Stadtmission

Mit dem Kältebus unterwegs zu Berlins Obdachlosen

Bis zu minus 15 Grad – der Kälteeinbruch trifft vor allem Berlins Obdachlose. Viele drohen zu erfrieren. Der Kältebus hilft ihnen und rettet Leben. Die Morgenpost hat ihn eine Nacht lang begleitet.

Foto: Jakob Hoff (2) / Jakob Hoff

Der Abend beginnt mit dem Duft von Apfelsinen. Ein paar junge Leute stehen gegen 20 Uhr in der Küche und schälen Obst für einen Salat. Andere ordnen nebenan Kleiderstapel, kochen Kaffee und Tee. Es wird eine lange Nacht werden im Keller der Berliner Stadtmission an der Lehrter Straße. Seit der Winter nach Berlin gekommen ist, mit Temperaturen bis 15 Grad minus, haben die Helfer der größten Notübernachtung der Stadt jede Nacht alle Hände voll zu tun. Um 21 Uhr werden sie öffnen. Die Warteschlange der Obdachlosen geht schon jetzt einmal ums Haus.

Mathias Förster und Katja Klünder verstauen Schokolade und Kaffeekannen in einem Korb. Förster schultert einen Sack Schlafsäcke. „Tschüs, Matse, tschüs, Katja“, ruft jemand aus der Küche. Die beiden werden die Nacht über mit dem Kältebus durch Berlin fahren, um jene Menschen aufzusuchen, die es nicht allein bis zu einer der Notübernachtung schaffen. Oder die draußen schlafen wollen, selbst bei bitterstem Frost.

Nach Schätzungen leben in der Stadt weit über 1000 Menschen auf der Straße. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Mathias Förster, 31, und Katja Klünder, 36, kennen viele von ihnen persönlich. Er ist seit drei Jahren einmal die Woche mit dem Kältebus unterwegs, sie sogar schon seit fünf Jahren. In der Nacht werden sie unter Brücken und an Bahnhöfen Hilfe anbieten. Vor allem aber werden sie jene Menschen aufsuchen, für die andere im Hilfe gerufen haben. Polizei, Krankenhäuser, vor allem aber die Leitstelle der BVG rufen oft beim Kältebus an. „Inzwischen bekommen wir auch immer mehr Anrufe von Passanten.

21 Uhr: Als die ersten Gäste in die Räume der Notübernachtung drängen, steigen die beiden den blauen Mercedes-Van mit dem weißen Schriftzug „Kältebus“. Zwei davon betreibt die Stadtmission, das Rote Kreuz hat zudem einen „Wärmebus“. Er biegt gerade auf den Hof, als der Kältebus startet. Katja nimmt den ersten Anruf des Abends entgegen. In den vergangenen Nächten hat das Handy unablässig geklingelt.

21.15 Uhr: In der Notaufnahme der Schlossparkklinik in Charlottenburg wartet ein Herr im Wollmantel, drei Einkaufstüten in der Hand. Er sieht nicht aus wie ein typischer Obdachloser. Als er im Bus sitzt, erzählt er: Er sei aus der Psychiatrie entlassen worden und habe niemanden, zu dem er gehen könne. Er wolle nur schlafen. Warum das Krankenhaus ihn ausgerechnet am Abend entlassen hat, weiß er nicht. Auch der nächste Kältebus-Gast wird aus einem Krankenhaus in den Abend entlassen, ein Pole mit entzündeten Beinen. Auf der Rückfahrt zur Lehrter Straße kommt der nächste Anruf. Eine sehr betrunkene, obdachlose Frau ist auf der Polizeiwache am Ostbahnhof gestrandet.

22 Uhr: Auf dem Weg dorthin lenkt Mathias Förster den Bus zu zwei Spreebrücken in Tiergarten. Die Helfer mustern zwei ordentlich aufgeräumte Schlafplätze – niemand da. Im nächsten „Bett“ liegt ein Mann auf einem Stapel Decken und winkt, als der Kältebus vor ihm parkt. „Das ist Klaus“, sagt Katja Klünder. Als sie Tee und Kaffee aus dem Kofferraum holt, stehen plötzlich zwei weitere Männer da. Robert, 50, und Kim, 26. Bereitwillig geben sie Auskunft über ihr Leben im Freien. Die Notübernachtungen, sagen alle drei, nutzen sie nur in Notfällen. „Da holt man sich Läuse weg, kein Bock drauf“, sagt Kim. Robert wohnt in einer verlassenen Kaserne in Köpenick. „Mit genug Decken kann man problemlos überleben“, sagt Klaus. Matse forscht vorsichtig nach dem Grund für die redselige Stimmung. Die schlichte Antwort: Drogen. Haschisch, Heroin. Er nehme zwar auch Methadon, sagt Klaus, aber das reiche ihm nicht. „I’m a heroine junkie“, singt er vor sich hin. Kim grinst.

