Ob es an der Berliner Luft lag, dass diese Männer so miesepetrig durch die Stadt fuhren? Der eine, Dominic Raacke als Till Ritter, im Auto: silberhaarig, Frauentyp, auch im existenziellen Sinn unrasiert. Der andere, Boris Aljinovic als Felix Stark, oft auf dem Fahrrad: schmächtig, leise, ein Grübler. Man musste an große gegensätzliche Paare des Kinos denken: an Stan Laurel und Oliver Hardy natürlich, an Jack Lemmon und Walter Matthau, an Pat und Patachon.
13 Jahre ermittelte das Gespann in der Hauptstadt, 30 „Tatort“-Filme sind es geworden. So wenig vertraut sie miteinander wurden (angeblich auch im Privaten), so sehr fremdelte der Zuschauer mit ihnen. Der Berliner „Tatort“ lag immer im unteren Bereich der Einschaltquoten, und bei den beliebtesten Kommissaren rangierten die Polizisten von der traurigen Gestalt ziemlich weit hinten.
Es gab bei ihnen keinen fortgesetzten Klamauk wie bei Liefers und Prahl in Münster, es menschelte nicht so gemütlich wie bei Bär und Behrendt in Köln, und den hemdsärmeligen Action-Typen wie Til Schweiger und Wotan Wilke Möhring konnten sie sowieso nichts entgegensetzen.
Immer ein wenig müde
Vielleicht ist eine Szene aus ihrem letzten „Tatort“, der „Großer schwarzer Vogel“ heißt, symptomatisch: Auf einer Baustelle verfolgen sie einen Verdächtigen, der springt von den Gerüsten, Stark und Ritter hasten hinterher – aber der Mann entkommt. Und als sie wieder im Auto sitzen, gesteht Ritter, was Stark schon weiß: Nachdem er von seiner Freundin verlassen wurde, leidet er an Schlaflosigkeit und ist zugleich immer müde, und deshalb hat er die Telefon-Seelsorge eines Radiosenders angerufen.
Der Moderator Nico Lohmann (Florian Panzner) hat selbst Probleme: Einst war er ein Leistungsschwimmer, dann brach er sich bei einem Autounfall beide Beine und musste die Karriere beenden. Nun galt ihm eine dilettantisch gebastelte Briefbombe, die im Treppenhaus ein Kind in den Tod riss. Verdächtig ist der ruinierte Gemüsehändler Ulrich Kastner (Peter Schneider), dessen Frau und Tochter bei dem Unfall starben und der Lohmann die Schuld an ihrem Tod gibt. Aber auch ein gewalttätiger Ehemann, dessen Frau ihn auf Lohmanns Rat hin verlassen hat, kommt als Täter in Frage. Und welche Rolle spielt Lohmanns ehemalige Geliebte Henriette (Julia Koschitz), die er bald nach dem Unfall verließ?
Die Konstruktion des Drehbuchs von Jochen Greve ist etwas angestrengt, denn die Tragödie liegt fünf Jahre zurück, und es ist auch nicht recht glaubhaft, dass der verschlossene, vom ehrgeizigen Vater getriebene Nico Lohmann ausgerechnet als Problemplauderer arbeitet. Aber „Großer schwarzer Vogel“, inszeniert von Alexander Dierbach, ist trotzdem ein bemerkenswerter Film.
Viele Rollen sind bloß Pappkameraden
Stark hört auf den Mitschnitten der Radiosendungen die Stimme des Kollegen Ritter, und als der von seiner Gemütsunruhe erzählt, rät er ihm zum Laufen. Ritter schließt die Augen, lehnt sich zurück, und für einen Moment glaubt man, dass die beiden gleich um einen See rennen werden. Doch dann startet Ritter bloß den Motor des Autos. In einer anderen Szene sieht man Lohmann in den See hinter dem Haus des Vaters gehen, dann treibt er im Wasser und schaut gen Himmel, und hoch oben fliegen die schwarzen Vögel. Und Nick Cave singt „Push The Sky Away“.
Und es gibt Julia Koschitz in diesem Film, die zuletzt einige gefährdete Frauen spielte: Als Henriette, der Kindergärtnerin, dämmert es ihr, dass Nico nicht zurückkommen wird und sie nicht mehr liebt. Sie sprechen in einem Hallenbad, er läuft davon, und Henriette setzt die Füße auf die Bank und zieht die Beine eng an den Körper. Selten hat ein Kriminalfim so viel Zeit für eine zärtliche, eine präzise Beobachtung, die etwas über den Menschen sagt.
Julia Koschitz macht kein Aufhebens um ihre Rolle, sie hat kein Pathos in ihrem Spiel: Wenn sie sich auf dem Präsidium darüber ärgert, dass alles so lange dauert, ist der Amtsalltag ganz nah. Leider sind die anderen Rollen bloß Pappkameraden: der unerbittliche, übermächtige Trainer-Vater, der saufende Ehemann, der vor Trauer verzweifelte Familienvorstand.
Wo keine Hoffnung ist, da muss man schweigen
Als Felix Stark das Haus der geprügelten Ehefrau verlässt, stellt sie ihm noch eine Frage, und er dreht sich halb zu ihr um, schaut resigniert und geht wortlos hinaus. Vielleicht ist das der emblematische Moment von Boris Aljinovic: Wo keine Hoffnung ist, da muss man schweigen. Die beiden mürrischen Männer waren womöglich die realistischsten Ermittler der „Tatort“-Reihe: Nicht nur erscheint im großen Berlin so ziemlich alles als möglich. Es gibt auch enge Grenzen für die Polizei, und diese frustrierenden Beschränkungen waren bei Ritter und Stark immer spürbar.
Das LKA, Vorgesetzte, Fotografen machten ihnen zu schaffen, die Müdigkeit hing an ihnen wie schlaffe Kleidung. Das Leiden der Menschen, Bitterkeit und Hilflosigkeit gingen an den beiden einsamen Wölfen nicht vorbei. Dass sie keinen Humor haben, dass jede Ironie fehlt, dass Leichtigkeit nicht ihre Sache ist: Dergleichen hat man in den 70er- und 80er-Jahren auch von zwei der größten „Tatort“-Ermittler gesagt, Hansjörg Felmy und Götz George. Beide litten an ihrem Amt, und beide waren deutsch darin, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.
„Großer schwarzer Vogel“ zeigt zuletzt eine Landstraße, zwei Autos, Erschöpfung. Es ist das stille Ende einer Dienstfahrt; Häppchen, Sekt und Blumen fallen aus. Der RBB hätte noch zwei Filme mit ihnen produziert, aber die Schauspieler wollten nicht mehr. Dominic Raacke und Boris Aljinovic, die Berliner Melancholiker, gehen mit einer polnischen Verabschiedung.
ARD, Sonntag, 20.15 Tatort: Großer schwarzer Vogel




