Mehr als 330 Millionen illegale Zigaretten werden in Berlin pro Jahr von Rauchern auf dem Schwarzmarkt erworben. Trotz zahlreicher Kontrollen und umfangreicher Ermittlungen können Zoll und Polizei im gleichen Zeitraum nur etwas mehr als sieben Millionen unversteuerter Zigaretten in der Hauptstadt sicherstellen. Durch die daran anknüpfenden Ermittlungen konnte zudem der Handel von weiteren 23 Millionen illegal eingeführten Zigaretten nachgewiesen werden. „Der Kampf gegen den illegalen Handel wird weiter eine Hauptaufgabe für uns sein. Die zu Neujahr vorgesehene Erhöhung der Tabaksteuer in Deutschland wird die Nachfrage mit Sicherheit erneut ansteigen lassen“, sagt Norbert Scheithauer, Sprecher des Zollfahndungsamtes Berlin-Bandenburg.

Der Handel mit unversteuerten Zigaretten ist und bleibt ein Milliardengeschäft der organisierten Kriminalität. „Inzwischen liegt der Anteil der gefälschten Ware aus illegalen Fabriken, die in der Region angeboten werden, bei 90 Prozent“, sagt Scheithauer.

Immer mehr Zigaretten werden aus Fernost nach Berlin geschmuggelt

Zusätzlich zu den aus illegalen Fabriken geschmuggelten Zigaretten aus Osteuropa kommt dabei immer mehr Ware aus kleinen Produktionsstätten in Fernost. Verkauft wird daneben auch noch die „echte“ Ware aus Billigsteuerländern wie Bulgarien oder Rumänien.

Bundesweit gehen dem Fiskus pro Jahr vier Milliarden Euro an Steuereinnahmen verloren, besagt eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmens KPMG. In Berlin sind den Ermittlern von Polizei und Zoll, besonders an S-Bahn-Stationen und vor Supermärkten, insgesamt 350 Verkaufsplätze bekannt. Zu 99 Prozent befinden sich diese Umschlagplätze in den östlichen Bezirken. „Die Ersparnis gegenüber regulären Zigaretten ist natürlich lukrativ, die zumeist vietnamesischen Straßenhändler rufen Preise um 20 bis 22 Euro pro Stange auf“, sagt Zollsprecher Scheithauer.

Kampf gegen den Schwarzmarkt für Berliner Polizei nicht zu gewinnen

Trotz 1500 Strafanzeigen gegen Käufer und Verkäufer, 287 Ermittlungsverfahren in der Region gegen Schmuggler und 27 erlassener Haftbefehle im Jahr 2012 allein in Berlin ist der Kampf gegen den Schwarzmarkt nicht zu gewinnen. Die Ermittlungsgruppe ist bemüht, den Kontrolldruck so hoch wie möglich gehalten. Schließlich hat im Jahr 2012 allein in Berlin der Steuerschaden durch den Handel mit unverzollten Zigaretten 55 Millionen Euro betragen. Der drastische Preisunterschied gegenüber regulären Tabakwaren führt dazu, dass die Käufer der illegalen Ware selbst Warnungen über hohe Gehalte von Schwermetallen im Tabak ignorieren.

Mit 52,7 Prozent stammt mehr als die Hälfte der illegalen Ware aus Polen, 27 Prozent werden über Tschechien geschmuggelt, rund sechs Prozent aus Russland. Der Rest der Zigaretten kommt nach Angaben des Zolls überwiegend aus Asien auf dem Seeweg nach Deutschland. Bevorzugte Absatzmärkte sind Länder mit hohen Tabaksteuern.

Produktionsquellen illegaler Zigaretten in Asien und Osteuropa

Fahnder des Zollkriminalamtes wie Gregor Brück und Bernd Stavenhorst* (Namen geändert) haben es täglich mit Fälschungen zu tun. Die Bandbreite der nachgemachten Marken erscheint riesig: Neben weltbekannten Marken wie Marlboro oder L&M gelangen auch Dutzende weniger bekannte Marken nach Deutschland.

„Die wesentliche Produktionsquellen liegen in Asien und in Osteuropa. Die Herstellungsarten sind dabei sehr unterschiedlich. Es gibt voll automatisierte Tabakfabriken, die in Osteuropa nur für den Schwarzmarkt produzieren. In Asien dagegen gibt es noch pure Handarbeit, bei denen Zigaretten einzeln gestopft und ebenfalls per Hand in die Packungen gefüllt werden. Die Klarsichtfolie um die Stangen wird dort mit Bügeleisen so fest angebracht, dass sie beinah besser sitzen, als fabrikgefertigte“, berichtet Brück.

Sichergestellte Zigaretten teilweise täuschend echt

Nicht nur vom Aussehen her gibt es große Unterschiede. Viele der sichergestellten Stangen mit jeweils 200 gefälschten Zigaretten wirken täuschend echt. Doch es finden sich Schreibfehler auf den Packungen, etwa in den Warnhinweisen. „Diese Zigaretten sind prinzipiell nicht marktfähig, so sind beispielsweise die Angaben für Teer- oder Nikotingehalt der Zigaretten reine Fantasieprodukte. Sie enthalten häufig gefährliche Mengen von Schwermetallen wie Cadmium oder Blei“, betont Brück.

Die aufgedruckten Texte auf den Packungen sollen zumeist nur eine bestimmte Herkunft vorgaukeln, die mit der Realität nichts zu tun hat“, sagt Stavenhorst. Für die Zollfahnder liegt eines der Hauptprobleme des Schwarzmarktes darin, dass die Käufer der Billig-Zigaretten letztlich die Mafia und deren Machenschaften unterstützen. Unbefriedigend ist auch die rechtliche Wertung: So gilt der Kauf illegaler Zigaretten lediglich als Ordnungswidrigkeit. Schwarzfahren dagegen wird als Straftat und damit wesentlich härter bestraft, so die Beamten. Erst beim Kauf von mehr als fünf Stangen, also über 1000 Stück, kommt es zu einem strafrechtlichen Verfahren.

Drahtzieher kommen meist aus Polen und Russland

Straff organisierte Banden sind mit den riesigen aus Schmuggel generierten Geldmitteln in der Lage, andere kriminelle Aktivitäten zu finanzieren – von der Verbreitung von Drogen bis hin zu Menschenhandel und Schleuserkriminalität. „Eine illegale Zigarettenfabrik einzurichten, kostet rund eine halbe Million Euro, nach nur ein bis zwei Monaten Produktion haben die Kriminellen diese Summe bereits eingenommen, die Investition hat sich bereits bezahlt gemacht“, sagt Gregor Brück. Wenn bis zur Entdeckung einer solchen Fabrik ein oder zwei Jahre vergehen, haben die Drahtzieher etliche Millionen Gewinn gemacht.

Die Drahtzieher und großen Bosse in diesem Milliardengeschäft kämen zumeist aus Staaten wie Polen und Russland. Mit einem einzigen Container voll unversteuerter Zigaretten, der per Seeweg von Asien kommend erzielt ein kriminelles Netzwerk einen Reingewinn von einer Million Euro. Den Verlust einer Containerladung durch Beschlagnahme des Zolls nach einer Kontrolle stecken diese Kriminellen leicht weg, denn die Kosten liegen für eine gleich große Ladung bei gerade 150.000 Euro. Doch nicht nur die Gewinnspanne für die Köpfe der Zigarettenmafia erscheint besorgniserregend.