22.45 Uhr: 20 Anrufe sind allein in den ersten beiden Stunden der Nacht bei den Kältebussen eingegangen. Je kälter die Nächte, desto mehr Aufträge. „Ein Kollege in der Zentrale hilft uns seit zwei Tagen, den Ansturm zu bewältigen“, sagt Katja und fährt fort, am Handy unablässig Fragen zu stellen. Wo liegt die Person? Ist sie ansprechbar? Kann jemand bei ihr bleiben, bis der Kältebus da ist?

Jeweils zwei Helfer sitzen pro Nacht in den Kältebussen. Viele tun das ehrenamtlich. Katja Klünder ist Anwältin, andere sind Fahrer Handwerker, Studenten, einer leitet ein Seniorenheim, zählt Förster auf. Er selbst arbeitet als Sozialarbeiter in einer Wohneinrichtung für ehemals Obdachlose. Zum Kältebus kam er während seines Studiums als Praktikant. Braucht ein Kältebus-Fahrer eine besondere Ausbildung? Katja lacht. „Nein. Man muss einfach Herz haben und Spaß am Umgang mit Menschen.“

Am Rosenthaler Platz stoppt Mathias Förster wieder. Eine Passantin hat eine hilflose Frau im U-Bahnhof gemeldet. Die Fahrer ahnen, um wen es sich handelt. „Vielleicht ist sie schon wieder oben“, sagt Katja und deutet über die Straße. Vor einem hell leuchtenden Schaufenster liegen ein Haufen Decken und eine blaue Mülltüte. Matse und Katja hocken sich hin, tippen die Decke an, rufen leise: „Hallo?“, während eilige Passanten ungeduldig einen Bogen um sie machen. Der Haufen bewegt sich.

Was bedeutet es, sein Zuhause zu verlieren? Die Privatsphäre? Die menschliche Würde ist, wenn man will, eine Art Rückgrat der Seele. Einmal gebrochen, lässt sie sich nicht einfach so wieder zusammenschrauben. Katja Klünder und Mathias Förster sprechen auf das Deckenbündel ein. „Möchten Sie Kaffee? Tee? Möchten Sie mit dem Kältebus in die Lehrter Straße fahren?“ Schließlich kommt eine Antort. „Danke, ich möchte nichts, es geht schon.“ Eine Frau, mit osteuropäischem Akzent. Später sagen die beiden: „Unser Angebot besteht darin, einfach wieder und wieder zu kommen. Bis vielleicht jemand Vertrauen zu uns findet.“

23.20 Uhr: Auf einer Bank im U-Bahnhof Amrumer Straße liegt ein Mann. Er trägt Mütze, Schal, Handschuhe und liegt in einem dünnen Schlafsack. Als die Helfer sich vor ihn hocken, macht er eine Geste: „Schlüssel vergessen.“ Er will nicht mitkommen. Er könne gut schlafen hier. Morgen werde er wieder nach Hause gehen, versichert er, auch wenn das wenig wahrscheinlich klingt. „Der Bahnhof wird bald geschlossen, dann müssen Sie raus ins Kalte“, sagt Katja Klünder. Vielleicht versteht der Mann nicht, was die beiden von ihm wollen? Immer mehr Obdachlose in Berlin stammen aus Osteuropa, die Helfer schätzen: Bis zu 70 Prozent jener, die abends in die Notübernachtungen kommen, stammen aus dem Ausland.

0.30 Uhr: Der Kältebus parkt jetzt an der Fußgängerzone unter der Bahnbrücke. Oft stehen an der Stelle auch Polizeiwagen, weil die Gewalt hier immer wieder eskaliert. Drei junge Leute kommen näher: „Kaffee?“ Die Helfer nicken und füllen die mitgebrachten Thermobecher der jungen Leute, geben ihnen Schlafsäcke und Mützen. Die Sprachen sind Polnisch und Ungarisch, erfahren sie, mehr jedoch nicht. Das einzige gemeinsame Wort ist „Katastrophe“. Der dritte Mann der Runde kramt noch ein weiteres internationales Wort hervor: „Tunnel“. Es ist die Antwort auf die Frage, wo er die Nacht verbringen wird. Wie er heißt? „Janusch, ein Bettler aus Budapest“, sagt er auf Deutsch. Mit Händen und Füßen erzählt er seine Geschichte. Die ungarische Botschaft habe seinen Pass eingezogen, er habe er zwei Kinder, in Ungarn. Er wiegt den Kopf. „Katastrophe“. Die Helfer nicken. Janusch, der Bettler, lächelt und verschwindet im Dunkel der Nacht. Vom Ostbahnhof meldet die Polizei: Die Betrunkene ist von sich aus gegangen.

1 Uhr: Eigentlich wartet jetzt in Charlottenburg und Reinickendorf jeweils ein Mann an einem U-Bahnhof auf den Kältebus. Doch dringender scheint das Problem am Südstern. „Ein junger Mann, der nur eine leichte Jacke trägt und nichts darunter “, sagt Katja. Der U-Bahnhof ist die ganze Nacht über geöffnet, doch der Mann steht bei minus vier Grad draußen. Er klettert in den Bus, „Hey, ich bin der Dirk“, sagt er, als ginge es im Taxi zur Party.

