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Krieg am Bierpinsel - Was Berliner am Spiel „Ingress“ fasziniert

Die Fans versammeln sich mit ihren Smartphones überall in Berlin. Sie nennen sich „Schlümpfe“ und „Frösche“. Und es werden immer mehr. Was die machen? Sie begeistern sich für das Spiel „Ingress“.

Foto: David Heerde

Abends, in der Dunkelheit gegen 21 Uhr, greifen vor dem Bierpinsel-Turm in Steglitz mehrere „Erleuchtete“ die Portale der „Resistance“ an. Es knallt, es blitzt und mehrere Explosionen wechselnder Größe folgen, es wird etwas unübersichtlich an der Ecke Schildhornstraße/Schloßstraße. Der „Bierpinsel“ war bis eben noch blau gefärbt, und wechselt langsam seine Farbe in Grau und schließlich in Grün.

In diesem Moment haben die „Erleuchteten“ auf ihren Displays den Bierpinsel übernommen, zumindest für ein paar Minuten. Denn die „Resistance“ wird den Kampf um das Gebäude auf gar keinen Fall aufgeben. Ein paar hundert Meter die Straße hinunter gehört ihnen zumindest gerade das Rathaus Steglitz. Noch.

Von diesem Kampf mit Explosionen und grünen und blauen Glitzer-Farben ist nur wenig in der wirklichen Welt zu sehen: Autos fahren achtlos vorbei, halten bei Rot, fahren bei Grün, Menschen führen Hunde aus oder stehen an einem Imbiss für eine braune Currywurst an, trinken gelbes Bier. Aber da sind auch fünf Menschen in dunkler Freizeitkleidung, die im Kreis stehen und auf ihre Mobiltelefone starren, ab und zu aufschauen, etwas murmeln von „Resonatoren“ und „XMP-Burstern“.

Die Erleuchteten und der Widerstand

Sie spielen das Handy-Spiel „Ingress“, das gerade mal ein Jahr alt ist und seitdem unaufhaltsam seinen Siegeszug auf der ganzen Welt angetreten hat – bisher spielen es allerdings eher computeraffine Menschen. Überall gibt es diese beiden Gruppen, die „Erleuchteten“ und die „Resistance“, in New York und Nairobi, in Buenos Aires und Shanghai. Gerade ist die Beta-Version für beendet erklärt worden, das heißt, ab 14. Dezember kann sich jeder anmelden bei „Ingress“. Es könnten also bald noch viele mehr werden, die im Kreis auf dem Fußweg stehen, oder im vorbeigehen Orte in der Stadt verteidigen oder zerstören oder erobern.

Die fünf Spieler, die in Steglitz abends um 21 Uhr zusammenstehen, kannten sich bis zu diesem Abend zum Teil nicht. Sie alle gehören der „Resistance“ an und haben soeben eine kleine Schlacht verloren, nämlich die um den Bierpinsel, oder besser: „das Portal Bierpinsel“. Sie heißen Xarf, Sonnenanbeterin, Shawna, Aturius und Azebugy. Sie arbeiten zusammen und „Portale“ sind ihnen wichtig. Plötzlich tauchen auf der anderen Straßenseite sechs Männer auf, die auch blinkende Mobiltelefone in ihrer Hand haben. Xarf pfeift auf zwei Fingern: „Hey“, ruft er, „ihr seid Frösche, oder?“ Einer der sechs antwortet: „Na, ihr Schlümpfe, ihr habt noch einiges vor heute, wa?!“

Von Außerirdischen gehirngewaschen?

Beim Spiel „Ingress“ sind die Mitwirkenden in zwei Gruppen aufgeteilt, für die sie sich entscheiden, wenn sie beginnen. Die „Erleuchteten“ wollen laut Handbuch „eine außerirdische Energie über Portale auf der Erde etablieren wollen“. Ihr Spielfarbe ist Grün, im Jargon der Spieler heißen sie deshalb „Frösche“. Ihre Gegner sind die Widerstandskämpfer, deren Farbe Blau ist – daher der Spitzname „Schlümpfe“. Sie wollen die außerirdische Energie lieber von der Erde verbannen.

