Lima S. wollte sich am 9. Juli vergangenen Jahres am Neptunbrunnen am Alexanderplatz nur ein wenig entspannen. Es war gegen 16.10 Uhr, der dunkelhäutige Portugiese saß auf einer Parkbank zwischen Rosenbeeten, als er von dem 23-jährigen Czeslaw K. angepöbelt wurde.
Es kam zu einem Wortwechsel, der darin mündete, dass der 48-jährige Lima S. von dem vermutlich angetrunkenen Czeslaw K. auf Polnisch mit Worten wie „blöder Neger“ beschimpft wurde. So jedenfalls steht es in den Ermittlungsakten. Wenig später wurde Lima S. von Czeslaw K. und dessen Landsmann, dem 33-jährigen Artur L., auch körperlich attackiert.
Die beiden Polen stehen ab heute vor einem Moabiter Schwurgericht. Sie sind angeklagt wegen versuchten Mordes. Den Ermittlungen zufolge hatte Lima S. die auf Polnisch geäußerten Beschimpfungen verstanden und – ohne selbst beleidigend zu werden – auf Russisch geantwortet.
Faustschläge ins Gesicht
Der Portugiese beherrscht diese Sprache, er hat in Russland studiert. Aber schon diese auf Russisch vorgetragene Antwort soll für Czeslaw K. zu viel gewesen sein. Er soll Lima S. zunächst mehrere Faustschläge ins Gesicht versetzt und dem Portugiesen, als dieser von der Bank aufstand, zu Boden geschleudert haben. Anschließend – so schildern es Zeugen – hatten Czeslaw K. und Artur L. dem dunkelhäutigen Mann mehrfach wuchtig gegen den Kopf und den Oberkörper getreten.
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass den Tätern klar war, welche Folgen diese Tritte haben können, und dass sie den Tod ihres Opfers – wie Juristen sagen – billigend in Kauf nahmen.
Es ist fraglich, wie die Sache ausgegangen wäre, hätten sich nicht drei beherzte Zeugen eingemischt und Czeslaw K. und Artur L. aufgefordert, mit den Misshandlungen des wehrlos auf dem Pflaster liegenden Opfers sofort aufzuhören. Sie schrien die Täter an und zerrten sie von ihrem Opfer weg. Als die Täter die Flucht ergriffen, folgten ihnen die Zeugen.
Und sie informierten während dieser Verfolgungsjagd auch noch geistesgegenwärtig die Polizei. Wenig später konnten die beiden Polen am S-Bahnhof Alexanderplatz festgenommen werden. Beide galten als obdachlos. Sie sollen sich nach Angaben der Polizei schon längere Zeit in der Gegend um den Neptunbrunnen herumgetrieben haben.
Alexanderplatz: Schwerpunktgebiet von Straftaten
Lima S. wurde durch die Tritte gegen seinen Kopf bewusstlos. Ärzte der Notaufnahme der Charité stellten später eine Hirnblutung fest. Der 48-Jährige erlitt außerdem einen Nasenbeinbruch, einen Bruch der rechten Augenhöhle sowie diverse Schürfwunden und Prellungen. „Mein Mandant leidet noch immer an den Folgen der Tat“, sagt Lima S.’ Anwältin Katharina Gamm. Sie vertritt für den Portugiesen vor Gericht die Nebenklage. Ihr Mandant, so die Anwältin, werde erst am 4. März zu seiner Zeugenaussage erscheinen und anschließend den Prozess auch selbst verfolgen.
Die Gegend rund um den Alexanderplatz gilt als Schwerpunktgebiet für Kriminalität. Wenige Schritte vom Neptunbrunnen entfernt war in der Nacht zum 14. Oktober 2012 der 20-jährige Jonny K. so heftig angegriffen worden, dass er stürzte und einen Tag später im Klinikum im Friedrichshain an Hirnblutungen starb. Am Tatort, vis-à-vis dem Neptunbrunnen, gibt es jetzt eine Gedenkplatte, die an Jonny K. erinnern soll.
In der Konsequenz auf den Angriff gegen den 20-Jährigen installierte die Berliner Polizei ein Kontaktmobil, um bei Vorfällen schneller eingreifen zu können. Dieser Funkwagen mit entsprechender Aufschrift ist seitdem in diesem Gebiet ständig im Einsatz. Dank des Kontaktmobils gelang es auch, die beiden flüchtigen Polen schnell zu fassen. Hervorhebenswert ist aus Sicht von Politik und Polizei aber das Reagieren der Zeugen.
Gedemütigt und mit Hakenkreuzen beschmiert
„Es handelt sich um einen außergewöhnlichen Fall von Zivilcourage.“ Ein solcher Mut sei zwar wünschenswert, aber nicht selbstverständlich, sagte Innensenator Frank Henkel (CDU) kurz nach der Tat. Er spreche allen Beteiligten „höchste Anerkennung und Wertschätzung“ aus. Lob gab es auch vom Polizeipräsidenten: „Wäre der Angriff weiter fortgeführt worden, wäre das Opfer gestorben.“
Rechtsanwalt Mirko Röder, der den Angeklagten Artur L. verteidigt, sieht diesen „vermeintlichen Zusammenhang des aktuellen Prozesses mit dem Fall Jonny K.“ mit Skepsis. „Der Tatort Alexanderplatz darf kein Strafzumessungskriterium sein“, fordert der Verteidiger. Mehr Polizei vor Ort sei die eine Sache, er würde sich „für diesen kriminalitätsträchtigen Platz aber auch mehr Sozialarbeit wünschen“, so Röder.
Czeslaw K. und Artur L. werden sich in dem am Freitag beginnenden Prozess noch wegen einer weiteren Straftat verantworten müssen. Am 1. Juli 2013 sollen die beiden offenbar hoch aggressiven Männer am Ostbahnhof einen anderen Obdachlosen gequält und erniedrigt haben. Den Ermittlungen zufolge übergossen sie ihr Opfer mit Rotwein, spuckten es an und verrieben Essensreste in seinem Haar. Außerdem sollen sie dem Mann Hakenkreuze ins Gesicht geschmiert haben.





