Die elfjährige Ashley ist sich schon seit einem Jahr sicher, wo sie hin will. Ihr größter Wunsch ist es, nach der sechsten Klasse an ein Gymnasium zu wechseln und wenn möglich, soll es das Humboldt-Gymnasium in Tegel sein. Das sage ihr ihr Bauchgefühl. Schon von außen hat ihr die alte, ehrwürdige Schule gefallen. „Sie sieht aus wie ein Traumschloss“, sagt sie.
Wie Ashley müssen sich von Mittwoch an alle Grundschüler der sechsten Klassen mit ihren Eltern entscheiden, an welche weiterführende Schule sie wechseln wollen, denn vom 12. bis 25. Februar läuft der Anmeldezeitraum für die künftigen siebten Klassen. Nicht allen fällt die Wahl so leicht wie Ashley.
Viele Eltern sind verunsichert. Sollen sie bei der Angabe der ersten drei Wunschschulen taktieren oder aufs Ganze gehen? Ist das Kind mit dem verkürzten Abitur nach zwölf Jahren überfordert oder bleibt es an einer Sekundarschule unter seinen Möglichkeiten?
Einjährige Probezeit macht Entscheidung nicht einfacher
Es gibt zwar die Förderprognosen der Grundschule, in denen die Klassenlehrer mit dem Halbjahreszeugnis bereits einen bestimmten Weg anraten, doch in Berlin sind die Eltern nicht daran gebunden. Wer einen Gymnasialplatz möchte, der bekommt auch einen, ganz gleich, welchen Notendurchschnitt der Schüler hat. Das macht die Entscheidung nicht einfacher. Zwar gibt es am Gymnasium eine einjährige Probezeit, doch die Erfahrungen haben gezeigt, dass auch viele Schüler ohne Gymnasialempfehlung die Zeit überstehen. Umgekehrt gibt es Beispiele, wo Kinder mit exzellenten Grundschulnoten am Gymnasium plötzlich scheitern.
In den meisten Fällen jedoch stimmt die Prognose der Grundschulen. Im Jahr 2012 haben 95,6 Prozent der Schüler mit einer Gymnasialempfehlung die Probezeit bestanden. Von den Schülern mit der Förderprognose Sekundarschule konnten aber immerhin 70 Prozent am Gymnasium bleiben. 29 Prozent jedoch mussten nach einem Jahr an eine Sekundarschule wechseln.
„Ich vertraue dem Bauchgefühl von meinem Kind“, sagt Yvonne Zerbe, die Mutter von Ashley. „Wenn sie überzeugt ist, dass sie es am Gymnasium schaffen wird, dann wird es sicher auch so sein.“ Ashley hat mit einem Durchschnitt von 2,0 eine Gymnasialempfehlung von der Grundschule bekommen. „Ich möchte gefordert werden, an der Grundschule fand ich es oft langweilig“, sagt die Elfjährige.
Bewerberzahlen vom Vorjahr sagen wenig aus
Und das, obwohl sie an ihrer Grundschule in den Rollbergen in Reinickendorf bereits einen zusätzlichen Förderkurs in Naturwissenschaft und Mathematik für besonders interessierte Kinder belegen konnte. Jeden Donnerstag hat sie dort Experimente gemacht oder interessante Aufgaben gerechnet, beispielsweise, welche Gewinnchancen man in einem Spielcasino hat. Auch deshalb hat sie sich für das Humboldt-Gymnasium entschieden – die Schule bietet ein spezielles naturwissenschaftliches Profil an.
Welche Chancen sie dort hat, will sich Ashley nicht ausrechnen. Schließlich könne man nie vorher wissen, wie viele Schüler das Gymnasium als Erstwunsch angeben würden. Es wäre doch dumm, eine Schule deshalb von vornherein auszuschließen, sagt sie.
Tatsächlich sagen die Bewerberzahlen vom Vorjahr wenig aus. So gab es stark nachgefragte Schulen, die im Jahr darauf plötzlich gerade so genügend Bewerber hatten, um ihre freien Plätze zu füllen. Häufig nehmen Eltern Abstand von den beliebten Schulen, weil sie befürchten, dass das Kind mit einem weniger guten Durchschnitt dann sowieso keine Chance habe. Schulleiter raten von solch einer taktischen Wahl eher ab. Die Eltern sollten die Schule als Erstwunsch nennen, die am besten zum Kind passt, ganz gleich, wie groß die Nachfrage ist, sagt Ralf Treptow, Vorsitzender der Vereinigung der Gymnasialschulleiter. Bei einer zu großen Bewerberzahl gibt es immer noch die Los-Chance.
Angst vor dem Leistungsdruck
Das Gesetz sieht vor, dass Schulen, die mehr Bewerber als Plätze haben, zunächst 60 Prozent der Schüler nach selbst festgelegten Kriterien auswählen können. Meist wählen die Schulen nach dem Notendurchschnitt der Förderprognose aus. Zehn Prozent der Plätze werden für Härtefälle vorgehalten, und 30 Prozent der Plätze müssen unter den restlichen Bewerbern ausgelost werden.
Auch Liam ist sich sicher, an welche Schule er nach der sechsten Klasse wechseln möchte. Er hat zwar eine Empfehlung fürs Gymnasium, doch da will er gar nicht hin. Er hat Angst, dass der Leistungsdruck dort zu stark sein könnte. Der Elfjährige, der mit Ashley zu den leistungsstärksten Schülern in ihrer Grundschulklasse gehört, möchte lieber auf die Carl-Benz-Sekundarschule.
Und auch seine Eltern sind überzeugt, dass das der bessere Weg für Liam wäre. „Natürlich wollten wir früher auch gern, dass er ans Gymnasium wechselt, aber vor allem wollen wir, dass er seine Freude am Lernen beibehält“, sagt sein Vater Glenn Matyschek. Die Klassenlehrerin habe sie in ihrer Entscheidung bestärkt.
„Die Wände in den Fluren sind mit Graffiti gestaltet“
Liam hat sich die Carl-Benz-Schule wegen der besonderen Angebote ausgesucht. Als Wahlpflichtfach kann man Kreatives Schreiben und Literatur belegen, das trifft genau seine Leidenschaft. An seiner Grundschule besucht er schon seit drei Jahren eine Lyrik-AG. „Wir haben an keiner anderen Oberschule im Bezirk ein solches Angebot gefunden“, sagt seine Mutter, Nicole Plöger. Und dann habe auch der erste Eindruck beim Tag der offenen Tür gestimmt. „Die Wände in den Fluren sind mit Graffiti gestaltet“, erzählt Liam.
Im Chemieraum hätten die Schüler vorgeführt, wie sie Kosmetik selbst herstellen. Eine eigene Oberstufe habe die Schule nicht, jedoch würden verhältnismäßig viele Schüler nach der zehnten Klasse an einer Partnerschule das Abitur machen, erzählen die Eltern. Die Sekundarschule kooperiere dabei mit zwei Oberstufenzentren. Und Liam habe auch gleich ehemalige Schüler aus seiner Grundschule wiedergetroffen.
Für Liam ist es zwar nicht entscheidend, aber doch beruhigend, dass auch sein bester Freund und andere aus seiner Klasse an diese Schule mit überschaubaren 450 Schülern wechseln möchten. Ashley und Liam wollen gleich am ersten oder zweiten Tag des Anmeldezeitraums ihre Anmeldung an ihrer Wunschschule abgeben, obwohl sie wissen, dass der Zeitpunkt keinen Einfluss auf ihre Chancen hat, angenommen zu werden.





