Gewalt in der Schule kann sehr subtil und häufig für andere nicht sichtbar sein. Ein spezielles Projekt soll Schüler sensibilisieren, Mobbing zu erkennen und möglichst zu verhindern, bevor es entsteht. „Das Klima in unserer Klasse ist besser geworden, und Probleme werden jetzt immer direkt angesprochen“, sagt Paulina Zimmermann. Die 16-jährige Schülerin freut sich über die positiven Veränderungen in ihrer Klasse am Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium in Pankow. Auch Paulinas Klassenkamerad Can Wegener sagt, dass die Aufmerksamkeit für Mobbing und Gewalt unter den Schülern gewachsen sei.
Dass sich die Schüler an dem Pankower Gymnasium jetzt besser verstehen, ist dem Gewaltpräventionsprogramm „Fairplayer“ zu verdanken. Bereits 2004 wurde das Programm unter Leitung von Professor Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin entwickelt. Es ist eines der wenigen Anti-Gewalt-Programme, dessen Wirksamkeit an verschiedenen Pilotschulen getestet und wissenschaftlich überprüft wurde. Nun soll es ausgeweitet werden.
Cyber-Mobbing wird häufiger
Etwa 100 Pädagogen von Berliner Schulen sollen an einem viertägigen Fortbildungskurs teilnehmen und das Programm dann an ihren Schulen umsetzen. Finanziert wird die Fortbildung von der Deutschen Bahn. Ziel ist es, durch extra Unterrichtsstunden auf dem Stundenplan, bei den Schülern das Bewusstsein für Mobbing zu stärken und aktiver dagegen vorzugehen.
Vor allem das Cyber-Mobbing über Internet und Handy sei ein stetig anwachsendes Problem an den Schulen und ohne Hilfe schwer in den Griff zu kriegen, so Scheithauer, Professor für Entwicklungspsychologie. „Man braucht ein strukturiertes Verfahren, um Mobbing an Schulen zu bekämpfen“, sagt Scheithauer. Da Mobbing kein Konflikt, sondern ein Gruppenphänomen sei, müsse man an der Zivilcourage der Kinder ansetzen. Aktionstage oder Streitschlichter an Schulen seien zwar eine gute Idee, würden aber nicht ausreichen, um das Problem nachhaltig zu beheben.
Das Programm bietet Schulungen für Lehrer jeden Schultyps an. In diesen Workshops werden die Lehrkräfte von speziell ausgebildeten Fairplayer Teamern zu sogenannten Multiplikatoren geschult. Als solcher gibt man das Fairplayer-Prinzip an seine Schüler und Kollegen weiter, die kein Training besucht haben. Gemäß dem Motto „learning by doing“ wird mit Rollenspielen ein Perspektivenwechsel durchgeführt. Die Schüler sollen dabei in alle verschiedenen Rollen eintauchen und nachvollziehen können, wie man sich als Täter, Opfer oder Mittäter fühlt.
Durch ein differenziertes Einfühlen in die Situation werde das Bewusstsein der Jugendlichen gestärkt und ein nachweislich besseres Sozialverhalten geschaffen, sagt Scheithauer. In der siebten und achten Klasse wäre das passende Alter hierfür erreicht. Ziel ist es, das Fairplayer-Programm fest in den Stundenplan zu integrieren, wie es am Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium der Fall ist, um so eine längerfristige Verbesserung im Verhalten der Schüler zu bewirken.
Wenn es nicht jedem Lehrer möglich ist, an einer Schulung teilzunehmen, gibt es vorgefertigtes Material für die Durchführung und Vorbereitung des Unterrichts. Heike Krauße, Lehrerin und ausgebildete Multiplikatorin, hat die Erfahrung gemacht, dass die Schüler aufmerksamer miteinander umgingen, und es habe an ihrer Schule auch schon einen Fall gegeben, in dem man durch Vorwarnung von den Schülern selbst ernsthaftes Mobbing in einer Klasse verhindern konnte.
Bisher gibt es an den 15 teilnehmenden Berliner Schulen ungefähr 40 ausgebildete Multiplikatoren.
Gewalt auf Bahnhöfen verhindern
Durch die finanzielle Unterstützung der Deutschen Bahn will man diese Anzahl vergrößern und das Programm vor allem auch auf Bundesebene ausweiten. Gerd Neubeck, Leiter der Konzernsicherheit der Deutschen Bahn AG, sagt, dass auch die Bahn an der Verbesserung der Sozialkompetenz interessiert sei. Belästigung und Gewalt seien auch an den Bahnhöfen ein großes Problem, begründet Neubeck das Engagement.
Zehn bis zwölf Prozent aller Schüler seien heutzutage mit Mobbing konfrontiert, sagt Oberschulrat Reinhold Reitschuster. Es bedürfe eines moralischen Wertesystems, da die Gründe für Mobbing oft ideologischer Herkunft seien. Mit Fairplayer glaube man, einen qualitativen Schritt in die richtige Richtung machen zu können. Berlin sei dafür der Vorreiter.





