Tunnelsperrung

80.000 Fahrgäste der Berliner S-Bahn müssen umsteigen

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Markus Falkner und Sabine Gundlach

Foto: Soeren Stache / dpa

Die Geduld der Berliner ist gefragt: Bei der S-Bahn beginnen die Arbeiten an der nächsten Großbaustelle. Die Nord-Süd-Linien sind betroffen - und somit Zehntausende Berliner.

Die Fahrgäste der Berliner S-Bahn müssen sich noch einmal auf Probleme einstellen. Eine der am meisten genutzten Abschnitte im gesamten Netz wird von Freitag an für mehr als zwei Wochen voll gesperrt. Auf dem Tunnelabschnitt der Nord-Süd-Linien sind an Werktagen durchschnittlich 80.000 Fahrgäste unterwegs. Sie müssen sich nun andere Routen durch die Stadt suchen oder auf Ersatzbusse umsteigen. Von Freitagabend, 22 Uhr, bis Betriebsbeginn am 9. Dezember wird der S-Bahnverkehr zwischen den Stationen Nordbahnhof und Anhalter Bahnhof unterbrochen. Betroffen sind die Linien S1 (Oranienburg-Potsdam), S2 (Bernau-Blankenfelde) und S25 (Hennigsdorf-Teltow Stadt).

Bahn lässt 15.000 Meter Schienen erneuern

Für 2,1 Millionen Euro erneuert die Bahntochter DB Netz insgesamt 15.000 Meter Schienen. „Durch die engen Kurven, das große Gefälle und die extreme Belastung von bis zu 36 Zügen pro Stunde sind die Gleise nach 20 Jahren so abgenutzt, dass sie dringend erneuert werden müssen“, sagte Projektleiter Ulrich Burkhardt am Dienstag. Die S-Bahn rät zur weiträumigen Umfahrung über den westlichen S-Bahnring oder mit den U-Bahnlinien U6, U7, U8 und U9. Zwischen Gesundbrunnen und Südkreuz können Fahrgäste auch auf Regionalzüge ausweichen. Zwischen Nordbahnhof und Anhalter Bahnhof fahren Ersatzbusse, doch wegen der zahlreichen Baustellen in der Innenstadt sind sie wohl deutlich länger unterwegs.

Für den Berliner Fahrgastverband Igeb ist vor allem ärgerlich, dass der S-Bahntunnel bereits im kommenden Jahr erneut gesperrt werden muss. Um Weichen zu erneuern, werden dann wieder wochenlang keine Züge fahren. Die Arbeiten an Gleisen und Weichen in einer einzigen Sperrpause zu erledigen, war nach Angaben der Bahn wegen der langen Planungsphasen nicht möglich.

Die Bahn sperrt den Tunnel schon 2014 erneut

Leider gilt: Nach dem Chaos ist vor dem Chaos. Wenn am frühen Morgen des 9. Dezember die ersten S-Bahnen über die erneuerten Schienen im Nord-Süd-Tunnel rollen, wird es wohl kein Jahr dauern, bis der viel befahrene Abschnitt des S-Bahnnetzes erneut abgeklemmt wird. Wie Ulrich Burkhardt, Projektleiter der Bahntochter DB Netz, und Jens Hebbe, Leiter der Betriebsplanung bei der S-Bahn Berlin GmbH, am Dienstag bestätigten, muss der Tunnel der Linien S1, S2 und S25 bereits 2014 wieder für mehrere Wochen gesperrt werden.

Dann sind die Weichen dran, vor allem an den Stationen Potsdamer Platz und Nordbahnhof. Wahrscheinlich, so Hebbe, werde die Sperrung im kommenden Jahr sogar länger dauern als die nun anstehende. Außerdem soll der gesperrte Abschnitt dann bis zum Bahnhof Gesundbrunnen reichen. Die Arbeiten sollen frühestens im September 2014 beginnen.

Fahrgastverband Igeb kritisiert die Bahn

Für Jens Wieseke, Sprecher des Fahrgastverbandes Igeb, ist das kaum nachvollziehbar. „Die Bahn muss sich schon fragen lassen, warum sie die Arbeiten nicht in einem Aufwasch erledigt“, sagte er. Aus seiner Sicht wäre dafür auch eine längere Sperrung vertretbar gewesen. „Zumal im Tunnel ja auch in den Wintermonaten ohne Unterbrechung gearbeitet werden könnte“, so Wieseke.

Die Bahn verteidigte ihre Planungen. Die Weichen im Tunnel seien wegen der engen Platzverhältnisse teilweise Spezialanfertigungen. Der Austausch erfordere daher „eine hohe konstruktive Vorleistung“. Laut Hebbe sind die Planungen noch in Arbeit. Der Austausch der Schienen – eigentlich für 2012 geplant, wegen der Sperrung der parallel verlaufenden U-Bahnlinie U6 aber verschoben – sei wegen des hohen Verschleißes aber nicht mehr aufzuschieben.

Die Arbeiten sind kompliziert

Nach Burkhardts Angaben sorgen die Platzverhältnisse im Tunnel schon beim jetzt beginnenden Schienenwechsel für erhebliche logistische Herausforderungen. Der Einsatz großer Gleisbaumaschinen ist nicht möglich. Die 60 Meter langen Schienenstücke müssen Stück für Stück angeliefert, montiert und verschweißt werden. Das treibt auch die Kosten in die Höhe. Allein 70.000 Euro gibt die Bahn für Brandwachen aus. Die menschlichen Feuermelder sollen auf den Bahnhöfen die automatischen Brandschutzanlagen ersetzen. Jene müssen wegen der Rauchentwicklung bei den Schweißarbeiten nämlich abgeschaltet werden.

Auf Berlins Straßen drohen Baustellen

Doch nicht nur die Nutzer der S-Bahn, auch Berlins Autofahrer müssen aktuell viel Geduld haben. In der Stadt zählt der ADAC derzeit rund 90 Großbaustellen. Dass kurz vor dem Winter auf so vielen Abschnitten gebaut wird, ist für viele Autofahrer ein Ärgernis.

Eines, das sich nach Angaben von ADAC-Verkehrsexperte Jörg Becker vermeiden ließe. Er fordert von der Politik, die Mittel für den Straßenbau früher als bisher – nämlich zum Anfang jedes Jahres – freizugeben. Bislang steht das Geld oft erst im Frühjahr oder später zur Verfügung. Die Folge laut Becker: „Nach erfolgter Planung und Ausschreibung kann das Geld dann erst gegen Jahresende verbaut werden kann. Gerade dann, wenn der Winter wieder vor der Tür steht.“