer Qualität. Für die Recycler ist wichtig, dass auch zwischen Grün- und Braunglas unterschieden wird.

In den vergangenen Monaten wurde hinter den Kulissen zwischen Senat und Industrie erbittert über das weitere Vorgehen gestritten. Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss, den beide Seiten nun unterschiedlich interpretieren. „Das Duale System hat einseitig entschieden, das halten wir für nicht zielführend“, sagte Umwelt-Staatssekretär Christian Gaebler. „Es besteht ein erhebliches Versäumnis beim Dualen System.“ Dagegen sieht sich das Duale System im Recht. Der Senat könne sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Immerhin sagten die Altglassammler zu, künftig nichts durchzusetzen, was nicht die Zustimmung des Senates finde. Vorerst.