Friedrichsfelde

So würde Zoo-Architekt Stanley den Berliner Tierpark umbauen

Kieran Stanley hat als Zoo-Architekt viele Tierparks umgestaltet. Der Wahl-Berliner sucht weltweit Potenziale und das Besondere einer jeden Anlage. Auch für den Tierpark Friedrichsfelde hat er Ideen.

„Es gibt viele Direktoren, die würden sich den rechten Arm abhacken, wenn sie dafür so viel Fläche bekämen“, sagt Kieran Stanley. Grundsätzlich neigt er nicht zu Übertreibungen. Der 43 Jahre alte Architekt will lediglich deutlich machen, dass der Tierpark Berlin ein Pfund hat, mit dem er wuchern kann: 160 Hektar – also sehr viel Platz. Die 1955 von dem Zoologen Heinrich Dathe im Schlosspark Friedrichsfelde in Ost-Berlin eröffnete Anlage gilt als größte Einrichtung ihrer Art in ganz Europa.

Stanley interessieren solche Vergleiche nicht. Er steht hinter dem Eingang Bärenschaufenster, legt den Kopf in den Nacken und lässt den Blick durch Baumkronen gleiten. Er seufzt: „Dieser Bestand ist einmalig. Da muss man was draus machen.“ Wer mit dem gebürtigen Iren – Stanley stammt aus Cork – und Wahlberliner durch den Tierpark spaziert, hört viel Positives. Stanley sucht Potenziale, er sieht das Besondere.

Mit der Methode hat er in anderen Zoos gearbeitet, auch mit Berlins künftigem Zoo- und Tierpark-Direktor Andreas Knieriem. Ab Mitte der 90er-Jahre engagierten sich beide für eine Neuausrichtung des kurz vor der Schließung stehenden Zoos in Hannover. Ob Dschungelpalast oder Outback, Gorillaberg oder Yukon Bay – Stanleys Firma Dan Pearlman baute dort um und neu – für rund als 76 Millionen Euro.

Themenwelten und Anregungen

Im Tierpark schwenkt er zielstrebig rechts herum und schlendert zu den Eisbären, die Hände tief in den Taschen seiner dunklen Woolrich-Jacke. „Eine tolle Bühne haben sie hier gebaut. Nur die Tiere liegen immer faul rum, wenn ich da bin.“ Kieran Stanley bedauert sein Pech. In Berlin leben die Polarbären zwischen Wasser, Sand und Steinen, die sich zu einer Kulisse auftürmen. Neu ist eine Glasscheibe, tiefer gebaut, vor dem Wassergraben, sodass Besucher die Bären beim Schwimmen beobachten können. In Hannover hat Stanley mit Kollegen eine Themenanlage gebaut.

Die Eisbären schwimmen in einem nachgestalteten Hafenbecken, das an eine kanadische Hafenstadt erinnern soll, so wie der ganze Komplex Yukon Bay kanadische Landschaften als Referenzraum hat. „Je natürlicher das Bild ist, in dem ein Tier lebt, desto besser fühlt sich der Besucher. Und der soll ja wiederkommen“, sagt Stanley dazu. So viele Eisbären schwimmen in freier Natur noch nicht in Häfen herum, aber faszinierend sind solche Bilder: Durch den Bau von insgesamt sieben Themenwelten hat der Zoo Hannover 110.000 Menschen mit Jahreskarten an sich gebunden. „Das sind ganz treue Kunden“, so Stanley.

Stanley kümmert sich nicht nur um Landschaftsplanung und Architektur, sondern auch um das „behavioral enrichment“ – Vorrichtungen, die mehr Anregung für die Tiere schaffen, damit sie sich nicht langweilen – positive Anreize, so wie sie auch der Mensch zum Ausgleich braucht. Damit meint er keine Ballspiele.

