Bei der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit sind bislang keine vermehrten Erkrankungen im Umfeld des Oranienplatzes in Kreuzberg bekannt, die in Zusammenhang mit dem dortigen Rattenbefall stehen könnten. Das sagte Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) der Berliner Morgenpost am Donnerstag.

Zuvor war bekannt geworden, dass Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) der Berliner Polizei eine Einschätzung des Friedrichshain-Kreuzberger Gesundheitsamtes hatte zukommen lassen, in der vor der Infektionsgefahr durch Rattenbefall rund um das Flüchtlingscamp gewarnt wurde. Die Polizei hatte darauf mit einer Empfehlung an ihre Beamten reagiert, bei möglichen Einsätzen Staubschutzmasken und Handschuhe zu tragen und Fahrzeuge und Kleidung anschließend zu reinigen.

Gesundheitssenator Czaja machte am Donnerstag deutlich, dass die Verantwortung für die Schädlingsbekämpfung beim Bezirk liege. Der Senat würde nur eingreifen können, wenn im Umfeld vermehrt Erkrankungen gemeldet würden. Das sei nicht der Fall, entsprechende epidemiologische Daten lägen nicht vor.

Der Bezirk sei aufgefordert, entsprechende Maßnahmen gegen Rattenbefall sofort zu ergreifen, forderte Hakan Taş, flüchtlingspolitischer Sprecher der Linken. Schließlich lebten Menschen auf dem Platz. „Wenn der Bezirk das Camp duldet, muss er auch für akzeptable Verhältnisse dort sorgen“, sagte Taş. Es müsse regelmäßig Müll entsorgt und der Platz gereinigt werden. Taş wies das Argument der Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) zurück, die Offenheit des Platzes ermögliche keine bessere Rattenbekämpfung.

50 Krankheiten möglich

Taş forderte zudem, die Flüchtlinge in eine bessere Hygiene einzubinden und mit ihnen gemeinsam Lösungen zu finden. Die Gespräche zu einem freiwilligen Auszug der Asylbewerber aus den Schlafzelten müssten jetzt erfolgreich abgeschlossen werden, so Taş. Daran sollten sich neben der Senatsverwaltung für Integration auch andere Senatsverwaltungen beteiligen.

Ratten könnten mehr als 50 Krankheiten übertragen, sagte Sebastian Günther vom Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen der Freien Universität auf Anfrage. „Rattenbefall ist definitiv auch in unseren Breiten ein Gesundheitsrisiko und damit ein Problem.“ Nicht nur über Kot und Urin, auch über die Flöhe könnten Krankheitserreger verbreitet werden. Ratten kämen überall in Berlin vor, jedoch könne die Population „bei guten Lebensbedingungen an einem Ort regelrecht explodieren“, sagte der Mikrobiologe, der seit einigen Jahren den Keimbefall von Ratten in Berlin untersucht.

Den Rattenbefall auf dem Platz gebe es schon länger, sagte Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann am Donnerstag. Seit dem Sommer sei ein Kammerjäger im Einsatz. Er habe Köder ausgelegt. Allerdings sei der Rattenbefall auf dem Oranienplatz stärker als an vielen anderen Orten in Kreuzberg. Auch daher müsse das Wohnen im Camp schnell beendet werden. Es liege aber keine Seuchengefahr vor.

Herrmann wies den Vorwurf zurück, sie würde sich nicht für das Schicksal der Flüchtlinge interessieren. Sie sage seit Monaten, die Schlafzelte auf dem Platz müssten weg und die Flüchtlinge „in ein ordentliches Haus“ ziehen. Eine Räumung des Camps gegen den Willen der Bewohner lehnt Herrmann aber ab.

Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD), die über die Zukunft des Camps Vermittlungsgespräche mit den Flüchtlingen führt, zeigte sich am Donnerstag erschrocken über die Meldungen zum Rattenbefall auf dem Platz. Auf ihre Gespräche mit den Betroffenen habe das aber keinen Einfluss, sagte sie. Der Generalsekretär der Berliner CDU, Kai Wegner, drängte angesichts der Meldungen dagegen auf schnelle Erfolge bei Kolats Vermittlungsmission. Sonst müsse gerade im Sinne der betroffenen Menschen vor Ort über eine Räumung entschieden werden. „Meine Befürchtungen haben sich bestätigt, die hygienische Situation hat sich verschärft“, sagte Wegner. „Jeden Tag wird die Lage dort schlechter.“

Unterdessen hat am Berliner Landgericht der Prozess um eine Messerattacke begonnen, die vor sieben Monaten für Aufregung im Flüchtlingscamp gesorgt hatte. Der Beschuldigte hat bei Prozessauftakt am Donnerstag die Attacke auf einen 27 Jahre alten Flüchtling gestanden. Den Vorwurf des versuchten Totschlags bestritt der 24-Jährige jedoch. Er habe ihm nur wehtun wollen.

Großeinsatz der Polizei

Der Vorfall vor dem Flüchtlingscamp hatte am 17. Juni 2013 einen Großeinsatz der Polizei ausgelöst. Der türkischstämmige 24-Jährige gab im Gerichtssaal zu Protokoll, dass er damals mit seinem Baby im Kinderwagen unterwegs war, als er am Oranienplatz von einer Gruppe als „Turku, Turku, Scheißtürke“ beleidigt worden sei. Ein Mann sei mit einer Holzlatte auf ihn zugekommen.

„Ich wollte ihn in den Arm stechen und habe aus Versehen die Brust getroffen“, sagte der Angeklagte. Nach dem Messerstich hatte er die Flucht ergriffen. Menschen aus dem Camp sollen den zurückgelassenen Kinderwagen mit dem Baby und dessen inzwischen eingetroffene Mutter bedrohlich umringt haben.

Rund 250 Polizisten waren schließlich vor Ort, um die Familie des Messerstechers vor wütenden Camp-Bewohnern zu schützen. Auch Türken aus der Nachbarschaft waren zum Tatort geeilt.

mit dpa