Nach anfänglichem Desinteresse steigt die Nachfrage nach dem Betreuungsgeld in Berlin nun deutlich an. In den vergangenen sechs Wochen hat sich die Zahl der Anträge verdoppelt. Nach der jüngsten Abfrage der Senatsverwaltung für Bildung gab es in den Bezirken bis zum Ende Oktober 1187 Anträge für das Betreuungsgeld, davon waren 225 ungültig. Beantragen können die soziale Leistung alle Eltern, die ihre Kinder, die ab August 2012 geboren sind, nach dem Ende der Elternzeit nicht in eine Kita geben, sondern zu Hause betreuen.

Der Berliner Senat hatte versucht, im Bundesrat das Betreuungsgeld zu verhindern, jedoch ohne Erfolg. Seit August dieses Jahres ist es in Kraft. In den Koalitionsverhandlungen wollten die Sozialdemokraten allerdings das Betreuungsgeld einsparen, um damit den Kita-Ausbau weiter voranzutreiben. Doch sie scheiterten vor allem an der CSU. Das Betreuungsgeld bleibt – und auch ein Teil der Berliner Familien ist entschlossen, davon Gebrauch zu machen.

Charlottenburg-Wilmersdorf ist Spitzenreiter

Am höchsten ist die Zahl der Anträge in Charlottenburg-Wilmersdorf mit 142. An zweiter Stelle folgt Pankow mit 140 Anträgen. In Spandau liegen bereits 135 Anträge vor. Die wenigsten Anträge registrieren Lichtenberg (53) und Treptow-Köpenick(48). Einen eindeutigen Zusammenhang mit den Geburtenzahlen gibt es offenbar nicht. Zwar werden in Pankow tatsächlich besonders viele Kinder geboren, aber auch Lichtenberg zählt zu den kinderreichen Bezirken, steht jedoch auf der Rangliste an vorletzter Stelle. Neukölln, ein Bezirk in dem die Quote der Einjährigen in den Kitas vergleichsweise gering ist, liegt mit 100 Anträgen im Mittelfeld.

Ausschlaggebend für das Interesse am Betreuungsgeld ist offenbar nicht nur die Zahl der Anspruchsberechtigten, sondern auch die soziale Situation der Familien. Eltern, die Hartz IV beziehen, können wenig mit der Leistung anfangen, denn sie wird ihnen vom Arbeitslosengeld wieder abgezogen.

Gruppe der Anspruchsberechtigten wächst

Die Senatsbildungsverwaltung geht davon aus, dass das Interesse in Berlin weiter steigen wird, denn die Gruppe der Eltern, die Anspruch auf das Betreuungsgeld haben, steigt mit jedem Tag. Die meisten Familien haben 14 Monate Elternzeit genommen, sodass das Antragsverfahren erst seit Oktober in vollem Umfang anläuft.

In Pankow ist die Zahl der Bewerbungen in den letzten Wochen weiter gestiegen. Zum Ende November waren es bereits 180 Anträge. Die Quote gemessen an der Zahl der der Anspruchsberechtigten betrage damit etwa zehn Prozent, sagt die Jugendstadträtin Christine Keil (Linke). Das sei nicht sehr hoch. Die meisten Eltern würden einen Kita-Platz bevorzugen. „Viele nehmen das Betreuungsgeld nur als Übergangsvariante, weil sie noch keinen Platz an ihrer Wunsch-Kita haben“, sagt die Stadträtin. Etliche Kindergärten könnten erst im Sommer Kinder aufnehmen, wenn die älteren in die Schule kommen.

Neukölln will mehr Kita-Plätze

Auch im Bezirk Neukölln liegt die Geburtenrate mit 3500 bis 3800 Neugeborenen im Jahr relativ hoch. „Ich bin froh, dass die Zahl der Anträge gemessen daran gering ist“, sagt Falko Liecke (CDU), Jugendstadtrat von Neukölln. Sein Ziel sei es, so viele Eltern wie möglich davon zu überzeugen, dass sie ihre Kinder in die Kita geben. „Allerdings können wir den Bedarf an Kita-Plätzen momentan nicht immer wohnortnah erfüllen“, sagt Liecke. Gesetzlich sei zwar ein Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis zu einer halben Stunde zur Kita zumutbar, aber er wisse, dass viele Eltern bei dieser Hürde eher abgeschreckt seien. „Wir brauchen dringend weitere Kita-Plätze und zwar schnell und in fast allen Regionen“, sagt Stadtrat Liecke.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hofft, dass sich in den nächsten Monaten möglichst viele Eltern gegen das Betreuungsgeld und für einen Kita-Platz entscheiden: „Die Eltern können hier frei entscheiden. Es ist bekannt, dass das Betreuungsgeld nicht zu den von mir favorisierten Sozialleistungen zählt. Der Kita-Besuch eröffnet Chancen, er ist wichtig für die gesamte spätere Entwicklung und er macht Spaß“, sagt die Senatorin.