Ylva hat blonde Zöpfe. Sie ist fünf Jahre alt und seit einigen Wochen ein Schulkind. Etwa die Hälfte der Kinder in ihrer Klasse sind türkischer oder arabischer Herkunft. Andere kommen aus Georgien, Polen, Mazedonien oder Bosnien. Ylva lernt an der Karl-Weise-Grundschule im Neuköllner Schillerkiez. Ihre Mutter Petra Lafrenz sagt, dass sie gern zur Schule geht und bereits etliche Freunde dort hat.
Wie viele deutsche Kinder in Ylvas Klasse lernen, weiß Petra Lafrenz nicht genau. „Fünf vielleicht.“ Doch das spiele keine Rolle. Den Kindern sei das egal, solange die Atmosphäre an der Schule angenehm ist. „Wichtig ist doch nur, ob die Eltern sich für die Schule interessieren, ob sie sich engagieren und bereit sind, ihre Kinder zu unterstützen“, sagt sie.
Eltern sollen im Kiez bleiben
Die Informatikerin setzt sich dafür ein, dass möglichst viele Familien, denen Bildung wichtig ist, im Kiez bleiben und nicht wegziehen, wenn ihre Kinder zu Schule kommen. Zusammen mit Susann Worschech, deren Tochter Ella die Karlsgarten Grundschule im Viertel besucht, hat Lafrenz 2011 die Initiative „Kiezschule für alle“ gegründet. Die Mütter wollten nicht länger hinnehmen, dass es für viele Eltern selbstverständlich ist, nach Schulen in anderen Stadtteilen oder nach Privatschulen Ausschau zu halten, sobald ihre Kinder schulpflichtig werden.
„Die Eltern gucken sich die Schulen in ihren Viertel gar nicht erst an, sondern verlassen lieber gleich den Kiez oder nehmen lange Fahrwege für ihre Kinder in Kauf“, sagt Lafrenz. Die Karl-Weise-Schule mache zum Beispiel erfolgreich jahrgangsübergreifenden Unterricht, soziales Lernen sei ein Schwerpunkt der Schule, es gebe viele Arbeitsgemeinschaften. Auch andere Schulen im Kiez seien längst besser als ihr Ruf.
Neuanmeldung ab Oktober
Das ist die Botschaft von Lafrenz und Worschech. Und die soll vor allem jene Eltern erreichen, deren Kinder im kommenden Jahr eingeschult werden. In der Zeit vom 21. Oktober bis zum 1. November müssen sie ihre schulpflichtigen Kinder an einer Grundschule anmelden. Zur Auswahl stehen ihnen allerdings nur die Schulen in Wohnortnähe, so will es das Schulgesetz. Um dieser Einschränkung aus dem Weg zu gehen, ziehen nicht wenige Familien in einen anderen Stadtteil oder entscheiden sich für eine Privatschule. Sie tun das vor allem dann, wenn ihre Einzugsschule eine so genannte Brennpunktschule ist. Brennpunktschulen werden gemieden – von den Eltern jedenfalls, die es sich leisten können, umzuziehen oder Schulgeld zu bezahlen.
Wie sehr bildungsbewusste Eltern auf das schulische Umfeld achten, zeigen die Konflikte in Alt-Mitte. Dort platzen Grundschulen wie die musikbetonte Papageno-Schule an der Bergstraße oder die Schule am Koppenplatz aus allen Nähten, während es an nahe gelegenen Grundschulen in Wedding oder Gesundbrunnen nach wie vor freie Plätze gibt.
Streit wegen der Einzugsgebiete
Der Bezirk hat versucht, Abhilfe zu schaffen und sieben Schulen zu einem gemeinsamen Einschulungsbereich zusammengefasst. So sollen etwa Kinder aus Mitte an weniger nachgefragten Schulen in Wedding angemeldet werden. Doch für die bildungsbewussten Eltern ist das keine Option. Seit Jahren gibt es Streit wegen der Einzuggebiete.
In diesem Jahr lagen dem Schulamt Mitte 200 Widersprüche von Eltern künftiger Erstklässler vor, im vergangenen Jahr waren es etwa 150. Holger Kulick, Elternvertreter an der Papageno-Schule, ist sicher, dass das Dilemma weitergehen wird. „Unsere Schule ist am Ende ihrer Kapazität“, sagt er. Das würde viele Eltern aber nicht davon abhalten, ihre Kinder dort und nicht an einer der Grundschulen im Wedding anzumelden. „Eine Lösung des Problems ist nicht in Sicht.“
Inzwischen versuchen längst auch die Schulen selbst, für eine gute Mischung ihrer Schülerschaft zu sorgen. Mit unterschiedlichem Erfolg. Für Schlagzeilen sorgte vor drei Jahren die Gustav-Falke-Schule in Wedding mit ihrer Deutsch-Garantie-Klasse. Als erste Schule Berlins hat sie eine Klasse mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt eingerichtet, in der ausschließlich Kinder mit sehr guten Deutschkenntnissen aufgenommen werden.
Familien mit vielen Kindern haben es schwerer
Nachdem viele Eltern zunächst in heller Aufregung waren, ist das Konzept inzwischen anerkannt, zumal es inzwischen mehrere dieser Klassen gibt und längst nicht nur deutsche Kinder darin sitzen. Die Initiative von Lafrenz und Worschech kommt dagegen besser an. Und sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass nun auch immer mehr Eltern für eine gute Durchmischung der Schülerschaft kämpfen. Viele wollen schließlich in den angesagten Kiezen wohnen bleiben – dazu gehören längst auch Teile von Neukölln – und wünschen sich, dass sich auch ihre Kinder dort zu Hause fühlen.
Die Schulleiterinnen der Karl-Weise-Schule und der Karlsgarten-Schule, Andrea Schwenn und Barbara Unger, haben die Initiative von Anfang an unterstützt. „Die Eltern haben schon viel bewegt“, sagt Schwenn. Die Zahl der bildungsbewussten Familien, die sich für die Schule interessierten, würde zunehmen. Schwenn betont allerdings, dass auch die anderen Familien um ihre Kinder besorgt sind. Von bildungsfern will sie deshalb nicht sprechen. Das sei polemisch. „Diese Eltern sind nicht bildungsfern, sie wissen nur nicht, wie sie die Schule unterstützen können, was sie tun sollen, um ihren Kindern ein sicheres Fundament mitzugeben.“ Familien mit vielen Kindern hätten es zudem schwer, sich um jedes einzelne Kind intensiv zu kümmern.
40 Familien schon aktiv
Wie der Alltag an der Karl-Weise-Schule oder an der Karlsgarten Schule aussieht, können Eltern am 25. September miterleben, dem Tag der offenen Tür beider Schulen. Susanne Worschech sagt, dass interessierte Mütter und Väter auch sonst jederzeit im Unterricht hospitieren können. „Die Schulen sind diesbezüglich sehr offen.“
Das sei nicht zuletzt ein Erfolg der Initiative. Der gehören inzwischen mehr als 40 Familien an, darunter viele, deren Kinder noch sehr klein sind. „Mit dabei sind übrigens auch türkische und arabische Familien, die sonst ebenfalls den Kiez verlassen hätten, wenn ihre Kinder in die Schule kämen“, sagt Worschech.





