Wer von euch wollte denn auf diese Schule? In der 7a der Neuköllner Liebig-Schule ist es für einen Moment still – was etwas heißen will, wie ich bald merken soll. Dann rufen alle durcheinander. Nur zwei der 20 anwesenden Schüler melden sich. Alle anderen wollten auf keinen Fall an diese Schule.

Sie hatten sich die Fritz-Karsen-Schule ausgesucht, die Solling-Schule, die Anna-Seghers-Schule. Dort gab es aber keine freien Plätze mehr. An der Liebig-Sekundarschule, die jetzt zur Gemeinschaftsschule Campus Efeuweg gehört, waren hingegen viele Plätze frei.

In der 7a lernen 23 Kinder. Ihre Eltern stammen aus der Türkei, dem Libanon oder Polen. Fünf sind deutscher Herkunft. Ich habe die Schüler seit Beginn des Schuljahres begleitet und werde sie bis zum Ende des Schuljahres weiter besuchen.

Ich will wissen, wie es sich an einer Schule lernt, die bisher nicht sehr beliebt war, jetzt aber neue Wege geht, um sich von ihrem schlechten Ruf zu befreien. Ich will sehen, wie Kinder miteinander auskommen, deren kultureller Hintergrund ebenso vielfältig ist wie ihr Leistungsvermögen. Und erleben, wie eine Lehrerin mit diesen Herausforderungen umgeht. Ein halbes

Hauptschulen gibt es nicht mehr

Yagmar, ein Mädchen mit langen schwarzen Haaren, gehört auch zu denen, die nicht freiwillig an die Liebig-Schule gekommen sind. Viele hätten ihr Angst gemacht und erzählt, wie schlecht diese Schule sei, sagt sie. „Das stimmt aber nicht. Die Schule ist cool.“ Die anderen stimmen ihr zu. Es sei viel besser, als sie gedacht hätten, meinen fast alle. Und Pascal sagt: „Wir sind hier wie eine große Familie, das gefällt mir.“ Niemand lacht. Ernsthaftes Nicken. Die Schüler loben auch ihre Klassenlehrerin Regine Seidler. Die sei super. Andere Lehrer weniger. Es gibt auch sonst einige Probleme, wie sich bald zeigen wird.

Ich treffe die 7a zum ersten Mal kurz vor den Herbstferien. Das Klassenfoto wollen die Kinder an ihrem Lieblingsplatz auf dem Schulhof machen, draußen ist es noch warm. Sieben Schulwochen liegen hinter ihnen. In dieser Zeit haben sie bereits einiges geleistet: Sie mussten sich in der neuen Schule zurechtfinden, sich auf die neuen Klassenkameraden und Lehrer einstellen, als Klasse zusammenfinden. Nadine sagt, dass ihnen das schon ganz gut gelungen ist. Das Mädchen mit dem blonden Bubikopf wirkt noch ein wenig schüchtern. Sie scheint sich aber wohlzufühlen in der 7a.

Die Liebig-Schule war eine von sechs Haupt- und Realschulen im Bezirk Neukölln. Bis zur Oberschulreform von 2009. Diese Reform war dringend nötig. Die Hauptschulen galten schon lange als Restschulen. Auch in der Hauptstadt waren sie ein Auslaufmodell, das von den Eltern gemieden wurde, wo es nur ging. Berlin gehörte dann zu den ersten Bundesländern, die Konsequenzen aus dieser Entwicklung zogen. Die Hauptschulen wurden abgeschafft. Die Liebig-Schule wurde zur Sekundarschule. An ihrem schlechten Ruf änderte das zunächst aber nichts.

2011 war die Lage besonders schwierig. Eltern schrieben damals einen Protestbrief an die Bildungsverwaltung. Von massivem Unterrichtsausfall war die Rede, von fehlenden Lehrern und davon, dass Schüler auf dem Halbjahreszeugnis in drei Fächern, darunter Physik, keine Noten bekommen konnten, weil zu viel Unterricht ausgefallen war. Teilweise hätten Schüler ganze Tage zu Hause bleiben müssen, weil Lehrer fehlten, hieß es in dem Brief.

Vorbild für Schulprojekt: die Rütli-Schule heute

Schulleiter Reinald Fischer und sein Kollegium suchten nach einem Ausweg. Da es der benachbarten Walt-Disney-Grundschule ähnlich ging, beschlossen beide Schulen im Frühjahr 2013, zur Gemeinschaftsschule zu werden. Ihr großes Ziel ist es, einen Bildungscampus aufzubauen, wie es die Rütli-Schule vorgemacht hat. Campus Efeuweg heißt ihr Projekt, benannt nach der Adresse beider Einrichtungen. Bei Rütli werden die Schüler inzwischen maximal gefördert, es gibt viele Arbeitsgemeinschaften, ausreichend Lehrer und eine gute soziale Betreuung. So soll Schule künftig auch am Efeuweg aussehen.

