„Visionen“ – das sollte das Motto des Abends werden. Aber das erste Stichwort des 62. Bundespresseballs fiel dann doch etwas profaner aus. Der „Mitgliederentscheid“ der SPD interessierte zunächst deutlich mehr.

Vielleicht aber auch deswegen, weil Hubertus Heil (SPD) einer der ersten Gäste war, der sich auf den roten Teppich wagte. In diesem Jahr nämlich war die Fragerunde der Journalisten nicht ganz so unverfänglich.

So ambivalent wie diesmal war das Fest noch nie. Zum ersten Mal in der Geschichte des Bundespresseballs wusste man nicht, wer da zum Tanze schritt. Noch die alte Arbeitsministerin oder schon die neue Außenministerin? Oder wird es doch nur das Gesundheitsministerium?

Ursula von der Leyen (CDU) war auf jeden Fall außergewöhnlich gut gelaunt. Ein Kompliment, das man der FDP nur im Ansatz machen konnte. Sind jetzt die Anderen nach den Koalitionsverhandlungen müder als Sie, Herr Niebel? „Ich habe nicht vor, die Tanzfläche zu rocken“, antworte Dirk Niebel (FDP). Seine Visionen für 2014? „Ein Neuanfang.“

Christian Lindner (FDP) mag der neue Hoffnungsträger der Liberalen sein, die an diesem Abend für einige Jahre zum letzten Mal als Regierungspartei auftreten dürfte, als Stimmungsmacher tat er sich zumindest am Anfang des Balles nicht hervor.

Visionen können platzen, die Dekoration auch

Doch die Novembernächte im Hotel Interconti sind lang und im vergangenen Jahr gingen die letzten Gäste erst gegen sechs Uhr, als bereits das meiste der Dekoration abgeräumt war. Die allerdings fällt in jedem Jahr bescheidener aus, macht also zunehmend weniger Arbeit.

Passend zum Motto des Abends hatte Designbüro Kaluza und Schmidt in diesem Jahr die Tisch- und Saaldekoration gestaltet: Über jeder Tafel und am Ballsaalhimmel schwebten riesige weiße Ballons. „Visionen können platzen, das kann diese Dekoration auch“, sagte Martin Schmid von der Berliner Agentur.

Unter diesem Ballonhimmel gehörte der erste Tanz des Abends traditionell dem Bundespräsidenten. Nachdem Joachim Gauck den Eröffnungswalzer mit Sonja Mayntz, der Ehefrau des Vorsitzenden der Bundespressekonferenz, begonnen hatte, führte er seine Lebensgefährtin Daniela Schadt auf die Tanzfläche. Die trug übrigens eines der elegantesten Kleider des Abends.

Ornella Muti sah ihren Besuch eher als Mission. „Eine Friedensmission“, sagte die Italienerin in überraschend gutem Deutsch. Sie freue sich besonders darauf, den Bundespräsidenten kennenzulernen, an dessen Tisch sie saß. Und natürlich auf Sängerin Gianna Nannini, die ab Mitternacht auftreten sollte. Regierungssprecher Steffen Seibert fand zwar nicht, dass er selbst ein Visionär sei, freute sich aber umso mehr auf den Tanz.

Für das Außenministerium dürfte sich die SPD verstärkt interessieren. Frank Walter Steinmeier (SPD) wurde dementsprechend stark umlagert. Ist ihr Mann ein Visionär, Elke Büdenbender? Sie lachte und sagte natürlich: „Ja.“ Cem Özdemir (Grüne) sagte von sich, er sei zwar politisch ein Visionär. „Tänzerisch allerdings eher nicht.“

Gianna Nannini rockte den Bundespresseball

Ausdauer bewiesen Opposition und Regierung. Christian Lindner hielt um Mitternacht Hof in der Zigarren-Lounge und sammelte rauchende Männer um sich. Dahin zog es wenig später auch Steinmeier – allerdings in eine andere Ecke des ebenso beliebten wie verqualmten Eckzimmers.

Noch-Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) tanzte mit seiner Frau zu Gianna Nanninis live vorgetragenen Stücken „Bello e impossibile“ und „Profumo“. Zu fortgeschrittener Uhrzeit wurde er noch gut gelaunt in der Nähe der Ball-Disco gesichtet. Dort trafen sich bis in die frühen Morgenstunden die Tänzer mit Durchhaltevermögen – bevor nach dem Wochenende die Regierungsbildung wieder das Geschehen bestimmt.