Jugendstil-Möbel aus dem Helmut-Newton-Zimmer, eine Radierung von Edvard Munch, ein knallrotes Ledersofa, auf dem sich Hotelgäste wie Rupert Everett oder Hanna Schygulla fotografieren ließen – diese und weitere Relikte aus dem traditionsreichen Hotel Bogota werden am 21. Februar versteigert – im Internet. „Wir haben die 50 besten Objekte im Hotel ausgesucht und das Ganze mit Antiquitäten aufgefüllt, sodass unser Auktionator Fabian Markus insgesamt 112 Objekte versteigern wird“, sagt Alexander Zacke, Gründer des Berliner Auktionshauses „Auctionata“.
Jeder kann am Computer dabei sein
Zacke, 47, ist gebürtiger Wiener, beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Kunst und behauptet von sich selbst enthusiastisch, „der oberste Kitschheini zu sein, den es auf Gottes Erdboden gibt“. Mit seiner Internet-Auktionsfirma geht er neue Wege. Das Ensemble aus Schreibtisch, Kitschlampe und Hoteltelefon, das neben Kunstwerken unter den Hammer kommt, findet er einfach „genial“.
Jeder, der möchte, kann am Computer bei der Auktion dabei sein. Übertragen werden die Versteigerungen per Live-Stream aus einem TV-Studio an der Franklinstraße in Charlottenburg. Jeder, der sich auf der Homepage des Start-ups anmeldet, kann die Auktion live mitverfolgen und auch bieten. Die Gebote und das Land, aus dem sie kommen, werden für jedermann sichtbar eingeblendet. Auch im Internet erfolgt der Zuschlag klassisch mit dem Hammer.
Wer sich vorab informieren möchte, kann sich die Objekte vorher ansehen, entweder im Internet oder aber auch, wie es in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben ist, bei einer Besichtigung. „In der Regel reichen den Interessenten aber unsere sehr guten Bilder auf unserer Webseite sowie die während der Auktionssendung“, so eine Sprecherin.
Mietschulden zwangen Hotelier zur Aufgabe
Mietschulden von fast 290.000 Euro zwangen Hotelier Joachim Rissmann, das Traditionshaus an der Schlüterstraße 45 zu schließen. Der letzte Hotelgast ging am 1. Dezember 2013. Mitte Dezember sollte die Übergabe sein, Hauseigentümer Thomas Bscher hatte ihm allerdings noch ein paar Tage Aufschub gewährt, sodass Rissmann der Hausverwaltung die Hotelräume am 23. Dezember besenrein und leer übergab. Das Haus soll nun zunächst saniert werden. In den oberen Geschossen sollen Büros entstehen, im Erdgeschoss sollen Einzelhandel, möglicherweise auch eine Bar oder ein Restaurant einziehen. Bscher rechnet damit, dass er etwa acht Millionen Euro in den Umbau investieren muss.
Rissmann hatte die in aller Eile noch in den Hof geräumten restlichen Einrichtungsgegenstände in einem Raum deponieren dürfen, der nur von außen zugänglich war. Bei Tagen der offenen Tür hatten sich Interessierte bereits Stücke des Inventars aussuchen können. Möbel, Bilder, Spiegel, Kronleuchter, Frühstücksgeschirr fanden neue Eigentümer. Bettgestelle wurden verschenkt, Flüchtlingsheime konnten einiges gebrauchen, Bettwäsche ging an eine Jugendorganisation, Schränke wurden verschrottet.
Nur drei Wochen hatte Rissmann Zeit, sein Hotel und seine Wohnung zu räumen. Etliches hat er in Lagern deponiert, um es noch zu Geld zu machen. „Auch diese Dinge will ich schnell verkaufen, damit die Lagerkosten überschaubar bleiben“, sagt Rissmann. Zusammen mit dem Erlös aus der Versteigerung hofft er, seine Schulden abtragen zu können. Der Hauseigentümer hat Rissmann bei der Güteverhandlung 190.000 Euro seiner Mietschulden erlassen.
„Mistkübel“ aus der Reichskulturkammer
Die junge Berliner Auktionsfirma will dabei behilflich sein, möglichst viel Geld einzutreiben. Rissmann freut sich, dass auf diese Weise auch seine vielen Stammkunden in den Niederlanden oder der Schweiz mitbieten können, um sich ein Andenken zu sichern. Per E-Mail will er die ehemaligen Gäste über den Versteigerungstermin informieren.
Von der Auswahl der Objekte für die Auktion ist Alexander Zacke überzeugt. Dabei amüsiert er sich über die Schuhputzmaschine genauso wie über den „Mistkübel“, also den Papierkorb aus der Reichskulturkammer, die im Haus an der Schlüterstraße ab 1942 genutzt wurde, bis die Alliierten dort nach 1945 die Entnazifizierung des Kulturbereichs organisierten. Zacke ist überzeugt, dass die ausgefallenen Objekte, die alle eine eigene Geschichte erzählen könnten, beim Publikum gut ankommen: „Die Preise sind ein Witz, und wer ein spannendes Möbel will, hat dort die Chance, es zu bekommen“, sagt er.
Zacke hofft, bei der Internet-Auktion einige Zehntausend Euro zu erzielen. Dass die Mindestgebote relativ niedrig sind, hat einen Sinn. „Die Leute sollen Lust bekommen zu steigern“, so Zacke. Bis zu 1500 Besucher seien bei solchen Auktionen zugeschaltet. Etwa 40 Auktionen hat das erst 2012 gegründete Unternehmen bislang organisiert. Es unterhält Büros in London, New York und Zürich und beschäftigt nach eigenen Angaben 160 Mitarbeiter.
Eltern halfen beim Ausräumen
Die Aufgabe seines Hotels hat der 50 Jahre alte Ex-Hotelier allerdings noch nicht so richtig verarbeitet. Konkrete Pläne hat er noch nicht. „Wie es weitergeht, weiß ich noch nicht. Der Kopf ist noch leer“, sagt er. Noch ist Rissmann mit der Abwicklung der Geschäftsaufgabe beschäftigt. Seitdem er 1976 mit den Eltern aus Oberfranken nach Berlin gekommen war, wohnte er immer in Kudamm-Nähe. Zuletzt im Dachgeschoss des Hotels, jetzt in Steglitz. Auch sein Vater, von dem er 2006 den Betrieb übernahm, habe sehr unter der Hotelaufgabe gelitten.
„Nach dem Besuch der Hotelfachschule habe ich seit 1993 im Hotel gearbeitet. Mein Vater hat sich viele Gedanken gemacht, wie man alles zu einem guten Ende bringen könnte, um etwas Neues anzufangen“, sagt Rissmann. Die Eltern – beide 78 Jahre alt – hätten sogar beim Ausräumen geholfen, wie auch viele Freunde und Bekannte. Wer weiß, vielleicht bietet sich für ihn ja die Chance, ein kleines Stadthotel in Berlin zu betreiben, so wie es sein Wunsch wäre, schon wegen seiner vier Kinder, die alle noch zur Schule gehen. Ein Stammgast sagte ihm, dass im Chinesischen das Wort für Krise und Chance dasselbe ist. Darüber denkt er momentan viel nach.
Versteigerung: 21. Februar, ab 18 Uhr.
Infos im Internet: www.auctionata.de




