Rita Templiner, Schulleiterin der Hermann-Sander-Grundschule in Neukölln, hat schon ziemlich genaue Pläne, was sie mit dem neuen Geld aus dem Programm für Brennpunktschulen machen wird. Sie ist eine von insgesamt 219 Schulleitern, die am Mittwoch persönlich zu Senatorin Sandra Scheeres (SPD) geladen waren, um die Einzelheiten über das Programm zu erfahren.
Nach dem von der Koalition beschlossenen neuen Doppelhaushalt sollen Schulen in Problemkiezen insgesamt 15 Millionen Euro pro Jahr erhalten, um damit eigenständig auf die Bedürfnisse vor Ort reagieren zu können. „Dieses Programm ist bundesweit einmalig“, sagt Senatorin Scheeres. Es gebe den Schulen mehr Eigenständigkeit und unterstütze die Schüler in schwierigen Situationen. Profitieren sollen alle Schulen, an denen mehr als 50 Prozent der Schüler auf staatliche Transferleistungen angewiesen und deshalb von der Zuzahlung für Schulbücher befreit sind.
Dabei wird das Geld unterschiedlich aufgeteilt. Am meisten bekommen die Schulen, deren Anteil an Lernmittel befreiten Schülern höher als 75 Prozent ist. Der Basisbetrag liegt hier bei 75.000 Euro. Zusätzlich gibt es eine Zulage, wenn die Schule mit anderen Einrichtungen kooperiert. Und zudem noch einen Leistungsbonus, der nur ausgezahlt wird, wenn schuleigene Zielvereinbarungen eingehalten wurden.
Zusammen genommen kann die Schule so 100.000 Euro pro Jahr erhalten. Schulen, die mehr als 50 Prozent an Schülern aus sozial schwachen Familien haben, können insgesamt 50.000 Euro bekommen. Wenn die Einrichtungen im sogenannten Aktionsraum plus liegt, kommen weitere 12.500 Euro hinzu. Als Aktionsräume bezeichnet man fünf von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung festgelegte Gebiete mit besonders komplexen Problemlagen. Dazu gehören beispielsweise die Quartiere Neukölln Nord oder auch Spandau-Mitte.
Schulen sollen selbst über Einsatz der Mittel entscheiden
Die Schulen sollen selbst entscheiden, was sie mit dem Geld anfangen. Sie können etwa zusätzliche Sozialarbeiter beschäftigen oder Projekte wie eine Schulbibliothek finanzieren. Zwei Einschränkungen gibt es aber: Das Geld darf nicht ausgegeben werden für fehlende Lehrer und auch nicht, um bauliche Mängel zu beseitigen. Dabei ist oft ein hoher Krankenstand und ein Mangel an Fachlehrern ein großes Problem von Brennpunktschulen.
Rita Templiner will deshalb vor allem ihr Lehrpersonal mit dem Geld psychisch entlasten. An der Hermann-Sander-Grundschule sind 85 Prozent der Kinder aus sozial schwachen Familien. Fast alle nicht deutscher Herkunft. Es ist klar, dass die Lehrer hier stärker gefordert sind als etwa an einer Grundschule in Grunewald. „Wir wollen uns Coaches von außen holen, die die Lehrer schulen und Supervision anbieten.“ Zum ersten Mal könne sie professionelle Fortbilder in die Schule holen, bisher hätten immer Lehrer selbst eher notdürftig die Weiterbildung für die Kollegen übernommen.
Soziale Trainings für Berliner Schüler
Für die Schüler soll es soziale Trainings geben. „Die Kinder bringen häufig Probleme von zu Hause mit, die sie dann am Lernen hindern“, so die Schulleiterin. Durch die Projekte sollen sie lernen, mit solchen Konflikten besser umzugehen. Und auch für Eltern soll es Kurse geben, wie sie ihre Kinder in der Schule unterstützen können. Die Schulleiterin verspricht sich einen großen Entwicklungsschub für die Schule durch das Programm.
Christiane Freund, Leiterin der Vereinigung Berliner Schulleiter und der Möwensee-Grundschule in Wedding ist froh, dass die Verwaltung viele Ideen der betroffenen Schulen in das Programm mit aufgenommen hat. Die Möwensee-Grundschule hat erst kürzlich erfahren, dass sie mit im Programm ist, weil ihr Anteil der lernmittelbefreiten Kinder über die 50-Prozent-Hürde gerutscht ist. „Die Reaktion der Schulen ist sehr positiv, schließlich bekommen sie jetzt Geld direkt in die Hand“, sagt auch Inge Hirschmann, Vorsitzende des Grundschulverbandes und Leiterin der Heinrich-Zille-Grundschule in Kreuzberg.
Theaterprojekt zur Sprachförderung
Auch die Zille-Grundschule wird profitieren. „Wir wollen eine Lernwerkstatt aufbauen und ein Theaterprojekt zur Sprachförderung“, sagt sie. Das Grundproblem der Brennpunktschulen werde damit aber nicht gelöst. Um vernünftige Ganztagsangebote oder Förderung zu gewährleisten, wäre eine bessere Lehrerausstattung nötig. Immerhin sei die Kürzung der Sozialarbeiter an anderen Schulen jetzt vom Tisch. Das wäre ein fatales Signal gewesen, sagt Inge Hirschmann.
Auch wenn es weiter Brennpunktschulen geben wird, soll das Unterstützungsprogramm künftig nicht mehr so heißen. Die betroffenen Schulleiter stimmten am Mittwoch für den Namen Bonus-Programm, um eine Stigmatisierung der infrage kommenden Schulen künftig zu vermeiden.