Er beginnt sofort ohne Unterlass zu reden. Seine Geschichte beginnt bei vier Tagen Party, Kiffen und Saufen, es geht um seine Eltern in Spanien, um Sex mit französischen Frauen, schließlich um eine amerikanische Weltverschwörung. „Seit wann lebst du auf der Straße?“, stoppt Förster den Redestrom. Plötzlich ist es still im Bus. „Seit ich 18 bin“, sagt Dirk, und dass das jetzt 15 Jahre her sei. „Vielleicht solltest du dich erst Mal um dich selbst kümmern“, sagt Katja Klünder. „Aber das kann ich doch nicht, ohne Frau“, kommt es von der Rückbank. Wie ein Kind. Förster atmet auf, als er in die Lehrter Straße einbiegt. Er begleitet Dirk zur Notübernachtung und dreht ihm noch eine Zigarette. Sie kennen sich, Dirk war schon vor eineinhalb Jahren einmal im Kältebus. Er habe abgebaut seitdem, physisch wie psychisch, sagt Förster. Später werden die Helfer erfahren, das Dirk in der Notübernachtung Streit angefangen und einen Helfer geschlagen hat. Sie haben ihn vor die Tür gesetzt, und die Polizei gerufen. Gewalt wird nicht geduldet. Dirks „Partyabend“ endet am Hauptbahnhof, wo ihn der Polizei aufgreift.

2 Uhr: Der Kältebus pflügt jetzt einsam über die salznassen Straßen. Hinter den beschlagenen Busscheiben verschwimmen die Leuchtreklamen der Stadt zu einem bunten Film von Wohlstand und Glück. Die Helfer aber haben den Blick auf die Hauseingänge und Lüftungsschächte gerichtet, auf die Vorräume von Bankautomaten, und erzählen dabei die Geschichte von Günter und dem Glück. Es ist eine Antwort auf die Frage, warum sie nachts auf die Suche gehen nach verlorenen Gestalten. Alle Kältebusfahrer kennen Günter, 83 Jahre alt. Günter ist mit allen schon mal gefahren. Immer wieder haben sie dem alten Mann Hilfe vermittelt, Gespräche mit den Sozialarbeitern. Inzwischen lebt Günter wieder in einer Wohnung – bei der Stadtmission an der Lehrter Straße. Mathias Förster und Katja Klünder haben ihn gerade besucht.

2.20 Uhr: Am U-Bahnhof Wittenau kommt die Hilfe für heute zu spät. Ein Mann in BVG-Uniform winkt den Bus heran. Er war es, der angerufen hatte wegen eines Obdachlosen im Bahnhof. „Der Kollege hat sich aber inzwischen verdünnisiert“, sagt er bedauernd.

2.45 Uhr: Am U-Bahnhof Mierendorffplatz steht ein junger Mann in Jogginghosen und weiter Jacke, eine Sporttasche in der Hand. Er komme aus der Psychiatrie, erzählt er. „Abgehauen“. Katja fragt weiter. Marcels Geschichte ist eine Endlosschleife von Gewalt und Psychiatrie, einem prügelnden Vater, einer hilflosen Mutter. „Ich habe nichts, wo ich noch hingehen kann“, sagt er langsam. „Was hast du genommen?“, will Mathias Förster wissen. „Diazepam, zwangsweise.“ Ein starkes Psychopharmakon, das die Apathie des Jungen erklärt. Katja Klünder schärft ihm ein, am nächsten Morgen in der Lehrter Straße auf jeden Fall mit einem Sozialarbeiter zu sprechen. „Du brauchst Hilfe.

4 Uhr: Die Kältebus-Nacht endet dort, wo sie begonnen hat – im Keller der Stadtmission an der Lehrter Straße, wo die Notübernachtung ihre Räume hat. Wie am frühen Abend ist das Erste, was dem Besucher entgegenschlägt, ein Geruch. Diesmal ist es der von ungewaschenen Menschen und Urin. Nur der Küchentresen ist noch beleuchtet. Aus dem Dunkel des Raums dringen leise Geräusche. Füßescharren und Schnarchen, ein leises Pfeifen und Greinen. Erst nach einer Weile trennen sich die Gestalten vom Dunkel. Dicht an dicht sitzen Männer und Frauen an Tischen und auf Bänken, reglos, sie lehnen an Wänden, liegen auf dem Boden, unter den Tischen. Zwei alte Männer mit geschorenen Köpfen schlafen, die Gesichter einander zugewandt, unter einem Holzkreuz an der Wand. 80 Menschen sind es, die diese Nacht hier Zuflucht gesucht haben. 100 weitere schlafen in den Notübernachtungsräumen im Obergeschoss. Es sind fast doppelt so viele wie eigentlich vorgesehen. Doch zu den Regeln an der Lehrter Straße gehört auch jener christliche Grundsatz: Niemand wird abgewiesen. Egal, was es bedeutet.