Vergleich

Bus gegen Bahn – Wer bietet was ab Berlin?

Immer mehr Fernbusunternehmen machen den Zügen der Deutschen Bahn Konkurrenz. Berlin ist dabei besonders gefragt. Doch wie gut sind sie? Die Morgenpost vergleicht die Angebote.

Timm Fischer kommt viel rum. Der 28-jährige Berliner wohnt in Pankow, studiert aber an der Technischen Universität Dresden. Seine Freunde leben in Rostock, Kiel, Marburg und Leipzig. Gute Gründe für den Medizin-Studenten, fast jedes Wochenende quer durch Deutschland zu reisen.

Anfangs war er viel mit der Bahn unterwegs, bis es ihm zu teuer wurde. Dann suchte er über Internetportale passende Mitfahrgelegenheiten, da gab es allerdings manche unangenehme Überraschung. Inzwischen schwört der Student auf den Fernbus. „Der ist deutlich preiswerter als die Bahn, zugleich viel komfortabler und zuverlässiger als eine Mitfahrt“, sagt er.

Fischer ist mit dieser Meinung offenbar nicht allein. Zehntausende Reisende haben den – anders als in Großbritannien oder den USA – in Deutschland nicht so populären Fernreisebus für sich entdeckt. Der seit Jahresbeginn liberalisierte Markt sorgt geradezu für einen Boom in der Branche.

Nach jahrelangen Diskussionen hatte die Bundesregierung das Personenbeförderungsgesetz geändert. Eine noch aus den 30er-Jahren stammende Klausel untersagte Busunternehmen, Linienverkehr parallel zu Eisenbahnstrecken anzubieten. Ein Schutz für die staatsfinanzierte Bahn. Eine Ausnahme bildete lediglich der West-Teil Berlins, der nach dem Mauerbau wegen seiner Insellage inmitten der DDR auch per Bus angesteuert werden durfte.

Berlin ist dabei besonders gefragt

Seit Anfang 2013 sind nun alle Strecken über 50 Kilometer und über eine Stunde Fahrtdauer für den kommerziellen Buslinienverkehr freigegeben. Seither drängen immer neue Anbieter auf den Markt. Berlin ist dabei besonders gefragt.

Das belegen aktuelle Zahlen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die über ihre Tochtergesellschaft IOB den Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) am Messegelände in Charlottenburg betreibt. Demnach gab es 2012 am ZOB rund 65.000 An- und Abfahrten. Laut BVG-Sprecher Klaus Wazlak rechnet die IOB in diesem Jahr „mit deutlich über 90.000 Nutzungen“, ein Plus von fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der BVG zufolge ist die Zahl der Unternehmen, die den Zentralen Omnibusbahnhof regelmäßig anfahren, auf 55 gestiegen, fünf mehr als noch 2012.

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Gerade die neu gegründeten Unternehmen konzentrieren sich dabei oft auf dieselben lukrativen Reiseziele. Sind sie doch darauf angewiesen, dass ihre Busse gut ausgelastet sind. Mindestens zwei Drittel der Plätze müssen verkauft sein, sagen Experten, damit sich das in der Anschaffung bis zu 500.000 Euro teure Fahrzeug betriebswirtschaftlich rechnet.

Gute Auslastung garantieren vor allem die Strecken, die von der Deutschen Bahn mit zu geringen Kapazitäten oder mit vergleichsweise hohen Preisen bedient werden. Die Verbindung Berlin–Hamburg ist eine solche Verbindung.

Gut für den Fernbus-Kunden, denn er hat die Wahl. Laut dem Internet-Vergleichsportal www.busliniensuche.de bieten etwa an diesem Sonntag fünf Unternehmen insgesamt 41 Fahrten an, die Fahrpreise differieren nach Abfahrtszeit und Anbieter. Die Tickets für eine einfache Fahrt kosten zwischen 15 Euro (7.45 Uhr mit MeinFernbus) und 29 Euro (12.20 Uhr mit ADAC-Postbus).

Zum Vergleich: Die Fahrt mit dem ICE der Deutschen Bahn kostet ohne Bahncard regulär 76 Euro und ist damit bis zu fünf Mal teurer. Allerdings erreichen die Passagiere die Hansestadt im Zug in rund einer Stunde und 40 Minuten. Die Fernbusse benötigen zwischen zwei Stunden, 45 Minuten (Berlin-Shuttle) und vier Stunden, 5 Minuten (BerlinerLinienBus).

