Öffentlicher Dienst

Berlins Verwaltung geht der Nachwuchs aus

300 Nachwuchskräfte stellt die Berliner Verwaltung weniger ein als noch im Jahr zuvor – ungeachtet der kommenden Pensionierungswelle. Dem öffentlichen Dienst droht die Handlungsunfähigkeit.

Foto: Massimo Rodari

Trotz der anstehenden Pensionierungswelle im öffentlichen Dienst stellt die Berliner Verwaltung weniger Auszubildende ein als im Vorjahr. Derzeit bildet das Land 6507 Menschen aus. Das entspricht 190 Auszubildenden weniger als im Vorjahr.

Nimmt man diejenigen Beamten hinzu, die „zur Anstellung“ anstehen, aber noch keine Stelle zugewiesen bekommen haben, beläuft sich die Zahl der Auszubildenden im öffentlichen Dienst auf 8382 und damit um fast 300 Stellen geringer als im Jahr davor. „Die Personalpolitik ist eine der großen Zeitbomben der Berliner Politik“, sagt Oliver Schruoffeneger (Grüne). „Und eines der großen strategischen Probleme der nächsten Jahre.“

Angesichts der anstehenden Pensionierungswelle „ist die Handlungsfähigkeit der öffentlichen Verwaltung akut bedroht“, so der Personalexperte der Grünen weiter. 104.700 Stellen habe es im vergangenen Jahr im öffentlichen Dienst gegeben. Bis zum Jahr 2019 scheiden 28.800 altersbedingt aus. „Angesichts dieser Zahlen ist der Rückgang bei der Ausbildung eine Katastrophe“, sagt Schruoffeneger.

Große Nachfrage bei der Polizei

Auch die Auszubildendenvertretung des öffentlichen Dienstes kritisiert den Senat. „Die Personalentwicklung hat weder Hand noch Fuß“, sagt die Auszubildendenvertreterin Ines Rohde. „Wenn die Behörden nicht umdenken, dann bleiben künftig Auszubildendenstellen unbesetzt“, befürchtet Rohde. Sie fordert vom Senat ein landesweites Ausbildungsmarketing, um mehr Bewerber für den öffentlichen Dienst zu gewinnen. Das Land müsse insgesamt als Ausbilder attraktiver werden.

Während in bestimmten Ausbildungsberufen die Zahl der Bewerber unter der zu vergebenden Stellenanzahl liegt, haben andere Bereiche des öffentlichen Dienstes kein Problem, ausreichend Bewerber anzusprechen. Für die im vergangenen Jahr 450 Ausbildungsstellen bei der Polizei bewarben sich insgesamt 7000 Berliner.

Die Zahl steigt jährlich. Nach Angaben des Sprechers der Berliner Polizei, Stefan Redlich, sei das auch notwendig. Die Anforderungen an angehende Polizisten sind hoch. „Die Zahl der Schulabgänger geht zurück und wir stehen in Konkurrenz zu anderen Arbeitgebern“, sagt Redlich.

Zur Zeit sucht die Polizei gezielt nach Bewerbern mit Migrationshintergrund. 20 Prozent der Bewerber und 15 Prozent der eingestellten Nachwuchspolizisten verfügen inzwischen über nichtdeutsche Wurzeln. Allerdings besteht laut Redlich noch Nachholbedarf bei weiblichen Bewerbern mit Migrationshintergrund.

Opposition und IHK fordern Umdenken

Anders sieht es bei der Justiz aus. Hier stellte die Verwaltung im zweiten Jahr in Folge mehr als 30 Prozent weniger Nachwuchs ein als in den jeweiligen Vorjahren. Dagegen stellten die Bezirksämter Steglitz-Zehlendorf, Neukölln und Tempelhof-Schöneberg zehn Prozent mehr Auszubildende als im Jahr 2012 ein.

Insgesamt erschwert wird die Situation rund um das Personal im öffentlichen Dienst dadurch, dass sich niemand im Senat zuständig fühlt. Neben der Arbeitsverwaltung teilen sich die Innenbehörde, die Finanzverwaltung und die Senatskanzlei die Verantwortung für Personalfragen. Überfällig ist zudem das seit langem angekündigtes Personalbedarfskonzept für die öffentliche Verwaltung.

Die Opposition im Abgeordnetenhaus, aber auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) fordert ein Umdenken. Das Personal müsste aus IHK-Sicht zur Chefsache erklärt werden. Die Kammer verweist dabei auf Hamburg, wo der Erste Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) an der Spitze des Personalamtes stehe. Dass ein Arbeitgeber mit 100.000 Beschäftigten keinen zentralen Personalchef habe, sei in der Wirtschaft undenkbar.

Den größten Aderlass muss die Stadtentwicklungsverwaltung in den kommenden Jahren hinnehmen. Dort erreichen fast 40 Prozent der Mitarbeiter bis zum Jahr 2019 die Altersgrenze. Das geht aus einem Bericht der Finanzverwaltung über die „Beschäftigten im unmittelbaren Landesdienst Berlin“ hervor.

Umfangreicher Personalabbau in den kommenden Jahren

Überdurchschnittlich viel Personal verlieren auch die Bildungs-, Gesundheits- und Arbeitsverwaltung. Hier verlässt jeder dritte Mitarbeiter in den kommenden Jahren die Behörde. In einigen Abteilungen gehen sogar mehr als die Hälfte der Mitarbeiter bis 2019 in den Ruhestand. So verliert die Abteilung Sport in der Senatsinnenverwaltung 22 von 40 Mitarbeitern, im Brücke-Museum scheiden acht von 13 Mitarbeitern altersbedingt aus, und in der Abteilung Hochbau erreichen 67 von 130 Mitarbeitern die Altersgrenze.

In den vergangenen Jahren hat der öffentlichen Dienst einen umfangreichen Personalabbau vorgenommen. Ziel ist es, die Mitarbeiterzahl auf 100.000 zu beschränken. Inzwischen regen sich in der Landespolitik jedoch Stimmen, die die Zahl für nicht ausreichend hält. Angesichts einer wachsenden Einwohnerzahl müsste auch die Zahl der öffentlich Beschäftigten steigen, um leistungsfähig zu bleiben, forderte zuletzt SPD-Fraktionschef Raed Saleh.

Allerdings ist fraglich, ob der Senat angesichts des Missverhältnisses zwischen Einstellungen und altersbedingtem Ausscheiden die angestrebten 100.000 Stellen halten kann. „Wenn dies nicht endlich von Verwaltungsspitzen und Politik als gemeinsame Aufgabe konzentriert angegangen wird, droht dem öffentlichen Dienst in Berlin das völlig Ausbluten“, so Schruoffeneger.