Drei Wochen nach einem Mord in der Rockerszene haben die Grünen dringend Aufklärung der jüngsten schweren Vorwürfe gegen die Berliner Sicherheitsbehörden gefordert. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die Polizei alles getan hat, um die Tat zu verhindern. Das Landeskriminalamt (LKA) dürfe „unter keinen Umständen den Anschein erwecken, einen Mord laufen zu lassen“, sagte der innenpolitische Sprecher der Grünenfraktion, Benedikt Lux, am Montag. Das gelte auch, wenn das Opfer ein bekannter Straftäter und Krimineller sei.
Nach einem Bericht von Spiegel TV von Sonntagabend soll die Polizei aus abgehörten Telefongesprächen von Rockern gewusst haben, dass das spätere Opfer sich bewaffnet hat und sich mit schusssicherer Weste in Berliner Lokalen und nicht mehr im Ausland aufhielt. Letzteres hatte die Polizei bisher in offiziellen Aussagen behauptet.
Am 10. Januar war der 26-jährige Tahir Ö., bei der Polizei selbst als Intensivtäter bekannt, in einem Wettbüro in Reinickendorf regelrecht hingerichtet worden. Überwachungskameras filmten, wie 13 Männer in den Laden marschierten und einer von ihnen mehrfach auf das Opfer schoss. Das Video zeigte das LKA später der Öffentlichkeit. Die Polizei nahm im Zusammenhang mit der Tat bislang acht Verdächtige des Rockerlubs Hells Angels fest.
Der Mord war laut Polizei die Rache für eine Auseinandersetzung im Oktober vorigen Jahres vor der Diskothek „Traffic“ in Mitte. Ein Hells-Angels-Rocker wurde dabei von drei Männern schwer verletzt. Der Anführer der Hells Angels, Kadir P., soll daraufhin den Mord an Tahir Ö. in Auftrag gegeben haben. Von diesen Plänen erfuhr die Polizei offenbar schon frühzeitig durch einen V-Mann. Bereits Ende Oktober soll der Hinweis bei der Polizei eingegangen sein. Daraufhin soll die Polizei mit Abhörmaßnahmen bei den Hells Angels begonnen haben.
LKA-Chef: Rocker nicht erreichbar
Die Polizei hatte bereits kurz nach dem Mord Vorwürfe der Untätigkeit oder zu großen Zurückhaltung zurückgewiesen. LKA-Chef Christian Steiof sagte, das Opfer sei nicht gewarnt worden, weil die Polizei davon ausging, der Mann habe sich im Ausland aufgehalten. Gleichzeitig habe man auch den Hells-Angels-Anführer und mutmaßlichen Auftraggeber nicht vor der Ausführung der Pläne gewarnt, weil solche „Gefährder-Ansprachen“ bei Rockern meist nicht wirken würden. Bei der Pressekonferenz, die nach den ersten Festnahmen Ende Januar stattfand, hatte Steiof gesagt, Tahir Ö. sei „nicht erreichbar“ gewesen. „Er ist im Ausland, so lautete ein Hinweis, den wir hatten. Er hat sich ins Ausland abgesetzt nach diesem Vorkommnis am Traffic“, so Steiof. „Wir hatten keinen Hinweis, zu welchem Zeitpunkt er sich wieder in der Stadt aufhielt.“
Laut internen Berichten, die Spiegel TV nach eigenen Angaben vorliegen, hatte die Polizei jedoch durchaus einen Hinweis darauf, dass Tahir Ö. im Januar wieder in Berlin war. Fünf Tage vor der Mordnacht hätten die Ermittler ein Telefonat abgehört, in dem ein Informant Kadir P. gesagt habe, dass Tahir Ö. in einem bestimmten Lokal zu finden sei. „Er hängt im Expekt ab“, soll der Informant unter anderem gesagt haben. Das gehe aus den Ermittlungsakten der Mordkommission hervor, so Spiegel TV. In eben jenem Wettbüro an der Residenzstraße wurde Tahir Ö. später erschossen.
Die Grünen sehen nun Widersprüche, die aufklärungsbedürftig seien und wollen das Thema in der nächsten Sitzung des Innenausschusses des Abgeordnetenhauses am 17. Februar behandeln. Eine Anfrage dieser Zeitung zu den Vorwürfen an die Polizei blieb auch am Montag unbeantwortet.
dpa/cbr