Der Mensch soll eine emotionale Bindung zum Tier aufbauen

Für die Bären hat Stanley Bojen konzipiert, die von Tierpflegern mit gefrorenem Fisch und Eis gefüllt werden. „Der Eisbär kann sich mit ein bisschen Geschick aus der Boje das Futter herauskratzen“, erklärt Stanley. Weil er das im Wasser, also beim Schwimmen, erledigen muss und die Boje wackelt, trainiert er seine Muskeln und sein Gleichgewicht. Für Fitness sorgen eine Wellenanlage und Fische wie Forellen oder Lachs, die ein Eisbär zwar jagt und isst, die aber meist schneller schwimmen als er. Außerdem sind im Gelände vier Futterkästen versteckt. Jeden Tag öffnet sich ein anderer. „Der Bär weiß nie wo, er muss sich sein Futter suchen.“

„Meine Aufgabe ist nicht, herauszufinden, welches die rechtlichen Vorgaben zur Haltung sind oder ob die Tiere gesund sind. Dass müssen Tierärzte und Kuratoren wissen und umsetzen“, stellt Stanley klar. Der in Cork geborene Ire erzählt dazu die Geschichte seines ersten Zoobesuchs. „In Cork gab es keinen Zoo, meine Eltern fuhren also mit mir nach Dublin. Ich war drei oder vier Jahre alt.“ Vergessen hat er das nie.

Denn ihm, der auf dem Land mit Hunden, Kühen und Schafen aufwuchs, taten die „eingesperrten“ Tiere leid. „Die Käfige waren eng, vermutlich war das damals sogar rechtens. Aber mich machte das sehr traurig.“ Genau dieses Gefühl dürften sich bei einem Zoo-Besucher nicht einstellen. Im Gegenteil. Stanley denkt über den Tag hinaus. „Tiere sterben aus. Man muss etwas für sie tun. Wie erreiche ich das? Indem wir dafür sorgen, dass der Mensch eine emotionale Bindung zum Tier aufbaut.“

Ideen von den beiden Töchtern abgeguckt

Wie das funktionieren kann, erklärt Stanley, während er hinter dem Alfred-Brehm-Haus vor der großen Geiervoliere steht. „Im Alpenzoo Innsbruck wurde durch geschickten Umbau möglich, dass Besucher durch eine Glasscheibe in das Nest der Bartgeier schauen können. Das finden auch Kinder toll – daran erinnert man sich gerne.“

Mit Blick auf die Berliner Voliere, in der Gaukler und Mäusebussarde, Steppenadler und Truthahn- und Bartgeier fliegen, sagt Stanley: „Hier wäre es ganz leicht, sich den Tieren näher zu fühlen. Man sorgt für eine optische Verbindung, indem man den Rasen so weit vorzieht, dass Betrachter und Tier auf demselben Boden stehen, selbst wenn ein Zaun sie trennt.“ Man müsse nicht immer ans Abreißen oder neu Bauen denken, sondern pfiffig sein. Schließlich sei bei der Umgestaltung eines Zoos nicht nur wichtig, worauf Kuratoren und Tierärzte drängen und was sich Besucher so wünschen. „Man muss auch an die Kosten denken.“

Formal ist Stanley der Boss der Firma Dan Pearlman, die ihm und Partnern gehört und 85 Mitarbeiter beschäftigt. Teamarbeit, sagt er, sei elementar zur Entwicklung und Verwirklichung von Ideen. Stanley hat einige seinen Töchtern abgeguckt. Die drei Mädchen haben ihren Vater in verschiedene Zoos begleitet. „Sie basteln sich danach zu Hause ihren eigenen Zoo und sagen ganz oft, das wäre doch so schöner, oder so. Ich höre dann sehr genau zu.“ Und er schaut interessiert zurück, etwa in das unter Denkmalschutz stehende Raubtierhaus, dessen Mittelteil gerade wegen der Sanierung der Tropenhalle abgesperrt ist. „Das ist ein Haus mit interessanter Geschichte“, murmelt er in seinen schwarzen Bart.

Die eigenen Stärken betonen

Stanley denkt in Visionen, denkt über das Thema „Gebäude im Bestand“ nach, über zeitgemäße Unterbringung. Vielleicht könnte man statt der Raubtiere Menschen hier unterbringen, zeitweise, in einem Café. Oder draußen im Tigergehege die Gräben zuschütten und einen Kinderspielplatz anlegen. Wohl müssten die Raubtiere vorher umsiedeln – alles nur Gedankenspiele.