Noch sind sie dort aber ganz am Anfang. Für dieses Schuljahr hatten sich an der Liebig-Schule wieder nur so wenige Schüler angemeldet, dass es gerade für eine siebte Klasse reichte. Da insgesamt drei siebte Klassen aufgemacht werden sollten, wurden der Schule viele Kinder zugewiesen, die an ihren Wunschschulen keinen Platz bekommen hatten, darunter viele Schüler der 7a. Motivierend ist das nicht, weder für die Schüler noch für die Lehrer.

Schulleiter Reinald Fischer sagt, dass sie dieses Problem seit Jahren haben. Auch deshalb sei es bisher schwer gewesen, Lehrkräfte für die Schule zu begeistern. Jetzt liege die Personalausstattung aber bei 100 Prozent. Das sei deutlich besser als in den Jahren zuvor. Nach den Winterferien soll sogar ein neuer Mathematiklehrer kommen. Der wird dann auch in der 7a unterrichten. Seit Weihnachten musste der Matheunterricht in der Klasse vertreten werden, weil die Lehrerin krank geworden ist.

Für die Schüler der 7a ist die Liebig-Schule eine ganz normale Schule. Was in der Vergangenheit geschah, interessiert sie kaum. Allerdings ist auch das Campus-Projekt für sie noch sehr abstrakt. Fast alle sagen, dass sie das Abitur machen wollen. Dazu müssten sie dann nach der zehnten Klasse an das benachbarte Oberstufenzentrum Lise-Meitner wechseln. Viele wollen Medizin studieren, Rechtsanwalt werden oder Polizist. Profisportler liegt als Berufswunsch ebenfalls weit vorn, ebenso wie Ingenieur, Pilot oder Feuerwehrmann. Nadine will Erzieherin werden. Klassenlehrerin Regine Seidler hört aufmerksam zu.

Erschöpfung vor den Herbstferien

Die Leistungsfähigkeit der Schüler ist sehr unterschiedlich, wird sie später sagen, allen gerecht zu werden sei schwer. „Wir brauchen mehr Personal, um öfter Teilungsunterricht zu machen und einzelne Kinder besonders fördern zu können.“ Seidler unterrichtet Biologie, Spanisch und Ethik. Sie arbeitet Teilzeit. „Die Belastung wäre mir sonst zu hoch“, sagt sie. Bevor die Pädagogin vor einem Jahr an die Liebig-Schule kam, hat sie an einer Gemeinschaftsschule in einem gutbürgerlichen Bezirk unterrichtet. Es ist das Campus-Projekt, das sie bewogen hat, nach Neukölln zu wechseln. „Mir macht es Spaß, zusammen mit den Kollegen etwas Neues zu entwickeln“, sagt sie.

Kurz vor den Herbstferien ist die Lehrerin erschöpft. Aber sie ist auch optimistisch. Ihre 7a beschreibt sie als leistungsfähig und „sehr lebendig“. Die Schüler hätten eine hohe soziale Kompetenz, sagt sie. Und nennt ein Beispiel. Ein Junge habe zu Beginn des Schuljahrs versucht, einen anderen zu mobben. Gemeinschaftlich hätten die anderen das verhindert. Doch es gibt auch Probleme. Die 7a ist eine unruhige Klasse. Oft sind die Schüler so laut, dass der Unterricht empfindlich gestört wird. Nadine sagt, dass es oft anstrengend sei. Viele Lehrer wüssten sich nicht anders zu helfen, als ebenfalls laut zu werden. Sie hätten mal eine Stunde lang immer wieder den Satz schreiben müssen, dass sie leise sein sollen. Das habe aber nicht viel genützt.

„Wir arbeiten daran“, sagt Regine Seidler. In ihrer Freizeit nimmt sie seit einigen Monaten an einer Fortbildung teil, die von der Bildungsverwaltung angeboten wird. Sie trainieren, gezielter auf besonders schwierige Schüler einzugehen. Außerdem hat sie mit allen Eltern Gespräche geführt. Gemeinsam haben sie festgelegt, welche Ziele jedes Kind in diesem Schuljahr erreichen sollte. „Die Eltern ziehen mit“, sagt Seidler. Auch zu den Kennenlern-Treffen am Anfang des Schuljahrs seien alle gekommen. 40 Minuten hatte sie sich da für jede Familie Zeit genommen.

