Wenn sich Christian Schulz und seine Kollegen an die Arbeit machen, kehren sie dem Guten auf dieser Welt für ein paar Tage den Rücken zu. Sie denken sich dann hinein in die Welt eines Mörders oder Vergewaltigers, begehen in ihrer Vorstellung dasselbe Verbrechen wie er noch einmal, und zwar Schritt für Schritt. Dazu ziehen sie sich zurück in ein Büro, in dem es blanke Magnet-Tafeln und jede Menge unbeschriebenes Papier gibt. Die Handys werden abgeschaltet, die Tür bleibt geschlossen. Für die Pausen stehen auf einem Nebentisch ein Wasserkocher und eine Mikrowelle bereit.
Christian Schulz, 49, ist Chef-Profiler beim Landeskriminalamt. Zu seinem Team gehören fünf Fallanalytiker, wie Profiler bei der Polizei korrekt heißen. Schulz und seine Kollegen kommen zum Einsatz, wenn ein Fall mit herkömmlichen Ermittlungsmethoden nicht zu lösen ist – in der Regel bei Tötungsdelikten, manchmal auch bei Sexualstraftaten oder Entführungen. Was Profiler genau machen, hat das Bundeskriminalamt in einer etwas sperrigen Definition zusammengefasst. Demnach sollen sie das Verständnis für einen Fall vertiefen und zu Ermittlungsansätzen verhelfen. Einfach ausgedrückt, analysieren sie das Verhalten eines Täters, indem sie es rekonstruieren. Profiler bewirken, dass die Ermittler noch einmal neu auf einen Fall schauen.
„Unser Verhalten wird von unseren Bedürfnissen gesteuert“, sagt Kriminalhauptkommissar Schulz. „Wir gehen den umgekehrten Weg und versuchen anhand des Verhaltens des Täters auf seine Bedürfnisse und den dahinter stehenden Menschen zu schließen.“ Ein vollständiges Täterprofil samt psychischer Abgründe komme bei einer so genannten Fallanalyse jedoch nur selten heraus. „Man darf nicht vergessen, dass die meisten Täter nicht so außergewöhnlich und charakterlich auffällig sind, wie oft angenommen wird.“
Intensive Teamarbeit
Der Job des Profilers gilt gleichwohl als einer der beliebtesten bei der Kriminalpolizei. Die Bewerberzahlen für die speziellen Lehrgänge beim Bundeskriminalamt übersteigen jedes Jahr deutlich die vorhandenen Plätze. Genommen werden nur besonders qualifizierte Kriminalbeamte mit mehrjähriger Berufserfahrung. In Deutschland gibt es rund 80 Profiler. Die Arbeit ist oft langwierig: Das Team um Schulz erstellt jedes Jahr drei bis vier Fallanalysen. Pro Analyse verbringen die Profiler mindestens fünf Tage à elf Stunden in Teamarbeit. Hinzu kommen intensive Vor- und Nachbereitungen, Dokumentationen und Pflege von Datenbanken. „Ich würde gerne auch Altfälle bearbeiten, aber dazu reichen unsere Kapazitäten nicht aus“, sagt Schulz.
Bevor er und seine Kollegen mit einer Fallanalyse beginnen, arbeiten sie zunächst die Ermittlungsakte durch. Dabei spezialisiert sich ein Profiler auf die Ergebnisse der medizinischen Untersuchungen oder Obduktion. Ein anderer eignet sich das Wissen rund um die am Tatort gefundenen Spuren an. Ein Dritter sammelt Informationen über das Opfer. Beim ersten Brainstorming sind dann alle Gedanken erwünscht, die den Kollegen zu Tat und Täter einfallen. „Wir dürfen keine Hemmungen haben, einfach draufloszureden“, sagt Christian Schulz. „Kein Gedanke kann so absurd sein, wie die Tat war.“
Anschließend werden die Gedanken geordnet, indem sie gegeneinander abgewogen und auf ihre Stichhaltigkeit überprüft werden. Jeder Schritt, den der Täter gemacht hat, wird untersucht. Jeder Schritt, den er gemacht habe könnte, wird zu rekonstruieren versucht. Dabei arbeiten Profiler mit Wahrscheinlichkeiten. Im Gegensatz zu Ermittlern greifen sie ausschließlich auf objektive Kriterien zurück. Von Zeugen geäußerte Verdachtsmomente bleiben unberücksichtigt. Hat ein Nachbar einen Mann vom Tatort wegrennen sehen, ist das ein Hinweis, dem ein Mordermittler nachgehen muss – für einen Profiler ist er unerheblich. Objektiv und daher für die Fallanalyse wichtig sind zum Beispiel die Spuren am Tatort und die Ergebnisse einer Obduktion.
