Die über Jahre hinweg verzögerte Ausschreibung des S-Bahn-Verkehrs nach 2017 kommt das Land Berlin voraussichtlich teuer zu stehen. Weil die dringend benötigten neuen Fahrzeuge nicht mehr rechtzeitig geliefert werden können, müssen nun die alten S-Bahn-Züge deutlich länger als geplant im Einsatz bleiben.

Laut einem am Dienstag veröffentlichten Bericht eines unabhängigen Expertengremiums kostet die erforderliche Ertüchtigung der 150 Doppelwagen der Altbaureihen 480 und 485 je nach weiterer Einsatzdauer zwischen 100 und 160 Millionen Euro.

Das Urteil der Experten lautet: Der Weiterbetrieb der Oldtimer ist technisch möglich und auch wirtschaftlich vertretbar. Laut Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler würde das teure Aufpäppeln der Bahn-Oldtimer den Landesetat ohnehin nicht zusätzlich belasten. Die Mehrkosten könnten durch eine entsprechend spätere Inbetriebnahme von Neufahrzeugen mit ihren hohen Beschaffungs- und Abschreibungskosten ausgeglichen werden, sagte Gaebler am Dienstag.

Der Berliner Fahrgastverband Igeb teilt diese Auffassung allerdings nicht. „Die zusätzlichen Millionenausgaben wären überhaupt nicht nötig, wenn der Senat die Ausschreibung rechtzeitig auf den Weg gebracht hätte“, sagte Igeb-Sprecher Jens Wieseke.

Verkehrsvertrag mit S-Bahn GmbH läuft aus

Doch die Berliner Landesregierung hat inzwischen kaum eine andere Wahl, will sie keine neuerliche S-Bahn-Krise riskieren. Bereits 2009 und 2010 waren Teile des öffentlichen Nahverkehrs in der Millionenstadt zusammengebrochen, weil die S-Bahn aufgrund von technischen Problemen und gravierenden Wartungsmängeln nicht über genügend fahrtüchtige Züge verfügte.

Ein ähnliches Szenario droht nun für die Zeit nach Dezember 2017, wenn der aktuelle Verkehrsvertrag mit der S-Bahn GmbH ausläuft. Zwar besteht die Möglichkeit, die Verträge mit dem Tochterunternehmen der Deutschen Bahn (DB) zu verlängern, doch müssten notwendige Mehrausgaben dann auch extra bezahlt werden.

Solche Zusatzkosten entstehen etwa, weil das Eisenbahnrecht vorschreibt, Züge alle acht Jahre einer Revision zu unterziehen. Anders als bei der Hauptuntersuchung eines Autos wird dabei das Fahrzeug komplett zerlegt und wieder zusammengebaut. Sicherheitsrelevante Bauteile müssen dabei umfangreich ersetzt werden.

Ausschreibung des Teilnetzes verzögerte sich mehrfach

Für die in den 80er-Jahren für die West-Berliner BVG (Baureihe 480) und für die DDR-Reichsbahn (Baureihe 485) entwickelten Züge war eine solche Revision nicht mehr geplant. Sie sollten ab 2017 durch Neubauzüge ersetzt werden. Doch die ursprünglich vom Senat für Februar 2010 angekündigte Ausschreibung des Teilnetzes „Ring“ (Ringbahn und die Zubringerlinien im Südosten) verzögerte sich mehrfach.

Zunächst scheiterte sie an unterschiedlichen Auffassungen der damaligen Koalitionspartner SPD und Linke, dann wegen rechtlicher Bedenken. Erst im April 2013 startete der Senat das eigentliche Wettbewerbsverfahren, inzwischen wird mit mehr als zehn Bietern, darunter auch mit der DB, verhandelt. Die Auftragsvergabe soll bis Ende 2014 erfolgen, frühestens 2018, so die übereinstimmende Aussage der Fahrzeughersteller, können die ersten neuen S-Bahnen geliefert werden. Bis 2023 wird es wohl dauern, bis alle der 190 benötigten Doppelwagen auch ausgeliefert sind. Erst dann kann auch der letzte Oldtimer-Zug seine Fahrt beenden.

Angesichts der Millioneninvestitionen für die Modernisierung der Altbauzüge bei der Berliner S-Bahn fordert der Fahrgastverband Igeb auch Verbesserungen bei der Fahrgastinformation. „Wenn ohnehin so viel Geld ausgegeben werden muss, dann sollten die Züge zumindest auch moderne Informationssysteme erhalten“, sagte Igeb-Sprecher Wieseke. „Alles, was den Fahrgästen nützt und keine Neuzulassung erfordert, sollte umgesetzt werden.“ Der Verband kritisiert in dieser Frage seit Längerem die BVG. Das Landesunternehmen lässt ebenfalls Altbauzüge der U-Bahn für den Weiterbetrieb modernisieren, verzichtet dabei aber auf den Einbau zeitgemäßer Fahrgast-Informationssysteme.

Vielfach keine Ersatzteile mehr zu bekommen

Der Berliner Senat und die S-Bahn Berlin GmbH wollen die Züge der Altbaureihen zwar technisch ertüchtigen, jedoch nicht komplett umbauen. Der Expertenkreis unter Federführung des Instituts für Bahntechnik (IFB) kommt zu dem Ergebnis, dass ein weiterer Einsatz der Altbaureihen 480 und 485 technisch möglich und trotz nötiger Investitionen von bis zu 160 Millionen Euro auch wirtschaftlich tragfähig sei.

Die Bahnexperten verweisen zugleich auf „nicht vorhersehbare technische Risiken, die eventuelle Mehrkosten verursachen könnten“. Umgerechnet auf die 150 Doppelwagen, die von beiden Baureihen noch im Einsatz sind, geht der IFB-Bericht also von einem Aufwand von mehr als einer Million Euro pro Fahrzeug aus. Zum Vergleich: Ein neuer Doppelwagen kostet je nach Ausstattung vier bis sechs Millionen Euro.

Benötigt wird das Geld vor allem, um die für einen Weiterbetrieb erforderlichen Revisionen (Hauptuntersuchungen) auszuführen. Auch die Funkanlage und möglicherweise die Zugsicherungstechnik müssen an moderne Standards angepasst werden. Details müssen noch mit dem Eisenbahn-Bundesamt abgestimmt werden. Die Aufsichtsbehörde muss letztlich dem Weiterbetrieb der Altbauzüge zustimmen. Ein Problem ist auch, dass für die inzwischen mehr als 25 Jahre alten Züge vielfach keine Ersatzteile mehr zu bekommen sind und teure Alternativen gesucht werden müssen.