Schon merkwürdig, mit Christiane Paul durch den Akazien- und Goltz-Kiez zu spazieren. War ja auch an der Zeit, dass man mal die Nachbarin kennenlernt. Man hat zwar nicht Tür an Tür gelebt und auch nie ein Wort gewechselt. Aber ich habe sie öfter hier gesehen. Und jetzt entdeckt man Gemeinsamkeiten. Das Bett im selben Laden gekauft. Und die Stühle auch. Seinen Kaffee am liebsten da drüben bei Arno getrunken.
Ach ja, und die Kinder in dieselbe Kita geschickt. Auch hat man in der Straße manches ähnlich wahrgenommen: Den Obsthändler etwa, er hat gerade dicht gemacht; oft hatte er die besten Früchte im Angebot, aber er war auch verdammt teuer, deshalb kaufte man eher selten bei ihm ein. Oder den skurrilen Zeitungshändler, den man bei jedem Wetter draußen an einem Tisch sitzen sieht, wo er sich durch alle Publikationen zu arbeiten scheint, die sein Laden bietet.
Die etwas anderen Projektmanager
Die Gegend hat einen besonderen Charme. In den Cafés sitzen Typen, denen die rasenden Veränderungen in der Stadt nichts anzuhaben scheinen. So stoisch hocken sie da, als hätten sie alle Zeit der Welt, und reden von Projekten. Immer haben sie irgendein Projekt am Laufen, irgendwann muss doch mal der Durchbruch kommen. Sie sitzen und warten und schauen den Passanten nach, vielleicht ist ja Nick Cave darunter, der alte Punk-Rocker, der in den 80er-Jahren hier öfter entlang geschlendert sein soll.
Christiane Paul war auch mal weg. Ein Jahr in Hamburg. Aber vor drei Jahren zog sie doch wieder nach Schöneberg. Es existiert hier etwas, das allen Veränderungen zu trotzen scheint. Eine zähe kleine Welt. Das Bastelgeschäft „Rüther“ in der Goltzstraße etwa – „ein Paradies für Kinder und Eltern“ nennt es Christiane Paul. „Früher habe ich gedacht: Basteln? Hä? Und jetzt bin ich da oft mit meinen Kindern drin.“ Oder das „Steinreich“ in der Akazienstraße, so ein Eso-Laden, der Steine für alle Lebenslagen anbietet. Ihre Kinder ziehen Christiane Paul immer mal wieder dort hinein: „Ich frage mich, wie kann das sein, dass es diese Läden immer noch gibt, obwohl die Mieten doch sicherlich steigen?“ Geschäfte wie die „Strumpf-Boutique“, die von einer „entzückenden Frau“ betrieben wird, die super gut beraten könne.
Früher musste man schon zwei Mal hinschauen, um zu erkennen, dass es Christiane Paul war, die da einen Kinderwagen schob und sich hinter einer Sonnenbrille verbarg. Eine Bekannte erzählte einmal, wie sie die Schauspielerin in der Belziger Straße beobachtet hatte. Dort liefen gerade Dreharbeiten. Christiane Paul stand am Rande und verfolgte das Geschehen – als Zuschauerin. Das habe etwas wehmütig gewirkt.
Ein Nachbar namens Gauck
Aber warum Schöneberg? „Kurz bevor meine Tochter zur Welt kam, mussten wir eine neue Wohnung suchen. Ich bin in Pankow groß geworden, aber damals gab es dort nicht so viel sanierten Wohnraum. In Prenzlauer Berg war nichts mehr zu finden, und das war auch schon sehr teuer.“ Eine Freundin habe ihr dann geraten, doch in Schönberg zu gucken. „Obwohl mich hier überhaupt nichts verbunden hat mit irgendwas. Ich kannte Schöneberg gar nicht. Und dann haben wir eine Wohnung am Volkspark gefunden, in der Nymphenburger Straße.“
Das ist eine schöne, kleine Straße mit Häusern, die etwas Hochherrschaftliches haben, so als ob sie dem Münchner Schloss gerecht werden wollen, das im Straßennamen anklingt. Christiane Paul erinnert sich an japanische Kirschblüten im Frühjahr und an einen Nachbarn, den sie selbst nie selbst gesehen hat und nur aus Erzählungen kannte, es ist der heutige Bundespräsident Joachim Gauck. Das Hinterland um den Innsbrucker Platz sei nicht so schön. „Aber komischerweise habe ich mich so wahnsinnig wohl und frei gefühlt hier. Es gab immer mal Überlegungen, nach Pankow zurückzuziehen, aber ich konnte nicht.“ Dass sie nach ihrem Jahr in Hamburg wieder in diese Gegend zog, sei die richtige Entscheidung und ein Riesenglück gewesen.