Bahn ist nicht immer schneller

Doch es gibt auch Verbindungen, da kann die Bahn nicht mal mit einem Zeitplus punkten. Dazu zählt etwa die Strecke Berlin–Dresden, auf der wegen maroder Gleise und altersschwacher Sicherungstechnik die Züge teilweise nicht schneller als 120 Kilometer pro Stunde fahren dürfen. So benötigt der Eurocity für die Fahrt von Berlin nach Dresden zwei Stunden und sechs Minuten. Die Fahrt im Fernbus dauert mit rund zweieinhalb Stunden kaum länger, der Fahrpreis liegt allerdings mit 9 bis 19,50 Euro um 50 bis 75 Prozent unter dem regulärer Ticketpreis der Deutschen Bahn AG (39 Euro ohne Bahncard).

„Den günstigen Fahrpreis kann ich für den Fernbus auch noch zwei Stunden vor Abfahrt im Internet buchen, bei der Bahn sind Sparpreise schon eine Woche vorher nicht mehr zu bekommen“, sagt Timm Fischer. Wichtig für den Studenten ist auch: Die heute im Fernverkehr eingesetzten Busse sind bequem und sauber, sie verfügen zudem fast alle über Steckdosen und kostenloses Internet, Standards also, die bei der Bahn nicht mal in allen ICE normal sind.

Der Boom im Fernbusangebot scheint ungebremst. Erst Anfang November ist mit dem ADAC-Postbus ein neuer Anbieter in Berlin auf den Markt gekommen. Die markanten gelben Bussen fahren vom ZOB aus auf vier Linien 15 Großstädte an, darunter natürlich auch die Ziele Hamburg und Dresden. Besonders gut würden auch die langen Strecken etwa ins Ruhrgebiet angenommen, sagt ADAC-Sprecherin Claudia Nolte. Weitere Linien, darunter eine Direktverbindung Berlin–München, sollen im Frühjahr 2014 folgen.

Ebenfalls erst seit Kurzem ist das in München beheimate Unternehmen FlixBus in Berlin präsent. „Die Hauptstadt ist mit Abstand das gefragteste Reiseziel unserer Nutzer. Wir weiten daher aktuell das FlixBus-Angebot am ZOB Berlin großflächig aus“, sagte FlixBus-Sprecherin Bettina Engert. In Kürze will FlixBus den Betrieb von drei weiteren Linien nach Süd- und Norddeutschland aufnehmen. Gleichzeitig sollen die Takte auf bestehenden Strecken verstärkt werden.

Das Start-up-Unternehmen MeinFernbus mit Sitz in Friedrichshain hat sich in einer geradezu rasanten Expansion zum Markführer entwickelt. Innerhalb nur eines Jahres haben die Newcomer ein Netz aus 38 Linien aufgebaut, über die 127 Ziele in Deutschland erreicht werden können. Inzwischen haben die hellgrünen Busse bereits zwei Millionen Fahrgäste befördert.

Ein Überangebot und damit eine Überhitzung befürchtet das Unternehmen nicht. „Sicherlich wird es in ein bis zwei Jahren eine Konsolidierung geben. Aber im Moment ist noch viel Potenzial im Markt“, meint MeinFernbus-Sprecher Gregor Hintz. Er fürchtet auch keinen ruinösen Wettbewerb mit der Bahn. „Die meisten Kunden sind vorher mit dem eigenen Pkw gefahren oder haben Mitfahrgelegenheiten genutzt“, so sein Erfahrung. Viele Ältere hätten ohne die bequeme Punkt-zu-Punkt-Beförderung durch den Bus die Reise überhaupt nicht angetreten.

Platzhirsch in Berlin war lange der BerlinerLinienBus, ein Tochterunternehmen der Bahn-Tochter Bayern-Express (BEX) und Haru aus Spandau. Seit gut einem Jahr muss sich das Unternehmen den oft billigeren Offerten der Newcomer widersetzen. Bislang mit Erfolg. „Durch viele neue Angebote haben unsere Busse die gleiche Auslastung wie vor der Liberalisierung des Wettbewerbs“, sagt Jörg Schaube, Geschäftsführer von BerlinLinienBus. Dazu gehört auch, dass das Unternehmen mit Beginn des Winterfahrplans einen „flexiblen Spartarif“ eingeführt hat, der erheblich unter dem Normalpreis liegt – allerdings nur begrenzt verfügbar ist. Ein Bonussystem soll Stammkunden binden.