Das Komplizierte an dieser Geschichte ist: Noch weiß niemand, ob diese „Energie“, um die es geht, eigentlich gut oder schlecht für die Menschheit ist. Die Grünen sagen, die Energie sei gutartig und die Blauen stellten sich dem Fortschritt entgegen. Die blauen Widerstandskämpfer sagen, die Grünen seien von Außerirdischen gehirngewaschen. Die Geschichte entwickelt sich weiter und jede Woche gibt es über Youtube neue Nachrichten: den „Ingress“-Report.

Berlin lebt in einer Parallelwelt

Es ist eine Parallelwelt, die sich in der ganzen Welt und auch Berlin seit einem Jahr entwickelt hat und seitdem unaufhörlich wächst. „Ingress“ arbeitet mit der Google-Landkarte, wurde von der Google-Firma Niantic entwickelt und wandelt die Berliner Straßennamen in Spielfelder um. Es geht darum, ein Gebiet abzustecken mit „Portalen“, die jeder Spieler an realen Sehenswürdigkeiten selbst anmelden kann. Es sollte ein markanter Ort sein. Wenn eine Spielergruppe mehrere Portale übernommen hat, können diese verbunden werden, so werden grüne oder blaue Felder abgesteckt. Das Besondere: Um Portale einzunehmen, müssen die Spieler sich in der Nähe des jeweiligen Ortes aufhalten, das heißt: Sie können nur im Ausnahmefall vom heimischen Computer Portale angreifen und einnehmen. Sie müssen meist dafür auf die Straße gehen.

Genau das ist für einige Spieler das Besondere an „Ingress“, und sie sagen, das habe ihr Leben verändert. SenecaII, ein Spieler der Grünen, sagt, dass früher ähnliche Technik-Spiele eher für Computerfans gemacht waren, die sich am Bildschirm in eine Parallelwelt zurückziehen. „Mit diesem Spiel aber sind wir gezwungen, uns zu bewegen“, sagt er, „ich habe im letzten halben Jahr zehn Kilogramm abgenommen.“

Kaspahr, ein Spieler der blauen Fraktion, stimmt zu: „Ich bin allein für das Spiel rund 100 Kilometer gelaufen.“ Ein Dritter erzählt von einem Unfall, nachdem er erst langsam das Laufen wieder lernen musste. „Ich bin durch ‚Ingress‘ quasi wieder gesund geworden.“ Die Spielerin Shawna, die erst seit zwei Monaten dabei ist, sagt, dass sie erst durch das Spiel ihren Bezirk Steglitz besser kennen gelernt habe. „Ich habe früher nie auf einzelne Statuen oder Sehenswürdigkeiten in meinem Kiez geachtet“, sagt sie. „Wenn man aber ein eigenes Portal mit einem kleinen Marmorengel verbindet, dann lerne ich auch mehr über Berlin.“

Fremde lernen sich an Portalen kennen

Egal aus welchen Gründen, aber die Folgen von „Ingress“ sind im Stadtbild sichtbar, zumindest für die, die davon wissen. Wer von „Ingress“ weiß, dem fällt auf, dass immer wieder Menschen mit gezückten Mobiltelefonen stehen bleiben, klicken, tippen und warten, bis sie ein Portal eingenommen haben. Beim Vorbeigehen lächeln sie manchmal. „Hallo Kamerad.“ Grüne wollen blaue Portale grün färben, Blaue färben grüne Portale blau – das klingt eigentlich nach einer ziemlich eintönigen Beschäftigung.

Damit das aber nicht langweilig wird, kann ein einzelner Spieler höhere Stufen erreichen, neue Gegenstände einsammeln oder eigene Portale bis hin zur Uneinnehmbarkeit verteidigen – allerdings nur mit anderen Spielern gemeinsam. Einige Ziele können nur von mehreren Spielern einer Gruppe gleichzeitig erreicht werden. So schließen sich Teilnehmende zusammen, verabreden sich im Internet zu gemeinsamen Spaziergängen durch die Stadt oder ganzen Raubzügen durch das Zentrum.

„Vor allem die bekannten Sehenswürdigkeiten sind umkämpft“, sagt Xarf, einer der blauen Mitspieler, „das Brandenburger Tor, die Siegessäule oder das Rathaus Steglitz.“ Speziell am Abend gefalle ihm die Gegend um den Lustgarten, der sei auch voller Portale, denn jede Statue könne ein eigenes Portal sein. „Doch oft geht es nicht um den Bekanntheitsgrad eines Portals“, sagt er, „viele bauen eine emotionale Bindung zu einem Portal auf, das sie selbst hergestellt haben.“ Manche bauen es auch an entlegenen Orte in Brandenburg, damit es besonders lange hält. Mit dem Mobiltelefon nämlich lassen sich nur Portale im Umkreis von 500 Metern anzeigen.