Sie lebt dort jetzt mit ihren beiden Kindern, der elfjährigen Tochter und dem sechsjährigen Sohn, aber ohne die Väter. „Es ist schon interessant, wie man sich ein Leben vorstellt und es dann doch anders läuft. Damit muss dann umgehen: dass man die Vorstellungen, die man hatte, der Realität anpasst.“ Welche Vorstellung hatte sie? „Na ja, ich hatte auf keinen Fall die Vorstellung, dass ich mich jeweils von den Vätern meiner Kinder trennen würde. Das war nie mein Wunsch.“ War sie diejenige, die sich getrennt hat? „Das ist schwierig. Ich glaube schon, dass sich beide trennen. Aber einer sagt es dann. Ich glaube, der innere Prozess der Trennung ist schon längst in Gange. Auch bei dem anderen, auch wenn er der Verlassene ist. Ich habe für mich die Theorie, dass selbst der, der verlässt, schon vorher verlassen worden ist.“
Ihr neuer Film heißt „Eltern“
Aber woran, frage ich, liegt es denn, dass trotzdem so viele Ehen heute in die Brüche gehen? Sind Kinder Beziehungskiller? Sie schüttelt den Kopf, energisch: „Ich glaube nicht, dass die Kinder daran schuld sind, dass Ehen zerbrechen. Es sind eher die eigenen Ansprüche an das Leben und das Verständnis von Glück und Zufriedenheit. Die romantische Vorstellung von Liebe, die wir haben – es ist halt die Frage, ob das alles stimmt.“
Die 39-Jährige geht dem Thema vielleicht auch deshalb nicht aus dem Weg, weil es zu ihrem neuen Film gehört. „Eltern“ heißt er und ist eine feinfühlig erzählte Familiengeschichte. Christiane Paul spielt eine Mutter von zwei Kindern, die Ärztin ist (eine merkwürdige Parallele zu ihrem eigenen Leben, aber davon später), eine erfolgreiche, die ihren Beruf liebt und gern noch höher auf der Karriereleiter steigen würde. Den Haushalt und die Erziehung der Kinder managt ihr Mann (gespielt von Charly Hübner). Ein scheinbar perfekter Tausch, um den sie von anderen Müttern beneidet wird.
Bis allerdings der Mann auch mal wieder arbeiten will. Ein argentinisches Kindermädchen wird engagiert, doch es fällt bald aus, weil es schwanger ist. Und so gerät das Familienidyll ins Wanken. Die Mutter wird zu Hause gebraucht und merkt, dass ihr durch ihren Beruf das Private ziemlich fremd geworden ist: die Bedürfnisse der Kinder, der tägliche Einkauf, die Gefühle für ihren Mann.
Eine strenge Mutter
Vor zehn Jahren spielte Christiane Paul in einem ähnlichen Film mit, „Väter“ von Dani Levy. Nur war es damals der Mann, der Karriere machte und die Mutter zu Hause mit dem Kind im Stich ließ. Ja, sagt sie, es habe sich in punkto Erziehung ein bisschen was verändert. Schon durch die Elternzeit, die Väter dazu gebracht habe, zu Hause zu bleiben. „Es gibt sicher noch die klassische Familiensituation, wo der Mann viel Geld verdient und die Frau zu Hause bleibt. Dennoch fühlen sich heute mehr Männer verantwortlich für die Familie, und das gerade in der ersten Zeit, in der die Kinder noch klein sind. Und diese Männer treten dann auch im Beruf kürzer.“
Wir sind am Winterfeldtplatz angekommen, und es ist wegen des Markttages kaum ein Durchkommen. Christiane Paul hat sich die Sonnenbrille vor die Augen geschoben. Wir beschließen, die Menge links liegen zu lassen und wählen den Weg in die Richtung der etwas ruhigeren Akazienstraße. Sie selbst habe sich rasch nach der Geburt der Kinder entschieden zu arbeiten. Als die Tochter ein halbes Jahr alt war, stand sie wieder am Set, ihren Sohn nahm sie bereits nach acht Wochen mit zu Theaterproben. Schlechtes Gewissen? „Nee.“ Und nach eine Pause sagt sie: „Ich wollte arbeiten. Und war dann auch unruhig. Ich hätte das bestimmt nie getan, wenn es den Kindern nicht gut gegangen wäre. Außerdem bin ich so groß geworden, mit dieser Selbstverständlichkeit, dass man die Kinder in eine Krippe geben kann, um zu arbeiten. Das habe ich nie hinterfragt.“
Ich frage sie, ob ihre Eltern zu ihr streng waren? Sie antwortet zögernd: „Mhm, streng!“ Ist sie auch streng? „Ja, meine Kinder empfinden mich als streng.“ Und wie empfindet sie sich? „Auch als streng, Ich glaube aber, ich mache viel mit und für meine Kinder. Trotz der beruflichen Belastung. Mein Leben ist zum einen mein Beruf, zum anderen sind es meine Kinder. Es gibt eigentlich nicht mehr viel dazwischen.“
