Die rot-schwarze Koalition macht ernst mit der Rekommunalisierung der Berliner Energienetze. Der Senat ebnete am Dienstag den Weg zu einer möglichen Übernahme des Gasnetzes. Die landeseigene Gesellschaft Berlin Energie soll mit ausreichend Geld ausgestattet werden, um den auf zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Euro teuren Rückkauf des Gasnetzes von der Gasag zu bezahlen. Dazu wird nun die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ermächtigt, mit der landeseigenen Investitionsbank IBB über die Details eines Kredits über 453 Millionen Euro, den größten Teil der Summe, zu sprechen. Das Geld wird aber nur dann benötigt, wenn sich die Berlin Energie im Vergabeverfahren um das Gasnetz gegen die Gadsag und den niederländischen Netzbetreiber Alliander durchsetzen sollte. Es gehe darum, die Voraussetzungen zu schaffen, dass unser Landesbetrieb die Finanzstärke hat, sich zu bewerben“, sagte Senatssprecher Richard Meng.
Vorbild für die Stromnetzvergabe
Nicht nur bei der Gasag, die den Verlust ihres Kerngeschäftes Netzbetrieb befürchtet, sondern auch bei Vattenfall wird das Agieren der Landespolitik argwöhnisch beäugt. Das Vergabeverfahren für das Gasnetz ist einen Schritt weiter als das Rennen um das Stromverteilnetz. Aber auch für das Stromnetz wird Berlin zu gegebener Zeit eine ähnliche Konstruktion finden und mehrere hundert Millionen Euro bereitstellen müssen.
Für Gas müssen die Bewerber demnächst die verbindlichen Angebote abgeben, eine Entscheidung soll dann vermutlich im Sommer fallen. Die Stromnetzanbieter, bei denen sich neben Vattenfalls Tochter Stromnetz Berlin GmbH für den Vollbetrieb des Netzes wiederum die landeseigene Berlin Energie und die Holländer von Alliander interessieren, müssen länger warten. 2014 wird die Konzession für den 20-jährigen Betrieb des Stromnetzes wohl nicht mehr vergeben. Der zweite Verfahrensbrief, in dem die Senatsfinanzverwaltung ihre Anforderungen formuliert, wird nun Ende Februar erwartet. Ursprünglich hatte die vergebende Stele dieses Schreiben für den vergangenen November angekündigt. Nun ist das Verfahren mindestens vier Monate in Verzug.
Vattenfall-Tochter fährt Informationsoffensive
„Wir haben die Zeit genutzt, um ein verdammt gutes Angebot auszuarbeiten“, sagte am Dienstag Helmar Rendez, Chef der Stromnetz Berlin GmbH. Der Manager kann sich nun voll auf die Berliner Bewerbung konzentrieren, seit der Vattenfall-Konzern mit dem Hamburger Senat vereinbart hat, das dortige Stromnetz für eine halbe Milliarde Euro an die Stadt Hamburg zu verkaufen und die dafür nötigen Mitarbeiter von Vattenfall zu übernehmen.
Um das Berliner Geschäft zu retten, fährt die Vattenfall-Tochter seit Monaten eine Informationsoffensive. Am Dienstag lud die Stromnetz GmbH in die moderne Mittelspannungsleitwarte in der Schöneberger Bissingzeile. „Die Energiewende findet in der Mittelspannung statt“, sagte Rendez. Fotovoltaikanlagen, Elektroautos, induktive Ladungsstationen, all diese Elemente dezentraler Erzeugung und Verbrauchs laufe über die Mittelspannungsleitungen, die immer eine Gruppe von Häusern oder einen Straßenzug anbinden. Hier wird die intelligente Steuerung notwendig, das so genannte Smart Grid, bei dem das Netz flexibel auf die unterschiedlichen Anforderungen reagiert. Die Veränderungen werden erheblich sein: Derzeit sind 5000 Solarstromanlagen und 800 dezentrale Blockheizkraftwerke (BHKW) ans Netz angeschlossen. Bis 2030 rechnet Rendez mit 25.000 Fotovoltaikanlagen und 5000 BHKW. Allein die Zahl dieser Kleinkraftwerke für Strom und Wärme werden in einem Jahr um 600 zunehmen.
Netzbetreiber muss 1,4 Milliarden Euro investieren
Im laufenden Jahr will die Vattenfall-Tochter 294 Millionen Euro für die Netzinfrastruktur in Berlin ausgeben, 140 Millionen davon gelten als Investitionen. In zehn Jahren muss Vattenfall - aber genauso jeder andere Netzbetreiber, der im Verfahren obsiegt, - etwa 1,4 Milliarden Euro in die Erneuerung der Leitungen und Umspannwerke stecken. Diese Ausgaben kann sich das Unternehmen mit einem gewissen Zeitverzug von der Bundesnetzagentur anerkennen lassen und sie dann auf die Netznutzungsentgelte umlegen, die jeder Stromkunde mit seiner Rechnung bezahlen muss. Wie stark die Netzentgelte dadurch ansteigen, ist laut Rendez aber noch nicht genau zu sagen, weil die Regulierungsbehörde von Netzbetreibern auch eine steigende Effizienz fordert.
Neben den absehbar steigenden Kosten für das „smart grid“ müssen die Bürger sich aber auch auf Bauarbeiten einstellen. Stadtteil für Stadtteil will die Stromnetz-Berlin die Leitungen auf den neuesten Stand bringen. Allein 34,3 Millionen Euro werden bis 2016 in Gebietssanierungen investiert. Den Anfang machen 2014 Heiligensee und Lichtenrade. Hier werden fünf beziehungsweise sieben Millionen Euro unter anderem in neue Kabel verbaut. Es folgen Hohenschönhausen, Mahlsdorf und Britz. Dabei geht es auch darum, die Netze künftig fernzusteuern. Im Falle einer Havarie müssen keine Techniker mehr rausfahren zu den Schaltstationen, sondern können einen Weg zum Kunden von der Leitstelle aus schalten.
Neues Umspannwerk bis 2018 in Gatow
Viel Geld wird auch in die Sanierung und Neubau der Umspannwerke fließen. Ein neues Umspannwerk entsteht bis 2018 in Gatow, das ganze Versorgungsgebiet Spandau mit 98.000 Haushalts- und 6400 Gewerbekunden wird neu strukturiert, Kostenpunkt 85 Millionen Euro. In Köpenick ersetzt das Umspannwerk Landjäger die alte Anlage Wendenschloss. Ein weiteres Umspannwerk aus den 60er-Jahren wird in Britz vom Netz genommen und durch eine moderne Anlage ersetzt. Ein ganz neues Umspannwerk entsteht bis 2017 für 35 Millionen Euro in der Europacity nördlich des Hauptbahnhofs. Auch das ist eine Anforderungen an den Netzbetreiber in einer wachsenden Stadt. „Ehe die Bagger anrollen, sagte Rendez, müssen wir mit unserer Infrastruktur schon da sein“.
Im Vergleich zu diesen Neubauten ist es vergleichsweise günstig, die Strommasten und die letzten Freileitungen zurückzubauen. Bis 2015 sollen 14 47 Meter hohe Masten zwischen dem Kraftwerk Reuzter und dem Jakob-Kaiser-Platz verschwunden sein.




