Fahndern von Zoll und Polizei ist ein erheblicher Schlag gegen den illegalen Zigarettenhandel in Berlin gelungen. In den frühen Morgenstunden sind am Donnerstag neun Haftbefehle gegen Tatverdächtige vollstreckt worden. Insgesamt 200 Beamte waren seit 5.30 Uhr im Einsatz und durchsuchten 18 Objekte in Oberschöneweide, Köpenick, Marzahn, Pankow und Britz. Den acht Männern und einer Frau im Alter von 18 bis 61 Jahren wird gewerbs- und bandenmäßiger Handel mit unversteuerten Zigaretten vorgeworfen. Bei den der organisierten Kriminalität Verdächtigen handelt es sich um sieben Vietnamesen und zwei Deutsche.
Der Bande wird vorgeworfen, in knapp vier Monaten sechs Millionen Zigaretten verkauft zu haben. Weitere 1,6 Millionen konnten bei der Razzia am Donnerstag in zwei Garagen sichergestellt werden. „Damit beläuft sich der entstandene Steuerschaden auf rund 1,52 Millionen Euro“, sagte Norbert Scheithauer, Sprecher des Zollfahndungsamtes Berlin-Brandenburg. Mit der größten Beschlagnahme innerhalb Berlins in diesem Jahr und der Zerschlagung der Gruppierung nach kaum einem halben Jahr Ermittlungsarbeit zeigte sich der Sprecher „überaus zufrieden“. Die mutmaßlichen Täter müssen mit Freiheitsstrafen von einem bis zu zehn Jahren rechnen.
Beim Transport half ein Taxifahrer
Die 23 und 29 Jahre alten Köpfe der Bande, welche die vermutlich aus Osteuropa geschmuggelte Ware bestellt haben, gingen den Beamten am frühen Donnerstagmorgen in einer Wohnung in der Edisonstraße ins Netz. Dort wurde auch eine Komplizin der Anführer verhaftet, ihre beiden Kinder kamen in die Obhut des Kindernotdienstes. Bei der Durchsuchung einer Garage am Britzer Damm stießen die Beamten auf 720.000 Zigaretten, bei denen es sich um Fälschungen der Marke „Brendal“ handeln dürfte. Die Schwarzmarktware sei mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer osteuropäischen illegalen Fabrik produziert worden, hieß es beim Zoll.
Weitere 880.000 Stück dieser Marke, also 4.400 Stangen, konnten in einer ebenfalls angemieteten Garage an der Bitterfelder Straße in Marzahn beschlagnahmt werden. Die in unauffälligen, unbeschrifteten Kartons verpackten Zigarettenschachteln waren hinter einer großen blauen Plane verborgen. Die Garage wurde nach Erkenntnissen der Ermittler offenbar auch zum Umpacken der Zigaretten benutzt, bevor sie von dort zu den Straßenverkaufsplätzen gelangten. Für diese Transporte war ein 61-jähriger Taxifahrer zuständig, dessen Taxi ebenfalls sichergestellt wurde. „Es ist ein Ausnahmefall, dass ein Deutscher in einer solchen Gruppierung war“, sagte Zollsprecher Scheithauer. Auch gegen ihn wurde ein Haftbefehl vollstreckt.
Elf Prozent der Zigaretten in Deutschland sind Schmuggelware
Im Juni hatte die aus Beamten von Zoll und Polizei bestehende Gemeinsame Ermittlungsgruppe Zigaretten (Gezig) die Soko „Stubenhocker“ aufgestellt. Die Nachforschungen ergaben, dass die Tätergruppe ihren schwunghaften Handel fast ausschließlich von zu Hause aus telefonisch organisierte. Neben der illegalen Ware wurden als Beweismittel drei Autos, mehr als 30 Handys, zwei Computer und 7500 Euro Bargeld beschlagnahmt.
Der Handel mit illegalen Zigaretten richtet wirtschaftlichen Schaden an, besagt eine aktuelle Studie der Beratungsfirma KPMG, die im Auftrag der Philip Morris GmbH entstanden ist. Sie zeigt auf, dass der Anteil geschmuggelter und gefälschter Zigaretten in den EU-Staaten im Jahr 2012 mit 11,1 Prozent des Gesamtkonsums ein neues Rekordhoch erreicht hat. 2011 lag der Wert noch bei 10,4 Prozent. Der im Vorjahr entstandene Steuerschaden beläuft sich der Expertise zufolge europaweit auf 12,5 Milliarden Euro. In Deutschland gingen dem Fiskus durch den illegalen Handel etwa vier Milliarden Euro verloren.
11,5 Milliarden Schmuggelzigaretten gelangen jedes Jahr ins Land
Von 21 Milliarden unversteuerten Zigaretten kommen rund 9,5 Milliarden auf legalem Weg nach Deutschland, zumeist durch Reisende, die sich in Duty-Free-Shops versorgen. Mehr als die Hälfte jedoch, etwa 11,5 Milliarden, werden trotz Zollkontrollen illegal eingeschmuggelt. Die meisten der gefälschten und geschmuggelten Zigaretten kommen laut Studie aus Polen (52,7 Prozent), gefolgt von Tschechien (27,1) und Russland (6,5). Stark gestiegen sei auch die Menge der über Deutschland in andere EU-Staaten geschmuggelten Tabakwaren.
Nach Frankreich etwa gelangten 2012 allein über die Bundesrepublik 520 Millionen illegale Zigaretten, ein Jahr zuvor waren es noch 210 Millionen Stück.