Als ich die 7a zum zweiten Mal treffe, ist der Oktober fast zu Ende. Die Kinder sind jetzt ein Vierteljahr zusammen. Heute haben sie Wandertag. Nadine erzählt, dass sie abgestimmt haben. Die meisten wollten auf die Eisbahn. Bei strahlendem Sonnenschein flitzen sie nun über das Rondell an der Oderstraße in Neukölln. Geht es ihnen gut, fühlen sie sich in der Klasse noch wie eine Familie? Nadine nickt. Die Klasse sei zwar noch immer zu laut. „Nur manchmal, wenn Ali (Name von der Red. geändert) nicht da ist, dann ist es schon viel besser.“

Konfliktbewältigung in der Klasse 7a

Doch heute will Nadine nicht weiter darüber reden. Sie will lieber mit den anderen auf der Eisbahn ihre Runden drehen. Die Kinder fotografieren sich gegenseitig, sie albern herum, wenn einer hinfällt, ziehen ihn zwei andere wieder hoch. Sie verstehen sich gut, so viel ist zu sehen.

Wenn nur das mit der Disziplin nicht wäre. „Oft ist es schwer zu lernen“, sagt Pascal. Auch die anderen Jungs beschweren sich über Ali. Der würde ständig provozieren, öfter gebe es Raufereien. Und den Unterricht würde er stören. „Er passt einfach nicht in unsere Klasse.“ Am besten sei es, wenn die strengeren Lehrer wie Klassenlehrerin Regine Seidler unterrichten. „Dann sind wir leise“, sagt Pascal.

Abgesehen davon sei er aber gern in der 7a. Regine Seidler erzählt von einem Workshop zur Konfliktbewältigung, an dem ihre Klasse kürzlich teilgenommen hat. „Da saßen 23 Schüler, und alle wünschten sich, dass es leise ist in der Klasse.“ Dabei sei das doch gar nicht so schwer. Sie habe den Schülern gesagt, dass das Problem gelöst werden könnte, wenn jeder bei sich anfangen würde und sich bemühe, leise zu sein.

Kurz vor den Weihnachtsferien bin ich wieder in der Schule. Klassenlehrerin Regine Seidler wirkt frustriert. Es sind die Umstände, mit denen sie fertigwerden muss. Vor allem für förderbedürftige Kinder gibt es nicht genug Hilfe, und Seidler hat nicht genug Zeit, sich um jeden Schüler so zu kümmern, wie es nötig wäre. Einige Kinder sorgen nach wie vor für Unruhe in der Klasse. Ohne ein strenges, verbindliches Regelwerk geht nichts.

Regeln fehlen, die jeder kennen sollte

Bevor sie ihren Unterricht in der 7a beginnt, befestigt die Lehrerin deshalb jedes Mal sechs Schilder an der Tafel, auf denen je eine Verhaltensregel steht. „Wir hören uns gegenseitig zu“ steht auf einem Bogen, auf einem anderen: „Wenn andere stören, bleiben wir ruhig und arbeiten weiter“, auf dem dritten: „Wir melden uns, wenn wir etwas sagen möchten.“

Es sind einfache Regeln, die jeder kennen sollte. Doch die Schüler der 7a müssen immer wieder daran erinnert werden. Nadine und Pascal erzählen, dass es schon in ihrer Grundschulklasse viel zu laut war. Die anderen haben ähnliche Erfahrungen gemacht und sich offenbar daran gewöhnt, laut zu sein. Wahrscheinlich haben sie nicht zuletzt deshalb große Schwierigkeiten, sich angemessen zu verhalten.

Auch zu Beginn der Biologiestunde, die ich an diesem Montag besuche, hängen die Verhaltensregeln an der Tafel. Regine Seidler lässt abstimmen, welche der sechs Punkte in dieser Stunde im Vordergrund stehen sollen. Die Kinder dürfen sich für zwei entscheiden. Sie wählen „Wir hören uns gegenseitig zu“ und „In einer Gruppen- oder Partnerarbeit leisten alle einen Beitrag“.

Am Donnerstag werden sie eine Leistungskontrolle schreiben. Dafür soll heute geübt werden. „Wir spielen ‚Wer wird Biologär‘“, kündigt Seidler an. Die Klasse wird in zwei Gruppen geteilt. Im Wechsel muss jede Gruppe eine Frage beantworten, wobei vier Antworten zur Auswahl stehen. Die Lehrerin verfolgt mit diesem Spiel gleich mehrere Ziele: Die Kinder sollen lernen, im Team zu arbeiten, sich gegenseitig zuzuhören, miteinander zu diskutieren. Und sie sollen ihr Wissen festigen.

