Der in Berlin scheinbar abgeflaute Rockerkrieg zwischen den Hells Angels und den Bandidos ist doch brisanter denn je. Ermittlungen haben ergeben, dass es sich bei dem Gegenstand, der in den Innenhof des Bandido-Klubheims geworfen wurde, nicht etwa um einen harmlosen Böller, sondern um eine scharfe Handgranate gehandelt hat. Der Vorfall ereignete sich in der Nacht zum 27. Dezember an der Provinzstraße in Wedding. Schon zuvor hatten Unbekannte dort am 22. Dezember ein Mitglied der Bandidos niedergestochen und lebensgefährlich verletzt. Ermittler der Polizei kritisieren, dass diese beiden Zwischenfälle gegenüber der Öffentlichkeit heruntergespielt und nicht in ihrer ganzen Dramatik mitgeteilt wurden.
Wie die Berliner Morgenpost erfuhr, hatten die Bandidos am 27. Dezember ihre Weihnachtsfeier mit Angehörigen im Bereich des Klubhauses gefeiert, als der Sprengsatz gegen 2.30 Uhr in den Innenhof geworfen worden war. Die Splitter der Handgranate waren durch Wände und Scheiben in den Barbereich und die Schlafräume der Angehörigen gedrungen. „Dieses Vorgehen erinnert an den Rockerkrieg in Skandinavien vor einigen Jahren, als sich die verfeindeten Rocker mit Pistolen und Granatwerfern angegriffen hatten“, sagt ein Berliner Ermittler. Dieses Verhalten spreche dafür, dass Teile der Berliner Hells Angels es sich zum Ziel gemacht haben, die ohnehin personell geschwächten Bandidos endgültig aus der Stadt zu vertreiben. „Dass dabei auch das Leben von Angehörigen gefährdet wird, spricht eigentlich gegen die Gesetze der Rocker.“
51 Jahre alter Bandido von Maskierten niedergestochen
Auch die Attacke auf den 51 Jahre alten Bandido fünf Tage zuvor zeigt gleiche Verhaltensmuster auf: Das spätere Opfer hatte vor dem Klubhaus gehalten, um „Brüder“ und Angehörige nach einer Feier nach Hause zu fahren. Normalerweise wird ankommenden Mitgliedern das gesicherte Tor geöffnet, und sie fahren in den Hof. Diese Prozedur offenbar kennend, hatten mehrere Maskierte auf ein solches Opfer gewartet und es beim Verlassen des Fahrzeuges mit Messern angegriffen. Die Stiche trafen Beine, Gesäß und Oberarm. Eine Frau, die Erste Hilfe leistete, konnte verhindern, dass der Mann verblutete. Sie drückte eine Arterie im Achselbereich ab.
Die Berliner Polizei hat über beide Zwischenfälle nur in ungewohnt kurzer Manier berichtet. Szenekundige Beamte kritisieren das und betonen, dass über die Festnahme von Handtaschendieben und Radkappendieben umfangreicher berichtet werde. „Man könnte den Eindruck gewinnen, dass das Thema Rockerkrieg nicht hochkochen soll“, so ein Polizist.
Interne Konflikte bei den Hells Angels
Polizeisprecher Stefan Redlich widersprach dieser Darstellung vehement. „Die Pressestelle hat im vergangenen Jahr in zahlreichen Einsätzen gegen die Rockerszene die Presse eingebunden.“ Es gebe allerdings Vorfälle, bei denen aus ermittlungstaktischen Gründen zunächst nur wenige Details bekannt gegeben werden können, um die Untersuchungen nicht zu gefährden.
Unterdessen, so Informationen der Berliner Morgenpost, soll es bei den Hells Angels auch intern mehr und mehr zu Konflikten kommen. Nachdem der türkische Boxer Kadir P. seinerzeit mit 80 Gefolgsleuten von den Bandidos zu den Hells Angels übergelaufen war, mehren sich in den vergangenen Monaten die Streitigkeiten. Einem Insider zufolge sind mittlerweile die ursprünglichen Hells Angels der Ansicht, dass weniger Attacken auf den Feind auch seltener die Polizei auf den Plan rufen würden.




