Das kleine Mädchen tappt an der Hand des etwas größeren Bruders die Treppe hinunter. „Vorsicht! Aufpassen“, ruft Ton Doesburg quer durch die Hotellobby. Dann wendet er sich wieder dem unterbrochenen Gespräch zu. „Das ist der Großvater in mir“, sagt der Chef der Alliander AG, der deutschen Tochter des niederländischen Netzbetreibers und seine Augen blitzen verschmitzt unter der randlosen Nickelbrille.
Bewertung als bester Netzbetreiber überhaupt
Der freundliche Herr mit dem sanften niederländischen Akzent ist die größte Gefahr für die alteingesessenen Akteure auf dem Berliner Energiemarkt. Mit ihren Bewerbungen um die Konzessionen für das Gasnetz und für das Stromnetz greifen die Holländer die aktuellen Netzbetreiber Gasag und Vattenfall direkt an. Ohne die Initiative von Alliander würden sich in beiden Verfahren auf Wettrennen zwischen der landeeigenen Kleinstfirma Berlin Energie gegen die jeweiligen Platzhirsche beschränken.
Die Niederländer, die in der Heimat sechs Millionen Menschen mit Strom und Gas versorgen und in internationalen Vergleichsstudien als bester Netzbetreiber überhaupt bewertet werden, machen den Wettbewerb überhaupt erst spannend. Ton Doesburg hat den großen Vorteil, dass er weiß, wie Politiker ticken, vor allem Sozialdemokraten. Schließlich war der 63-Jährige lange selber einer. Er saß für die sozialdemokratische Arbeitspartei im Parlament der östlich von Amsterdam gelegenen Provinz Gelderland , war so etwas wie Finanz- und Wirtschaftsminister der Region und später vertrat er seine Heimat auch im nationalen Senat in der Hauptstadt Den Haag.
Keine Gelegenheit lässt der Manager aus, die Kooperationsbereitschaft seines Unternehmens mit den Kommunen, die die Konzessionen vergeben, zu betonen. „Unsere Aktionäre wollen, dass Alliander die Daseinsvorsorge absichert“, sagt Doesburg und klingt wie ein Rekommunalisierungs-Befürworter aus der SPD. Das sagt sich leicht für ihn, schließlich sind die Eigentümer von Alliander selbst holländische Städte und Provinzen.
Alliander will Gas- und Stromnetz übernehmen
Mit dem Angebot, als einziger Bieter Gas- und Stromnetz zugleich übernehmen zu wollen, haben die Holländer schon ein Alleinstellungsmerkmal, wenn es auch unterschiedliche Einschätzungen darüber gibt, welche Synergieeffekte die gemeinsame Pflege und Planung der Leitungen wirklich hätte. Alliander sagt, es seien viele, die Konkurrenz bezweifelt das.
Sympathien vor allem in der SPD hat Doesburg gewonnen, weil er anders als die Konkurrenz sofort bereit wäre, auch als Minderheitengesellschafter mit dem Land Berlin zusammen zu gehen. Bei Alliander gehen sie davon aus, dass ihre technische Expertise immer gefragt wäre, auch wenn sie weniger als 50 Prozent halten würden. Man müsse halt mit allen reden, lautet sein Credo. In Hamburg hat sich Doesburg gemeinsam mit einer Bürger-Genossenschaft um das Stromnetz beworben.
Im regionalen Wettstreit um die Netze lässt Doesburg aber auch immer mal wieder den internationalen Experten durchscheinen. Wenn Vattenfall damit wirbt, die Bundesnetzagentur habe seiner Stromnetz Berlin GNbH 100 Prozent Effizienz im Netzbetrieb bescheinigt, kontert er mit dem den größeren Maßstab. „Das ist mit 100 Prozent deutsche Spitze, aber nicht europäische Spitze“, sagt er kühl und der freundliche Politiker weicht dem knallharten Geschäftsmann: „Die OECD sagt, die besten Netze der Welt gibt es in den Niederlanden.“ Dort betreibt seine Firma unter anderem die Netze der Metropole Amsterdam.
„Die Niederlande sind einfach zu klein“
Technisch sei sowieso alles das gleiche. Die Hardware kommt von Siemens, die Software oft vom Berliner Unternehmen PSI. Die deutschen seien technisch, aber auch in der Umwelt- und Energiepolitik vorne, auch deswegen expandiert Alliander über die Grenzen. „Die Niederlande sind einfach zu klein“, sagt Doesberg.
Zudem wirbt Alliander mit seiner klaren Rolle in der Kette der Energieversorgung. Das Unternehmen betreibt nur Netze, anders als die Wettbewerber verkauft die Firma weder Gas noch Strom und besitzt auch keine Kraftwerke. Aber Doesburg kennt die Zeit, als auch in den Niederlanden die verschiedenen Geschäftszweige nicht komplett getrennt waren. Immer wieder lässt er durchblicken, dass es in großen Energiekonzernen eben doch immer Kontakte zwischen den Netzbetreibern und den anderen Sektoren gebe, nicht immer zum Besten der Kunden.
Doesburg spricht aus Erfahrung. Acht Jahre lang war er Chef von Nuon Deutschland, jenem niederländischen Newcomer, der zu Beginn des Jahrtausends Deutschlands Markt mit „lekker Strom“ in Bewegung brachte. Aus einem kleinen, im Besitz der Provinz liegenden Energieversorger PGEM hatte er seit Mitte der 1980-er Jahre Nuon mit aufgebaut. Als die Niederlande das so genannte „Unbundeling“, also die Trennung von Energieerzeugung und Verkauf vom Netzbetrieb gesetzlich verfügten, verkauften die kommunalen Anteilseigner Nuon für mehr als neun Milliarden Euro an den Vattenfall.
Sozialdemokraten träumen von starken Staatsbetrieben
Zusammen mit dem zuvor abgespalteten Netzbetreiber Alliander rechnet sich Doesburg eine Wertsteigerung von 16 Milliarden Euro zu, die den Kassen der beteiligten Kommunen und Provinzen zugute kam. „Die haben jetzt ein schönes Guthaben, die Hauptgesellschafter sind total entschuldet“, sagt der Manager, der vor seinem Einstieg in die Politik nach dem Verkauf seines eigenen IT-Unternehmens selbst zu Geld gekommen war. Er weiß, dass gerade einige Berliner Sozialdemokraten solche Geschichten lieben. Denn sie träumen davon, mit starken Staatsbetrieben nicht nur die Versorgung der Stadt zu sichern, sondern auch Geld für den Haushalt zu verdienen.
Doesburg würde gerne mit dem Land Berlin zusammenarbeiten. Zwar hat sich sein Unternehmen auch für die vollständige Übernahme der Netze beworben und dafür den Aufbau einer eigenen Gesellschaft mit 280 Mitarbeitern in Berlin in Aussicht gestellt. Noch lieber würden Alliander aber die Mannschaften der derzeitigen Betreiber übernehmen und durch ein paar eigene Spezialisten ergänzen. Favorit jedoch ist für Doesburg eine gemeinsame Gesellschaft mit dem Land Berlin.