Stanley sagt nicht, was der Tierpark tun muss. Er sagt nur, was er aus seinen anderen Zoo-Projekten kennt, von Hannover und München bis Köln, Großbritannien und Südkorea. „Nicht kopieren, was andere machen, sondern die eigene Identität, die eigenen Stärken betonen und daraus einen Plan entwickeln, wohin man sich verändern will. Es geht um Umdenken – und Integration.“

Dazu führt er den Wiener Tiergarten Schönbrunn an. In den alten, kleinen Löwenkäfigen stehen heute nur die Besucher, die Löwen leben in neuen Gehegen. Der 1752 eröffnete Tiergarten ist der älteste noch bestehende Zoo der Welt. Er wurde im Jahr 2012 vom Zooexperten Anthony Sheridan zum „besten Zoo Europas“ gekürt, trotz seines Alters.

Für Aufklärung und Unterstützung der Tiere sorgen

Weiter geht es im Tierpark zum 1989 eröffneten Dickhäuterhaus. Vor einer Glasscheibe drängen sich Mütter, Väter und Kinder. Dahinter, im Manati-Becken, sitzt ein Taucher und kratzt grünen Belag vom Beckenboden. Im Aquarium in Monterey Bay gebe es das auch, erzählt Stanley, aber verbunden mit einem „edukativen Ansatz“: „Dort erklärt der Taucher während der Reinigung über Mikro und Lautsprecher, was er macht und warum.“

Anders als den Zoobesuch in Dublin hat Stanley dieses Aquarium in bester Erinnerung. Grund: Direkt am Eingang sei ein freiwilliger Mitarbeiter auf seine große Tochter zugegangen, habe ihr ein Röhrenglas mit lebenden Quallen in die Hand gedrückt und über die Quallen geredet. „Seitdem ist sie fasziniert von den Meerwasserbewohnern. Das passiert, wenn man auf Besucher zugeht“, sagt Stanley. Ein Zoo meistere damit die Aufgabe, im Sinne des Artenschutzes für Aufklärung über und Unterstützung für Tiere zu sorgen. „Nicht wahr?“ Im Manati-Becken wird der Taucher von zwei Dickhäutern angestupst.

Die Kinder vor der Scheibe quietschen vor Aufregung. Ein Zoo dürfe auch sich und seine Arbeit präsentieren, fügt Stanley hinzu. „In Berlin leisten schließlich Hunderte Tierpfleger und wissenschaftliche Mitarbeiter gute Arbeit.“ Beim Verlassen des Hauses passiert er einen Souvenirladen. Er ist leer. Stanley erzählt vom Zoo Hannover, wo die Shops thematisch eingebunden und manchmal zugleich Cafés seien. Ein Grund mehr, sie zu betreten.

Die Sache mit den stillen Örtchen

Irgendwann kommt fast jeder Tierpark-Besucher in die Cafeteria. Dort gelangt man als WC-Suchender immerhin ans Ziel, wenn man das nötige Kleingeld für den Pächter parat hat. Stanley betrachtet die Bullaugen in der Wand und die riesigen Oberlichter. „Das ist stilbildend, tolle Elemente“, sagt er begeistert. Das gastronomische Angebot ignoriert er.

Lieber erzählt er vom britischen Zoo Chester, der früher eine „marode“ Gastronomie gehabt habe. Das Restaurant heißt inzwischen „June’s Pavilion“. June Williams ist die Tochter des Zoo-Gründers George Mottershead. Wer dort isst, erfährt viel über die Familie und die Zoo–Geschichte, sagt Stanley, samt Fotos aus Junes eigener Sammlung. „Es geht um Authentizität. Für das Kulinarische sorgt ein Profi“, ergänzt Stanley.

Authentische Geschichten vom Tierpark Friedrichsfelde erzählen

Im Tierpark könnten Besucher auch erfahren, wer der Begründer und jahrzehntelange Tierparkdirektor Heinrich Dathe war, was ihn bewegte, was er bewegte – „oder andere authentische Geschichten, die nur hier erzählt werden können“.

Nahe Schloss Friedrichsfelde. „Was für ein Schatz“, sagt Stanley. Kurz darauf versucht er, hinter sich die Tür zum Schildkrötenhaus zu schließen. Zum Schluss schlendert er über die Mittelallee vorbei an den freilaufenden Pelikanen und hält wieder an: „Irre, wie entspannt die hier chillen“. Dann statt Kaffee nur ein Zwangsstopp vor dem Terrassencafé. Es ist geschlossen. Kein Kommentar. Stattdessen blickt Stanley zur Seite und sagt, was er sieht: „Platte, Hirsch und leere Bänke. Da ist Musik drin.“