Berlin-Schöneberg

Zwei arabische Großfamilien streiten um die Macht im Kiez

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Michael Behrendt

Foto: ABIX

Bei einer nächtlichen Schlägerei in Berlin-Schöneberg wurde ein Mitglied einer berüchtigten arabischen Großfamilie verletzt. Es soll um die Vormacht im Kiez gegangen sein. Die Polizei sucht Zeugen.

Die Berliner Polizei muss sich erneut um einen Zwischenfall innerhalb der organisierten Kriminalität kümmern: Nach offiziellen Angaben wurde in der Nacht zu Sonnabend in Schöneberg ein Mitglied einer berüchtigten arabischen Großfamilie bei einer Schlägerei verletzt.

Die eingesetzten Beamten konnten wenig später einen der mutmaßlichen Täter stellen. Die Ermittlungen gestalten sich allerdings wie immer schwer in diesem Milieu: Täter und Opfer schweigen. Nun setzen die Ermittler auf Hinweise von Augenzeugen.

Gegen 23.50 Uhr hatten Passanten die Polizei zur Kreuzung Bülow/Zietenstraße gerufen. Sie hatten beobachtet, wie ein Mann aus einer Gruppe von sieben bis acht Personen heraus angegriffen wurde. Die zunächst Unbekannten schlugen und traten auf den 42 Jahre alten Mann ein. Einer der Täter ergriff schließlich eine auf dem Gehweg liegende Glasflasche und schlug dem Opfer damit auf den Kopf.

Anschließend flüchtete er mit seinen Komplizen. Während die alarmierten Polizeibeamten des Abschnitts 41 kurz darauf einen Tatverdächtigen im Alter von 29 Jahren widerstandslos festnehmen konnten, gelang dessen Begleitern die Flucht.

Seit geraumer Zeit auf Konfrontationskurs

Gegen den 29-Jährigen wurde ein Strafermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung eingeleitet. Der 43-Jährige wurde wegen einer Platzwunde am Kopf in ein Krankenhaus eingeliefert, konnte nach einer ambulanten Behandlung allerdings entlassen werden.

Zunächst hatte nach den ersten Schilderungen der Augenzeugen der Verdacht bestanden, dass das Opfer auch mit Messern traktiert worden sein könnte. Dies bestätigte sich nach dem Abschluss der medizinischen Untersuchungen allerdings nicht.

Nach Angaben eines in den Fall involvierten Ermittlern sind die beiden arabischen Familien seit geraumer Zeit auf Konfrontationskurs, Hintergrund soll die Vormachtstellung bei der Umsetzung ihrer kriminellen Machenschaften im Schöneberger Kiez sein. „Die Angehörigen dieser Clans sind in der Gegend gefürchtet und der Polizei aus mehreren Verfahren bekannt“, so der Beamte. Die genauen Hintergründe der Auseinandersetzung dürften der Einschätzung des Beamten allerdings verborgen bleiben. „Wie auch in den Rockerkreisen ist es in diesem Milieu ungeschriebenes Gesetz, dass die Beteiligten schweigen. Das erschwert die Untersuchungen. Wenn wir keine übereinstimmenden Aussagen von Augenzeugen haben oder sich ein Aussteiger an uns wendet, werden Einzelheiten nur selten bekannt.“

Warnung vor Parallelgesellschaft

Szenekundige Beamte beobachten bereits seit mehreren Jahren, dass sich eine „Parallelgesellschaft“ mit eigener Rechtsprechung neben und häufig im völligen Widerspruch zu den geltenden Gesetzen entwickelt hat. So sei es innerhalb der Großfamilien keine Seltenheit, dass bei Streitigkeiten so genannte Friedensrichter eingesetzt werden, um bei Revierstreitigkeiten zu vermitteln.

„Diese innerhalb der Szene anerkannten und in hohem Maße von allen respektierten Weisen gelten als unangefochtene Autoritäten und haben letztlich das Sagen. Ihre Entscheidungen sind für beide Parteien verbindlich“, so ein Ermittler. „Untersuchungen durch die Polizei und die Staatsanwaltschaft stören die Geschäfte der Clans. Deswegen versuchen sie, Revierkämpfe möglichst unbemerkt auszutragen. Geht es um die Verteilung von Gebieten beispielsweise für den Drogenhandel oder um die Verletzung der Ehre eines Angehörigen einer betroffenen Familie, setzen sich beide Parteien an einen Tisch und tragen ihre Anliegen vor. Der eingesetzte Friedensrichter spricht später wie bei einer Gerichtsverhandlung ein Urteil.“

Durch diese Instanzen werde es für die Behörden immer schwieriger, sich einen kompletten Überblick über das Agieren der organisierten Kriminalität zu machen. „Was man auf jeden Fall als Lehre mitnehmen muss, ist der Umstand, dass diese organisierten Banden sowohl die Polizei als auch unser Rechtssystem nicht als Autorität anerkennen.“

Eben diese Respektlosigkeit spiegele sich auch im Umgang mit den Polizisten wider. Zwar sei im Fall der Auseinandersetzung in der Nacht zu Sonnabend kein Widerstand bei der Festnahme geleistet worden, sonst sei dies aber an der Tagesordnung. „Gerade die in der Hierarchie der Clans weiter unten stehenden Mitglieder wollen sich durch Gegenwehr bei Polizeiaktionen einen Namen machen“, so ein Ermittler. Regelmäßig würden Vollzugsbeamte bei Festnahmen und Razzien verbal und körperlich attackiert, würden Drohungen gegen die Familien der Polizisten ausgesprochen. „Früher habe ich mir deswegen noch Sorgen gemacht, mittlerweile höre ich gar nicht mehr hin. Bei der 50. Todesdrohung habe ich beschlossen, diese Aussprüche zu ignorieren.“

Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.