Erobert dieses Tor!

Vor rund einem Monat, zum Tag der Deutschen Einheit, hatten sich viele Spieler zusammengeschlossen. Die Grünen hatten sich verabredet, den gesamten S-Bahn-Ring einzunehmen. Morgens um 2 Uhr begannen sie die Tour, während sich parallel die Blauen auch verabredet hatten. Sie wollten das Brandenburger Tor erobern und die ganze Gegend in der Innenstadt, die wichtigen und schönen „Portale“. Es wurde bitter gekämpft in dieser Nacht, aber gewonnen hatte – wie das so oft der Fall ist – keiner, am nächsten Morgen begannen einzelne Portale wieder die Farbe zu wechseln. Nur wenig ist in der Parallelwelt von Dauer.

Manche Portale bilden ein Muster

Die Spielerin „Sonnenanbeterin“, eine 29 Jahre alte Steglitzerin, deren Freund ebenfalls bei den „Blauen“ kämpft, hat bei ihren Streifzügen schon Kunstwerke entdeckt. „Im Treptower Park wurden einige Portale so angelegt“, sagt sie, „dass sie ein Muster ergeben haben, das einem Schmetterling ähnlich sah.“ Und an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wurden grüne und blaue Portale so gesetzt, dass sich Dreiecke ergaben, die immer größer wurden. Grün, blau, grün, blau. „Dafür sind viele Absprachen notwendig“, sagt sie, „aber es gibt ja auch Paare, die unterschiedlichen Fraktionen angehören.“

Das allerdings hat man sich dann nicht nur harmonisch vorzustellen. Man munkelt von Blauen, die ein Mitglied einer Chatgruppe ausgeschlossen haben, weil sie sich einen Grünen verliebt hatte – im realen Leben. Dabei ist genau das das Besondere dieses Spiels, der Moment, wenn das Virtuelle plötzlich real wird: Wie bei dem ersten Date, dass jemand über das Internet ausgemacht hat, oder das Klingeln des Postmannes mit einem Paket, nur wegen ein paar Klicks im Internet.

Die Spieler diskutieren, ob sie Portale auf Friedhöfen anmelden dürfen oder ob das pietätlos sei. Oder sie schreiben, dass sie „ein mulmiges Gefühl haben“, wenn sie einen „XMP-Burster“ neben einer ganz realen Tankstelle zünden. Aber diese Brücke Real/Virtuell wird auch am Bierpinsel in Steglitz deutlich, wenn grüne und blaue Gegnern einander gegenüberstehen – und dann plötzlich winken, grinsen, auf ihre Hände schauen, wobei die Chancen sehr gut stehen, dass sie den Abend bei einem gemeinsamen Bier in einer Kneipe um die Ecke beenden. Ganz ohne „Ingress“.

Kommt bald die Farbe Rot?

Einige erwarten, dass mit der Öffnung von „Ingress“ ein Jahr nach der Gründung für alle noch eine weitere Neuerung hinzukommt. Das könnte die Farbe Rot sein oder neue Gegenstände. Aber schon jetzt ist es für viele ein gesunder Zeitvertreib, auf dem Weg zur Arbeit den heimischen Kiez für das eigene Team zu verteidigen und hier noch einige Grundlagen für den Kiezkämpfer: Der Kudamm ist eher in blauer Hand, genauso Wedding und Potsdam Babelsberg. Moabit ist dagegen vor allem von Grün dominiert, ebenso Tempelhof und auch der Prenzlauer Berg.

Sascha Lobo, der Blogger und Internetexperte, hat dort ein besonders großes Portal geschaffen, das er selbstverständlich mit allen Mitteln verteidigt. Xarf hat so etwas auch gemacht, so dass er von seinem Schreibtisch aus sein Portal verteidigen kann. „Manchmal stehe ich oben am Fenster und sehe unten, wie jemand mein Portal angreift“, sagt er und muss selbst grinsen, weil das wieder so eine Virtuell-Real-Brücke ist, die keinem wehtut und doch auch etwas bedeutet. Er chatte dann manchmal mit den Angreifern, denn die haben im Grunde nur wenig Chancen.