Landesbibliothek

Ein schwebendes Schiff oder ein Kristall für Tempelhof

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Brigitte Schmiemann

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Mit Spannung wurde die Entscheidung im Architekten-Wettbewerb für Berlins neue „Superbibliothek“ erwartet. Nun gibt es zwei Gewinner. Wer das Prestigeprojekt realisieren wird, entscheidet sich 2014.

Mit dem Neubau der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) auf dem Tempelhofer Feld soll 2016 begonnen werden, 2021 soll die neue Bücherei fertig sein. Am Mittwoch hat die Jury bekannt gegeben, wie das 270 Millionen teure Haus aussehen könnte. Gekürt wurden allerdings gleich zwei erste Siegerentwürfe. Von den 40 eingereichten Wettbewerbs-Arbeiten gewannen das Züricher Büro „MOA – Miebach Oberholzer Architekten“ sowie das Stuttgarter Büro „KohlmayerOberst Architekten“.

Während die Züricher ein transparentes neungeschossiges Haus mit viel Glas entwerfen, das Senatsbaudirektorin Regula Lüscher als „gläsernen Kristall“ lobte, der eine ähnliche Eleganz wie die Philharmonie von Scharoun aufweise, setzen die Stuttgarter auf ein langes, nicht so hohes Gebäude. Es hat fünf Geschosse. „Wie ein großes Schiff liegt es neben dem Flughafengebäude in der Landschaft, es scheint zu schweben und stützt sich nur in der Mitte auf“, skizziert Lüscher die Form.

Das Tempelhofer Feld, ein Ort, der laut Lüscher „kaum emotionaler belegt sein könnte“, verlange nach einem ganz besonderen Gebäude, das sich neben dem alten Flughafengebäude, dem größten Gebäude Europas, behaupten müsse. Beide Entwürfe würden diese Voraussetzung erfüllen. Sie hätten große Symbolkraft. 51.000 Quadratmeter Gesamtfläche sollen im Neubau entstehen. Heute stehen für die 3,5 Millionen Medieneinheiten bei 3,7 Millionen Entleihungen jährlich rund 38.000 Quadratmeter zur Verfügung.

Beide Varianten „gleichrangig qualitätsvoll“

Beide Entwurfs-Varianten für das neue Haus wurden von Lüscher und Kulturstaatssekretär André Schmitz als gleichrangig qualitätsvoll bewertet. Die beiden Entwürfe sollen jetzt weiter ausgearbeitet und mit den vielfältigen Nutzungsanforderungen genau geprüft werden. Während sich die Kosten für das Gebäude der Schweizer Architekten im Kostenrahmen bewegen, überschreiten die Stuttgarter laut Lüscher „knapp die Obergrenze“. Im Frühjahr will sich die Jury für einen der beiden Vorschläge entscheiden. „Dann wissen wir, welcher der beiden Entwürfe gebaut wird“, kündigte Lüscher an.

Für die größte öffentliche Bibliothek Deutschlands ein angemessenes Gebäude zu finden, sei nicht einfach gewesen, sagte Volker Heller, Direktor der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) bei der Vorstellung der Arbeiten im Gebäude des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Während der beiden Jurytage sei lange diskutiert worden. Beide Entwürfe hätten großes Potenzial für einen lebendigen Bildungsort am Tempelhofer Park. „Wir bauen ja kein Papiermuseum, sondern einen Ort für Menschen, die sich dort auch mit anderen treffen und diskutieren wollen“, so Heller.

Die heutige ZLB besteht aus der Amerika Gedenkbibliothek in Kreuzberg – einst für 500 Besucher pro Tag gebaut und heute von bis zu 3500 Berlinern genutzt – und der Berliner Stadtbibliothek. Sie hat an der Breiten Straße in Mitte ihren Sitz, ist insgesamt über acht Häuser verteilt, die nie für eine Bibliotheksnutzung vorgesehen waren. So gibt es im Westhafen ein Außenmagazin mit einer Fläche von 4000 Quadratmetern. All diese Standorte sollen in der neuen ZLB am Tempelhofer Damm gleich gegenüber dem U- und S-Bahnhof Tempelhof vereinigt werden.

3200 Plätze für Nutzer der Bibliothek

Die Ansprüche, die das Gebäude erfüllen soll, sind hoch. Die Berliner sollen hier nicht nur lesen, arbeiten und sich bilden können. Die neue Bibliothek soll nach dem Konzept der ZLB auch ein Treffpunkt sein, der die Kommunikation herkunfts-, kultur- und generationsübergreifend ermöglicht. Und zwar frei von kommerziellen Interessen. Werden momentan in beiden Büchereien etwa 500 Arbeitsplätze für die Bibliotheksnutzer angeboten, die ständig ausgelastet seien, sollen es in der neuen Bibliothek 3200 sein. Geöffnet sein soll 16 Stunden am Tag, 360 Tage im Jahr. Allerdings muss Berlin es dazu noch schaffen, dass die gesetzlich verbotene Sonntagsöffnung durch ein neues Bundesgesetz aufgehoben wird.

Mit 10.000 Besuchern täglich wird in der neuen ZLB gerechnet. Heute sind es bis zu 5000 täglich. Laut Schmitz handelt es sich damit um die meist frequentierte Kultur- und Bildungseinrichtung Berlins: „Das bringen noch nicht einmal alle drei Opernhäuser zusammen auf den Weg, wenn sie denn mal zusammen an einem Tag spielen würden“, sagte Schmitz. Er sei „total glücklich und auch dankbar“, dass Berlin mit den zwei Entwürfen jetzt so weit sei. Noch in dieser Legislatur werde der Grundstein gelegt. Die Bibliothek soll laut Schmitz ein Ort lebenslangen Lernens, aber auch der Integration sein, wo sich Bürger treffen.

Grüne nennen Präsentation „vorschnell und dreist“

Kritik zur Entscheidung der Jury kam bereits von den Grünen. Antje Kapek, Fraktionsvorsitzende und stadtentwicklungspolitische Sprecherin, nannte es „vorschnell und dreist“, ein Wettbewerbsergebnis für den Neubau einer Zentral- und Landesbibliothek zu präsentieren, „bevor auch nur irgendein Baurecht diskutiert und geschaffen wurde“. Weder sei bislang die Änderung des Flächennutzungsplans in die Wege geleitet noch sei Baurecht für dieses Areal geschaffen worden. Selbst der Senat glaube nicht an die Umsetzbarkeit und Finanzierbarkeit seiner eigenen Entwürfe. Die Grünen sind der Meinung, dass die neue Bibliothek besser mit der Sanierung eines Bestandsgebäudes verbunden werden sollte. „Das wäre ein effizienter Einsatz des Geldes. Die Erweiterung der Amerika-Gedenkbibliothek oder das Flughafengebäude in Tempelhof sind bessere und vor allem langfristig günstigere Alternativen für die Unterbringung der ZLB“, sagte Kapek weiter.

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher geht davon aus, dass der Bebauungsplan für die ZLB, in der 320 Mitarbeiter beschäftigt sind, 2015 aufgestellt wird. Mit dem Ergebnis des Volksentscheids, der sich für die Nichtbebauung des Tempelhofer Feldes stark macht, rechnet sie nicht vor 2015. „Wir schaffen keine Fakten, aber wir planen“, sagte sie. Das Geld für den Neubau sei eingeplant. Einen Schadensersatzanspruch hätten die Architekten nicht, sollte ihr Entwurf nicht gebaut werden.

Foto: Jörg Carstensen / dpa