Diese Ausstellung erzählt die Geschichte des Fußballvereins VfB Stuttgart anhand von Kunstwerken der Galerie Max Hetzler. Ausgedacht hat sich das Projekt der Künstler Christoph Niemann, der damit seinem Galeristen – einem Stuttgarter und erklärtem Fußballfan – eine große Freude macht. In Niemanns Fantasie verwandelt sich das „VfB“ im Vereinswappen in „MH“ und die drei Geweihe in Skulpturen von Rebecca Warren. Aus den kickenden Förster-Brüdern werden die malenden Oehlen-Brüder, der Platzwart frisiert den Rasen im Op-Art-Muster von Bridget Riley. Die Sanitäter tragen Jeff Koons’ Frau in der Badewanne vom Feld. Alles auch zu sehen im quasi hochoffiziellen Sammelalbum zum Galeristenjubiläum.

Stolze 40 Jahre gibt es die Galerie Max Hetzler, seit fast 20 Jahren existiert sie in Berlin. Im alten Industriegebäudekomplex in Wedding, den der Galerist bald verlässt, läuft noch die große Geburtstagsausstellung „Remember Everything“, bei der man sich erinnern kann, was das aktuelle Hetzler-Programm so alles hergibt: eine Spirale der Op-Art-Queen Riley, eine Halskette aus Haaren von Mona Hatoum oder die glanzpolierte „Metallic Venus“ von Koons, mit praktischer integrierter Blumenvase. Der Galerist hat über die Jahre noch weitere internationale Großkünstler nach Berlin gebracht: den angesagten englischen Maler Glenn Brown, dessen Figuren wie Zombies aus Zuckerguss aussehen. Den Brasilianer Ernesto Neto und seine Skulpturen aus Stoff und Gewürzen.

In ihrem Jubiläumsartikel hat die Zeitschrift „Monopol“ von der „verdienten Galerie Max Hetzler“ geschrieben. Doch mit dem Wort „verdient“ kann der Galerist nicht viel anfangen. „Das hört sich so an, als ob man in Rente ginge“, sagt Hetzler. Dabei will er noch mal richtig durchstarten. Hetzler sitzt in seinem Büro, in dem es keine Bilder gibt, sondern nur Regale mit Kunstbüchern. Vor ihm auf einem Stapel liegt obenauf ein Katalog der Kunsthalle Nürnberg. Der Titel: „Forever Young. Über den Mythos der Jugend“.

Einstündiger Stegreif-Rap zum Jubiläum

Wer Hetzler von Messen und Vernissagen kennt, war einigermaßen überrascht, ihn unlängst wie verwandelt auf seinem Galeriegeburtstagsdinner zu erleben. Da sprang der sonst so distanziert wirkende Mann von seinem Stuhl auf und ließ in einer leidenschaftlichen Rede seine Künstler hochleben, alphabetisch geordnet und ausführlich. Am Ende des knapp einstündigen Stegreif-Raps – auf Englisch gehalten mit leicht schwäbischem Akzent – gab es Umarmungen. Viele Künstler beteuerten an diesem Abend, auch die nächsten 40 Jahre mit ihrem Galeristen arbeiten zu wollen.

„Na ja, ich habe mich bei der Rede etwas treiben lassen“, sagt Hetzler einige Wochen später. „Aber es war mir ein wichtiges Anliegen, meinen Künstlern zu danken. Ohne die Künstler würde es die Galerie nicht geben, ich bin nicht begabt, nur ein Händler zu sein. Ich war einfach nie ein Salesman.“ Sein Geständnis ist verblüffend, bei genauerer Überlegung stimmt es aber: Während des Gesprächs hält Hetzler Abstand und vermeidet meist den Augenkontakt. Da kennt man von Galeristen ganz andere Kaliber: superpräsente Händeschüttler, die ihr Gegenüber abholen und mitnehmen. Bei Hetzler hat man immer das Gefühl, hinterherzulaufen. Aber man hat auch das Gefühl, dass es sich lohnt.

Für Jeff Koons sind die Spekulationen mit seinen Werken schmerzhaft

Mit 25 Jahren machte Hetzler in Stuttgart eine Galerie auf, 1983 folgte der Umzug nach Köln, 1994 der Wechsel nach Berlin. Das Desaster um Jeff Koons’ riesige Edelstahlskulpturen der „Celebration“-Serie stürzte Hetzler und seinen englischen Kooperationspartner – den Londoner Galeristen Anthony d’Offay – beinahe in die Pleite. „Wir konnten die Arbeiten auf dem Papier verkaufen, aber wir konnten nicht liefern und die Produktionskosten stiegen ständig“, erinnert sich der Galerist. „Niemand konnte diese Werke fabrizieren. Für Jeff war das hart, weil er über viele Jahre an diesem Projekt arbeitete, ohne dass Geld reinkam oder auch nur ein Werk entstand.“

Nach langer Suche machte Hetzler eine Spezialfirma in Thüringen ausfindig. Eine erste „Balloon Flower“ wurde 1998 für etwa 1,8 Millionen Dollar an DaimlerChrysler, das Werk „Tulips“ für 2,3 Millionen Dollar an die NordLB verkauft. In den letzten Jahren sind beide Werke wieder auf Auktionen versteigert worden, für 16,8 Millionen Dollar beziehungsweise 33,7 Millionen Dollar. „Jeff macht gute Miene zu diesem Spiel“, sagt Hetzler. „Aber dieser spekulative Umgang mit seinem Werk ist für ihn sehr schmerzhaft, nicht nur weil die Produktion dieser Arbeiten eben so unglaublich schwierig war.“

Neue Herausforderungen in Paris

Über Geld muss sich Koons heute allerdings keine Sorgen machen. Auch Hetzler ist sehr erfolgreich. Trotzdem sucht er neue Herausforderungen. („Herausforderung“ ist ein Lieblingswort.) Den Wedding gibt er auf, weil sich die Riesenhallen nicht von allen Künstlern dauerhaft spannend bespielen lassen. Dafür hat er jetzt zwei Orte in Charlottenburg – ein altes Postgebäude in der Goethestraße, wo bis 18. Januar Niemann ausstellt, und in der Bleibtreustraße eine Altbauetage. Letztere war bis vor Kurzem noch Hetzlers Wohnung. Und trotzdem sind die Räume kunsterprobt: Vor zwei Jahren zeigte hier bereits Glenn Brown seine Gemälde. Der Galerist zog derweil ins Arbeitszimmer.

2014 wollen Hetzler und seine Frau Samia Saouma auch noch eine Dependance in Paris eröffnen. Man könnte es so sagen: Der VfB versauert gerade im Mittelfeld der Tabelle. Max Hetzler ist ganz sicher Champions League.