Werkstattbesuch

Bahnchef Grube sucht in Berlin den Kontakt zur Basis

Rüdiger Grube besichtigte die neue DB-Werkstatt für Notfalltechnik in Berlin-Grunewald und stellte sich den Fragen einfacher Eisenbahner: „Regionentag“ heißt das in seinem Terminkalender.

Foto: Amin Akhtar

Mitten in der Halle steht er. Ein Koloss aus rot lackiertem Stahl. Das „schwere Nebenfahrzeug 8080 9705021-1“ hat gerade die Revision hinter sich, die in regelmäßigen Abständen vorgeschriebene Hauptuntersuchung für Schienenfahrzeuge.

Für die Deutsche Bahn und ihre Kunden ist das eine gute Nachricht in dieser Jahreszeit. Denn der rote Riese ist ein Schneepflug. „Die Schneeräumflotte ist zu 100 Prozent einsatzbereit“, sagt Hagen Wegner, Chef aller Werkstätten bei der Bahntochter DB Netz. Konzernchef Rüdiger Grube nickt zufrieden.

Ortstermin in der Werkstatt des Maschinenpools von DB Netz in Grunewald: Grube und Wegner sind mit den regionalen Führungskräften der Bahn in gekommen, um sich den jüngsten Standort des Konzerns in Berlin anzuschauen. Im Mai 2013 wurde das Werk symbolisch eröffnet. Symbolisch, weil bereits während der Bauphase kräftig geschraubt wurde.

„Sechs Monate nach dem ersten Spatenstich stand das erste Fahrzeug zur Fertigung hier“, sagt Werkstattleiter Peter Bittner. Ein ganzes Sammelsurium von Spezial-Fahrzeugen füllt die 5500 Quadratmeter große Halle. Schienenfräsen, Messzüge. Auch der Staubsaugerzug der Berliner S-Bahn, mit dem Gleise und Schotter gereinigt werden, ist jüngst angekommen. „Geben sie sich Mühe“, sagt S-Bahn-Chef Peter Buchner. „Das Teil liegt uns besonders am Herzen.“ Bittner lächelt. Der Stolz ist ihm anzumerken.

Neue DB-Werkstatt an bewegtem Ort

Der Standort hat Geschichte. 1879 ging die erste Eisenbahnwerkstatt an der Cordestraße in Betrieb. Die Außenmauern der jetzigen Gebäudes stammen aus dem Jahr 1929. An der Wand erinnert ein Metallschild an vergangene Zeiten: „Deutsche Reichsbahn, Bahnbetriebswerk, Berlin Grunewald“. Am 26. September 1998 schien das Aus besiegelt. Der Betriebshof Grunewald schloss die Tore. 2009 übernahm die DB Netz die Immobilie.

Mehrere Millionen Euro wurden investiert. Nun steht im Grunewald die modernste der bundesweit fünf Werkstätten der Bahntochter. Die Fahrzeuge kommen aus ganz Deutschland. „Das hier ist die Leitwerkstatt für unsere Notfalltechnik“, sagt Wegner. Rettungszüge, die bei Unfällen vor Ort sind, werden im Grunewald ebenso gewartet wie schwere Maschinen und Schienenkräne, die entgleiste Züge bergen können.

„Regionentag“ soll Barrieren überwinden

Bahnchef Grube lässt sich durch die Halle führen, stellt Fragen, posiert für die Fotografen, schüttelt Hände. „Regionentag“ nennt sich das im Terminkalender des Konzernlenkers. Regelmäßig reist er durch Deutschland, um den Kontakt mit den einfachen Eisenbahnern zu halten. „Wenn ich im 25. Stock des Bahntowers sitze, ist die Luft dünner und viele Themen sind rosarot“, sagt er. Deshalb wolle er die Hälfte seiner Zeit an der Basis verbringen und mit den Mitarbeitern reden.

140 Mitarbeiter aus allen Berliner Konzernbereichen sind in die Werkstatt eingeladen, um mit dem Chef zu diskutieren. Es gibt Kaffee und Kuchen. Ein verfrühter Weihnachtsbaum steht hinter dem Pult, an dem Grube reden soll. Er stellt sich daneben, das Mikrofon in der Hand. Keine Barriere, das soll die Geste wohl sagen, soll an diesem Tag zwischen ihm und den Seinen stehen. Trotzdem dauert es eine Weile, bis sich die ersten Finger zur Wortmeldung heben. Lokführer, die sich über die Papierflut beschweren. Ticketverkäuferinnen, die über zu wenige Mitarbeiter im Reisezentrum klagen. Und dann die ganz großen Themen – Politik, Pünktlichkeit, Personal.

Zusätzliche Mitarbeiter gegen Ausfälle und Mängel

Grube kommt in Fahrt. „Grundfalsch“ seien Forderungen – auch seitens der EU – nach einer Trennung von Netz und Betrieb. „Wer Rad und Schiene trennen will, der wird das bitter bereuen“, sagt Grube. „Ich bin froh, dass die künftigen Koalitionspartner Verfechter eines integrierten Konzerns sind.“ Allerdings mache ihm der Zustand eben jener Infrastruktur, von der er sich auf keinen Fall treffen will, „große Sorgen“, sagt der Bahnchef. „Schon jetzt haben wir einen Investitionsrückstau von 30 Milliarden Euro. Wenn wir nichts machen, wird der Mangel immer größer.“

Mangel ist ein Thema, auch in anderen Bereichen. Das Stellwerk im Mainz, wo Personalnot im Sommer wochenlang zu Ausfällen führte? „Ein schwerer Rückschlag“, sagt Grube. „In solchen Fällen sind wir die Blamierten – das ärgert mich sehr.“ Doch beim Personal soll es aufwärts gehen. Mehr als 1700 zusätzliche Mitarbeiter sollen 2014 kommen. 80.000 neue Mitarbeiter benötige die Bahn insgesamt in den kommenden zehn Jahren, sagt Grube.

Mangel auch bei der Pünktlichkeit: Sie lag beim Fernverkehr in den vergangenen Monaten regelmäßig unter 80 Prozent. Mit Folgen. „Das Image der Bahn hängt sehr stark von der Qualität im Fernverkehr ab“, sagt Grube und verspricht Besserung.

Nach zwei Stunden ist der Besuch an der Basis beendet. In der Werkstatt wird unterm Weihnachtsbaum gefeiert. Rüdiger Grube fährt ins Regierungsviertel. Politik machen für die Bahn.

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