Diese Berlinerin berlinert
Als wir an der katholischen St. Matthias-Kirche vorbeigehen, frage ich, ob wir nicht hineingehen wollen. Auf dem Hinweg war die Kirche noch offen, jetzt ist sie leider zu. Christiane Paul erzählt, sie sei in der DDR „natürlich konfessionslos“ aufgewachsen. Nur zu Weihnachten besuche sie mal den Gottesdienst, letztendlich habe sie aber keine Verbindung zu Religionen. Trotzdem gehe sie gern in Kirchen und empfinde sie als Orte der Stille. „Das berührt und beeindruckt mich.“
Wenn sie spricht, hört man ihr die Berliner Herkunft sofort an. Das „ich“ ist ein „ick“. Sie sagt, dass sie jetzt gerade so schön berlinere, liege am Fotografen, der auch berlinert habe vorhin. Und wie war das in ihrer Hamburger Zeit? „Ich glaube, ich berlinere noch mehr, wenn ich woanders bin.“ Sie macht eine Pause und lacht: „Um der Assimilation entgegen zu wirken.“ Aha, auch als Provokation? „Ich weiß es nicht. Es ist einfach so sehr in mir drinnen. Ich bin im Ostteil der Stadt groß geworden, da haben alle Dialekt gesprochen. Der Intellektuelle musste mit den Handwerkern kommunizieren, man musste gemeinsam Strategien entwickeln, um Häuser zu bauen oder an irgendwelche Sachen ranzukommen. Ich glaube, dass da Sprache ein Mittel war, um sozusagen eine Gleichheit untereinander herzustellen.“
Faszination für Medizin
Christiane Pauls Eltern sind beide Ärzte. Ein Beruf, der sie selbst lange fasziniert und begleitet hat, schließlich sind auch beide Väter ihrer Kinder Ärzte. Neben ihrem Schauspielerberuf studierte sie Medizin. Als sie ihren „Arzt im Praktikum“ an der Charité absolvierte, musste sie die Station immer mal wieder verlassen, weil Dreharbeiten anstanden. Erst 2004, zwei Jahre nach ihrer Promotion und der Geburt ihrer Tochter, löste sie den Konflikt und entschied sich ganz für die Schauspielerei. „Es war mir wirklich lange nicht klar, was ich machen sollte. Ich musste den Weg bis zum bitteren Ende gehen.“
Es fröstelt sie jetzt doch ein bisschen, was an dem kühlen Wind liegt, der durch die Akazienstraße weht. Wir sehen, dass bei Arno wieder eine Riesenschlange nach Café ansteht und beschließen, woanders einzukehren. Sie schlägt „Frau Bäckerin“ in der Eisenacher Straße vor. Der Kuchen schmecke dort, der Kaffee ohnehin. Sonntags zwinge sie oft ihre Kinder, mit ihr dorthin zu gehen.
Schließlich sitzen wir an einem Tisch. Dicht neben uns ein älteres Paar. Wir reden über Film und Schauspielerei. Das macht den Nebentisch neugierig. Das Paar mustert Christiane Paul und das kleine Aufnahmegerät, das vor ihr liegt. Doch die zwei schweigen, wollen sich nichts anmerken lassen. Wir teilen uns ein Stück Käsekuchen mit Obst belegt. Sie fängt an der Spitze an, ich am hinteren Rand.
Modelcontest als Karrierestart
Christiane Paul erzählt mir nun, wie sie sich recht kurz nach der Maueröffnung für einen Modelcontest beworben hatte. Erst war sie nicht bis in die Endrunde vorgedrungen, dann aber habe man sie drei Tage vor Beginn der Veranstaltung angerufen. Es wurde ein Platz frei, weil jemand ausgefallen war. „Ja“, sagt sie, „und das ist der Grund, warum ich heute mit Ihnen rede.“
Denn das Modeln war der Start für ihre schauspielerische Karriere. Wäre sie da nicht in letzter Sekunde reingerutscht, hätte sie vielleicht nie den Mut aufgebracht, sich ein Jahr später für das Casting von Niklaus Schillings Film „Deutschfieber“ zu bewerben. Mit 17 Jahren spielte sie ihre erste Hauptrolle.
Vor zwei Jahren traf sie zufällig am Schlachtensee eine Frau wieder, die bei dem Modelcontest dabei gewesen war. Sie sagte zu ihr: „Du wolltest schon damals nur Schauspielerin werden.“ Heute ist sie eine der wenigen wirklich begehrten Schauspielerinnen des Landes. Ein Bekannter, mit dem ich mal über sie gesprochen habe, lästerte, dass sie eigentlich gar keine Schauspielerin sei, sondern dass Christiane Paul immer nur Christiane Paul spiele. Ich habe sie damals verteidigt.
Wer redet schon schlecht über seine Nachbarin?