Unterstützung vom Psychiater
Wie komplex die Fallanalyse ist, macht Schulz an einem einfachen Beispiel deutlich: Eine Frau wird in ihrer Wohnung ermordet, ohne dass Einbruchsspuren gefunden werden. „Das Opfer könnte den Täter gekannt und ihm geöffnet haben“, sagt Schulz. „Oder der Täter hatte einen Schlüssel. Er könnte den Schlüssel legal oder illegal besessen haben. Oder Täter und Opfer kannten sich nicht. Das Opfer könnte trotzdem geöffnet haben, weil der Täter ihm etwas vorgetäuscht hat. Dass die Tochter sagt, ihre Mutter habe nie Fremden geöffnet, ist irrelevant.“
Nächster Schritt: „Die Frau wurde unmittelbar hinter der Wohnungstür erdrosselt. Würde das ein Täter tun, der das Opfer kannte? Würde er die Frau nicht ins Wohnzimmer begleiten, um das Risiko zu reduzieren, dass im Treppenhaus ihre Schreie gehört werden?“ Ein Schritt zurück: „Der Tatort Flur spricht für einen fremden Täter. Was könnte noch dafür sprechen?“ „Irgendwann müssen wir uns entscheiden, wie es gewesen sein könnte“, sagt Schulz. „Manchmal gibt es aber so wenig Anhaltspunkte, dass wir an einem Punkt mehrere Alternativen offen lassen müssen.“
Die Tatrekonstruktion ist der wesentliche Teil der Fallanalyse. Ist sie abgeschlossen, arbeiten die Profiler als nächstes die besonderen Verhaltensweisen des Täters ab, die laut Schulz nur selten vorliegen. Hat der Vergewaltiger zu seinem Opfer etwas Ungewöhnliches gesagt? Wie hat er sich ihm genähert, wie hat er es bedroht? Sofern möglich, wird ein Profil des Täters erstellt. Dafür ziehen die Profiler mitunter Psychiater hinzu. Als ein Unbekannter vor einigen Jahren eine Joggerin im Spandauer Forst ohne ersichtliches Motiv erstach, unterstützte ein Psychiater die Arbeit der Profiler. Ebenso im Fall des mutmaßlichen Entführers von Storkow, der im vergangenen Jahr gefasst wurde.
Tunnel-Einbrecher analysiert
Schulz und sein Team tragen alle in der Fallanalyse gewonnen Erkenntnisse schriftlich zusammen und stellen den Ermittlern sowie dem zuständigen Staatsanwalt das Ergebnis abschließend in einer Powerpoint-Präsentation vor. „Dabei erklären wir jede unserer Hypothesen und auch, warum wir die anderen Möglichkeiten ausgeschlossen haben“, so Schulz. Die Fallanalyse ist am Ende nur eine Empfehlung, die Ermittler müssen sich nicht daran orientieren. „Wir sind nicht schlauer als sie, sondern arbeiten nur anders“, sagt Schulz. Es habe etwas gedauert, bis die im Jahr 2000 eingeführte Fallanalyse vollständig im LKA akzeptiert worden sei.
Für die jüngste Fallanalyse mussten sich Schulz und seine Kollegen mit einem ungewöhnlichen Fall beschäftigen – dem Tunnel-Einbruch in die Steglitzer Volksbank-Filiale. Normalerweise werden Einbrüche nicht von Profilern bearbeitet, aber die Ausführung dieser Tat war so außergewöhnlich, dass die Berliner Profiler um eine Fallanalyse gebeten wurden. Sie sprachen mit Physikern und Experten vom Bergwerkbau, um zu rekonstruieren, wie die Täter den 45 Meter langen Tunnel bis zum Tresorraum graben konnten. Dabei ging es auch um Fragen nach den planerischen Fähigkeiten der Täter und/oder Hintermänner. „Das war die umfangreichste Fallanalyse, die hier jemals erstellt wurde“, sagt Christian Schulz.
Was die Fallanalyse zum Tunnel-Einbruch gebracht hat, werden die weiteren Ermittlungen zeigen. Die Erfolgsquote von Profilern ist ohnehin schwer zu messen. Im Fall der 2008 in Sachsen ermordeten Michelle war es laut Schulz eindeutig auf die unter anderem durch die Beteiligung von Berliner Profilern erarbeitete Fallanalyse zurückzuführen, dass der Täter in der Nähe des Fundorts der Leiche vermutet und schließlich überführt wurde. Das sei aber die Ausnahme. Schulz: „Der Leipziger Polizeipräsident hat uns damals in einem handgeschrieben Brief gedankt.“ In den meisten Fällen kämen verschiedene Faktoren zusammen, bis ein Täter überführt werde. „Die Fallanalyse ist dabei ein unerlässliches Hilfsmittel.“




