Auszeichnung

Straße in Moabit ist eine der schönsten in Deutschland

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Thorsten Briele, Andreas Gandzior und Tanja Laninger

Foto: Amin Akhtar

Die Emdener Straße in Moabit wurde vom Deutschen Städtebund als eine der zehn schönsten Straßen in Deutschland ausgezeichnet. Die Anwohner sehen den Kiez eher als „Problemgegend“.

„Was? Diese Straße?“ Die Überraschung ist groß, nicht nur beim Berliner Mieterverein, von dessen Geschäftsführer Reiner Wild der Ausruf stammt. Auch Mittes Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) dachte, als er die Einladung erhielt, er habe sich „verlesen“. Denn der Deutsche Städtebund hat mit dem Netzwerk Nachbarschaft und einem Baumarkt am Freitag die Emdener Straße in Moabit als eine der zehn schönsten Straße in Deutschland ausgezeichnet.

Eine Straße, deren Anwohner ihre Adresse als „mitten im Moabiter Drogendreieck“ angeben und als „Problemgegend“ bezeichnen. Im Mietspiegel 2013 wird die Wohnlage für das Beispiel Emdener Straße 1 als „einfach“ und die Lärmbelastung als „hoch“ angegeben. Richtung Norden wird sie dann sehr ruhig.

„Das ist ein sehr gemischtes und auch schwieriges Gebiet“, kommentiert Wild vom Mieterverein, „es gibt vernachlässigte Ecken, und der Anteil der Haushalte mit geringem Einkommen ist hoch.“ Hanke ergänzt, dass jedes zweite Kind in Moabit in relativer Armut aufwächst. Genau die Anwohner sind es jedoch, die die Jury – zu der Zeichner Janosch und Komiker Mike Krüger gehören – würdigen will. Zumindest die engagierten unter ihnen.

Zwei Tage lang wurde die Straße poliert

Rund 100 Nachbarn, darunter die Schauspielerin Christine Pohl und der Projektleiter Philip Schreiterer, hatten sich auf Anregung des 2011 gegründeten Vereins Moabit zusammengetan, um das negative Image ihres Kiezes aufzupolieren. Sie setzen sich gegenüber deutschlandweit 30.000 Teilnehmern durch, indem sie zwei Tage lang Müll wegräumten und Baumscheiben begrünten, Blumenbeete anlegten und drei Bäume pflanzten. Außerdem bemalten sie die grauen Strom- und Telefonverteilerkästen.

„Die schönste Straße ist die, in der Bewohner miteinander in Kontakt treten und Eigeninitiative zeigen“, begründete Erdtrud Mühlens vom Netzwerk Nachbarschaft die Auszeichnung. Am Freitag bekamen „die Emdener“ ein Preisgeld in Höhe von 5000 Euro ausgehändigt sowie ein von Janosch gestaltetes Straßenschild. Doch mancher Anwohner stößt sich an der Auszeichnung. „Die sollten sich schämen“, sagt Wolfgang Kühl. Er wohnt seit 46 Jahren an der Emdener Straße. „Früher konnte man sich nachts auf die Straße trauen, jetzt werden Autos zerkratzt und zerstört.“

Er und andere Anwohner ärgern sich über ein Spielcasino nahe einer Schule und die trinkende Kundschaft eines Spätkaufs. Doch Probleme sieht die Polizei an der 655 Meter langen Straße nicht. „Es gibt keine Auffälligkeiten in Bezug auf Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten“, sagt ein Sprecher der Polizei. Die Emdener Straße verläuft von der lebendigen, zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten bietenden Turmstraße bis zu der an ein Bahngelände angrenzenden Siemensstraße und liegt am Rande eines etwa 134 Hektar großen Gebiets, das im März 1999 für ein Quartiersmanagement ausgewiesen worden war.

Hohe Fluktuation der Bevölkerungsschichten

Prägend ist das 43 Hektar große Industriegebiet Martinikenfelde. Bekannt sind der – je nach Wetter und Windrichtung üble Gerüche verbreitende – Westhafen sowie der im Ausbau befindliche Großmarkt an der Beusselstraße. Nach Angaben der Quartiersmanager, die allerdings nur Zahlen von Ende 2006 veröffentlichen, lebten damals 20.163 Menschen in dem Areal, der Ausländeranteil betrug 35,5 Prozent. Sie sprachen damals auch von „mangelnder Kommunikation zwischen den ethnischen Gruppen“ und „einem Gefühl der Fremdheit innerhalb der Bewohnerschaf“.

Philip Schreiterer kann das noch bestätigen. Der 42-Jährige Berliner lebt seit 1996 in Moabit und seit vier Jahren an der Emdener. „Als ich hergezogen bin, waren die Leute frustriert, keiner redete mit dem anderen. Doch jetzt machen wir was zusammen. Man darf nicht nur jammern. Moabit wird unterschätzt, ich ziehe hier nicht weg“, sagt der Projektmanager für Medizintechnik.

Trotz des Gemeinschaftsgefühls – manche Probleme bleiben, wie die ungesunden Wohnverhältnisse aufgrund der teilweise hohen Baudichte und direkten Nachbarschaft zu den Industriearealen. Drei Ost-West-Verbindungen, eine Nord-Süd-Verbindung des übergeordneten Straßennetzes und Schleichverkehr bringen trotz mancher Verkehrsberuhigung Lärmbelästigung und Schadstoffemissionen. Die Folge: hohe Fluktuation bei starker Abwanderung besser verdienender Bevölkerungsschichten und verstärkte Zuzüge von sozial benachteiligten Bewohnern.

Der Bürgermeister wünscht sich mehr Familien und Kinder

Während der Preisverleihung wünschte Bürgermeister Hanke sich, dass künftig „mehr Familien und Paare, die Kinder bekommen, im Kiez bleiben“. Und das Blatt scheint sich zu wenden. „Wahrscheinlich werden mit dieser Auszeichnung auch die Mieten um zehn Prozent steigen“, sagt die Besitzerin der Gaststätte Nord-West Oase. „Da wir hier in der Nähe des Regierungssitzes sind, sind die Mieten ordentlich gestiegen.“ Die junge Frau suchte in dem Moabiter Kiez eine Vierzimmerwohnung. „Aber das konnte ich mir nicht leisten. Ich bin nach Brandenburg gezogen.“

Viola Fenske wohnt seit 1998 an der Emdener Straße. „Als ich im selben Haus aus der vierten Etage in die erste Etage gezogen bin, wurden die Mieten erhöht“, sagt sie. „Meine alte Wohnung wurde 25 Euro im Monat teurer.“ Für ihre 52 Quadratmeter große Wohnung zahlt sie nun 430 Euro warm.

Die Gegend südlich der Straße Alt-Moabit sei bereits aufgewertet worden, berichtet Wild vom Mieterverein, vor dieser Entwicklung stehe nun auch das Gebiet nördlich davon, rund um die Emdener Straße. Wie Wild sagt, wird im Bezirk bereits eine städtebauliche Unterschutzstellung des Areals diskutiert. „Es wäre prima, wenn die Aufwertung des Gebiets mit und nicht gegen die Anwohner stattfände.“