Zu wenige Sonderpädagogen für die Föderung

Das Leistungsspektrum der Klasse reicht von einer Schülerin mit Gymnasialempfehlung bis zu einer mit Lernbehinderung. Differenzierter Unterricht ist hier kein Schlagwort, sondern die Voraussetzung dafür, dass jeder Schüler etwas lernen kann. Doch es ist nicht leicht. Fünf bis sechs Schüler haben Förderbedarf. Mindestens drei davon sind verhaltensauffällig. Der Förderstatus dieser Schüler muss allerdings erst noch festgestellt und genehmigt werden. Eine aufwendige Prozedur, an der Lehrer, Eltern und Schüler beteiligt werden müssen.

„Am Ende bekommen die Schüler dann zwar zusätzliche Förderstunden anerkannt“, sagt Seidler. Die könnten aber kaum realisiert werden, weil Sonderpädagogen fehlen. „Im besten Fall machen das dann die Fachlehrer. Meist schaffen sie das aber nicht.“ Einmal nur habe bisher eine Sonderpädagogin in ihrer Klasse hospitiert und ihr Tipps gegeben. Diese Frau sei aber für 17 Schulen zuständig und habe dafür pro Woche nur insgesamt sechs Stunden Zeit. „Das reicht hinten und vorne nicht.“

Seidler ist entmutigt. Die Schulreform könne so nicht klappen. „Das geht auf Kosten der Kinder“, sagt sie. Solange die besten Schüler an die Gymnasien gehen, hätten andere Schulkonzepte kaum eine Chance. „Ich habe nicht genug leistungsstarke Schüler und damit keine Zugpferde in der Klasse.“

Erregte Gemüter und lautstarke Streits

Beim Bio-Quiz kommt es zu Unruhe und Streit, kaum dass die erste Frage gestellt ist. Immer wieder muss die Lehrerin aufhören und warten, bis sich die Gemüter beruhigt haben. Immer wieder muss sie die Kinder an die beiden Regeln erinnern, die vorn an der Tafel stehen. Die Schüler sind laut und unkonzentriert. Einige rufen ständig dazwischen, springen auf, rempeln ihre Nachbarn an.

Andere reagieren genervt. Regine Seidler bleibt ruhig, lässt Fragen und Antworten wiederholen. Nadine, sie hat jetzt rote Strähnen im blonden Haar und wirkt selbstbewusster als zum Anfang, versucht zu schlichten. Am Ende gewinnt Gruppe A. Gruppe B ist sauer. Dafür bleibt es allerdings vergleichsweise leise. Die Kinder wissen inzwischen durchaus, was es heißt, sich angemessen zu verhalten. Und manchmal gelingt es ihnen schon ganz gut.

Vier Tage vor den Winterferien sind wir noch einmal in der 7a. Die Lautstärke ist erneut das große Thema. Pascal will dieses Mal dazu nichts sagen. Nadine ist froh, dass bald eine Woche schulfrei ist. Cheimaa, sie ist Klassensprecherin, sagt, dass es in einigen Stunden kaum auszuhalten ist. „Zu Hause lerne ich manchmal mehr als in der Schule.“ Ihre Mutter habe ihr das nicht geglaubt, bis sie es selbst erlebt hat.

„Neulich wollte sie mir etwas bringen, da war sie schockiert, wie laut es war. Sie hat nicht mal gemerkt, dass eine Lehrerin im Raum war.“ Issam nickt. Seine Eltern wollen ihn jetzt an eine Privatschule schicken. Doch er möchte seine Freunde nicht verlieren. „Ich weiß nicht, wie es weitergeht“, sagt er. Es klingt traurig.

Verbesserungen in Sicht: Klassenrat sorgt für mehr Ruhe

Regine Seidler glaubt indes an ihre 7a. „In meinem Unterricht ist es schon besser geworden“, sagt sie. Dazu habe der Klassenrat beigetragen, der einmal in der Woche tage. „Wir diskutieren dann eine Stunde lang über unsere Probleme und suchen gemeinsam nach Lösungen.“

Die Lehrerin ist zudem überzeugt davon, dass sich die soziale Arbeit positiv auf das Verhalten der Kinder auswirken wird. Jeder Schüler hat sich zu Beginn des Schuljahrs eine soziale Einrichtung aussuchen dürfen, um dort mitzuhelfen. Dafür sind dienstags die letzten beiden Stunden reserviert. Nadine ist dann zum Beispiel an ihrer alten Grundschule. „Ich lese den Kindern vor und mache mit ihnen Schularbeiten“, sagt sie.

Mein Eindruck kurz vor den Winterferien ist der, dass die Klasse noch immer zu unruhig ist. Gleichzeitig fällt mir auf, dass die Kinder ihre Situation genauer reflektieren als zu Beginn des Schuljahrs und offenbar jeder darüber nachdenkt, was passieren müsste, damit es leiser wird und sie besser lernen können. Nadine sagt, dass ihr Zeugnis „so mittel“ ausfallen dürfte. Bis zu den Sommerferien will sie sich unbedingt verbessern.