Lange Zeit waren Möbel Gefährten. Ein Schrank beherbergte Generationen von Kleidungsstücken. Tische trugen jahrzehntelang die Mahlzeiten ihrer Eigentümer. Dann kam Ikea – und damit Sperrholz, Aufbauhinweise und Wegwerfmentalität im Möbelmilieu.
Das Berliner Unternehmen Alvari setzt dagegen auf Längerfristigkeit. Das junge Unternehmen verkauft mit jedem Möbelstück auch eine Lebenseinstellung. Weg von Hölzern aus Südamerika oder Sibirien, die in fernen Ländern unter katastrophalen Arbeitsbedingungen zu Möbeln verarbeitet werden. Hin zur Eiche aus Templin oder dem Kirschbaum aus der – man glaubt es kaum – Hasenheide. „Es mag vielleicht romantisch klingen, aber wir wollen die Welt gerne ein Stück weit besser machen“, sagt Fabio Schillaci, der bei Alvari für die Produktentwicklung zuständig ist. Ein Kauf der Produkte sei daher auch eine politische Entscheidung. Sentimental ist Alvari nicht. Hier geht es nicht darum, Omis Zeiten wieder aufleben zu lassen.
Vielmehr nutzt das Unternehmen gezielt die heutigen technischen Möglichkeiten. Jeder Kunde kann sich auf der Onlineplattform von Alvari selbst sein Möbelstück gestalten. Holzsorte, Tischplatte, Füße – der Alvari-Konfigurator zeigt, wie das künftige Stück aussehen könnte. Zudem kann eine Installation angefertigt werden, die zeigt, ob es auch in das eigene Zimmer passt. „Wir sehen uns eher in einer Vermittlerrolle. Alvari nutzt das Internet gezielt, um regionale Nachfrage und lokales Angebot zusammenzubringen“, sagt Boris Bandyopadhyay, einer der Gründer. New Media trifft hier auf gute alte Handwerkskunst.
Nachhaltige Objekte mit einer langen Lebensdauer
Bandyopadhyay hat in Köln Design studiert und interessiert sich schon länger für den Zweig Ecodesign. Dort geht es vor allem darum, nachhaltige Objekte mit einer langen Lebensdauer zu designen. Und tatsächlich wirkt der Tisch, der in den Büroräumen von Alvari in Adlershof steht, für länger als bis zum nächsten Umzug gemacht. Das junge Start-up kann die Infrastruktur der „Spin-off-Zone“ der Humboldt-Universität nutzen. Dort promoviert Bandyopadhyay in Kulturwissenschaften. Die „Spin-off-Zone“ ist ein Bereich in dem Studenten, die ein Start-up gründen, gefördert werden.
In der Schlichtheit der Möbel von Alvari liegt ihre Schönheit. Jedes Möbelstück basiert auf demselben, mittlerweile von Alvari patentierten System. Vier Rahmen bilden ineinandergesteckt den Korpus, zum Abschluss wird eine Fläche aufgesetzt. Die Eckverbindungen bestehen aus Holzstiften, sodass der Leimverbrauch reduziert wird. Die Flächen können aus Holz, Glas, Linoleum oder Wabenpappe gestaltet werden. Das Konstrukt ermöglicht ein schnelles Auseinanderbauen und Tauschen einzelner Teile.
„Unsere Möbel sollen ihrem Besitzer über einen langen Zeitraum Freude bringen. Aber im Laufe der Jahre kann viel passieren. Manchmal ändert sich auch einfach der Geschmack. Deswegen ist es wichtig, dass einzelne Teile austauschbar sind“, sagt Bandyopadhyay. Das Kind, das voller Eifer ein Tischbein mit Filzstiften verziert, oder der umgekippte Rotwein auf der Platte, kein Grund, den Massivtisch dem Sperrmüll anzuvertrauen.
Teile können einzeln nachgekauft oder repariert werden. Das Design von Alvari ist zeitlos. In ruhigen Linien verläuft die Maserung entlang der Tafel. Jede Holztischplatte ist eine eigene Komposition. Der Tischler achtet besonders genau darauf, welche Hölzer er verwendet, auf Äste wird ganz verzichtet. Alvari fußt auf einem dicht verzahnten regionalen Produktionsnetz aus Sägewerken und Tischlern. Aus dem Wald wird das Holz in das nächstgelegene Säge- und Trocknungswerk gebracht. Bevor das Holz weiterverarbeitet werden kann, muss es erst einmal getrocknet werden – und dabei lässt es sich Zeit. An der Luft trocknet Holz in 2,5 Jahren um fünf Zentimeter. Danach kommt es noch einmal in die technische Trocknung.
Jeder Kunde kann Material-Herkunft nachverfolgen
Jeder Kunde kann zudem transparent nachverfolgen, aus welchem Forst das Holz für sein Möbelstück stammt. „Den genauen Baum können wir noch nicht bestimmen, außer letztens, als in der Hasenheide Bäume gefällt werden mussten. Da konnte man quasi auf den Baum zeigen und sagen, das wird mal mein Tisch“, sagt Bandyopadhyay und lacht.
Außer im Internet können Produkte von Alvari im Showroom „Der Raum“ an der Dunckerstraße in Prenzlauer Berg angeschaut werden. Die Lieferzeit für einen Tisch beträgt im Schnitt vier Wochen. Falls ein besonderes Holz angefragt wird, das gerade nicht vorrätig ist, kann es bis zu drei Monate dauern. „Ich habe in letzter Zeit nahezu eine Allergie gegen Schnelligkeit entwickelt. Alles muss immer schneller gehen“, sagt Fabio Schillaci. Für die meisten seiner Kunden sei eine längere Wartezeit kein Problem.
Am Ende des Gesprächs erzählt Bandyopadhyay noch von dem neuesten Alvari-Coup. Eine österreichische Agentur hatte angefragt, ob das Unternehmen einen nachhaltigen und schnell auseinander zu bauenden Straßenstand für sie entwickeln könne. Daraufhin designte Alvari den „IWU8“. Der aus Lärchenholz gefertigte Stand ist so leicht, dass er von zwei Personen transportiert werden kann. Schön ist er noch dazu. Als Bandyopadhyay das Konzept erklärt, schaut er erschrocken auf. Schon das ganze Interview hatte sich sein kleiner Sohn entsetzlich gelangweilt. Jetzt hat er eine eigene Beschäftigung gefunden. Innerhalb nur weniger Minuten nahm er den „IWU8“ auseinander. Das Alvari-Konzept – von Kindern getestet.





