Der 10-jährige Jarek türmt Salatblätter, Kresse, Radieschen und Gurke auf eine mit Frischkäse bestrichene Stulle. „Sieht aus wie ein Leuchtturm. Die roten Radieschenscheiben sind die Lichter“, sagt er als die Köchin Sarah Wiener gemeinsam mit der Jury an der Heinrich-Zille-Grundschule ihren Rundgang macht, um das beste Pausenbrot zu küren.
Zum Abschluss der internationalen Weltgesundheitskonferenz in Berlin findet in dieser Woche an vier Berliner Schulen der Aktionstag „Pimp your Schulbrot“ mit Ernährungsexperten statt, denn gesunde Ernährung ist derzeit weltweit eines der drängendsten Probleme.
„Das Gehirn braucht fast so viel Energie wie die Muskeln“, sagt Detlev Ganten, Präsident des World Health Summit und früherer Chef der Charité. Rund 30 Prozent der Energie gehe in den Kopf. Deshalb sei ein gutes Schulbrot so wichtig für die geistige Leistungsfähigkeit. „Man kann gar nicht früh genug lernen, wie wichtig Ernährung als Prävention von Krankheiten ist“, so Ganten.
Sarah Wiener kürt das beste Pausenbrot
In dem gemeinsamen Projekt der Sarah-Wiener-Stiftung, der Helmholtz-Gemeinschaft und des World Health Summit erstellen die Kinder während des Aktionstages zunächst ein Ernährungsprotokoll zum Frühstück. Dann ordnen sie unterschiedlichen Nahrungsmitteln, wie Cornflakes, die darin enthaltene Zuckermenge in Würfelzucker zu. Und es gibt verschiedene Experimente. Beispielsweise lernen die Kinder mit einem einfachen Test, dass die Verdauung von Kohlenhydraten schon im Mund beginnt. Wenn man sehr lange ein Stück Brot zerkaut, beginnt es süß zu schmecken.
Höhepunkt des Tages ist dann der Wettbewerb um das beste Pausenbrot. An der Heinrich-Zille-Grundschule gewinnt Jareks Leuchtturmstulle den ersten Platz. „Ein solches Brot habe ich noch nie gesehen, auch wenn ich noch nicht weiß wie man es essen soll“, sagt Sarah Wiener bei der Siegerehrung an der Heinrich-Zille-Grundschule. Die Köchin ist beeindruckt mit wie viel Kreativität und Liebe die Kinder die Brote belegen. Noch beeindruckender ist es, dass es die Schüler nach der Siegerehrung tatsächlich kaum erwarten können, in ihre hohen gesunden Sandwiches aus Paprika und Salat hineinzubeißen.
„Pimp your Schulbrot“ bringt Energie für schwere Matheaufgaben
Nando aus der fünften Klasse hat noch eine Scheibe Wurst in sein Brot mit reingepackt. „Ich habe immer Hunger, wahrscheinlich auch, weil ich so viel Sport mache“, sagt der Neunjährige. Das sei früher anders gewesen. Da habe er sein Pausenbrot oft unangetastet wieder mit nach Hause gebracht. In seiner Brotbox ist an diesem Tag ein Nutella-Brot. „Ich weiß schon, ist ungesund“, sagt er. Dafür beißt er jetzt in sein herzhaftes selbst kreiertes Sandwich. „Süße und fettige Snacks machen euch müde und träge“, ist einer der Merksätze des Programms „Pimp your Schulbrot“. Vollkornbrot dagegen liefere lang anhaltende Energie für das Gehirn und hilft bei den schweren Matheaufgaben.
An der Heinrich-Zille-Grundschule spielt Ernährung eine große Rolle. Die Schule hat eine Lehrküche, in der die Kinder gemeinsam mit Erziehern jeden Morgen Frühstücksbrote schmieren. Dabei haben sie schon einige Rezepte von Sarah Wiener ausprobiert. In einem Eltern-Café wird das Thema auch gemeinsam mit den Vätern und Müttern diskutiert. Das Mittagessen wird vom Caterer vor Ort gekocht. Und auch Sarah Wiener ist mit ihrer Stiftung nicht zum ersten Mal zu Gast an der Schule. Einem neunjährigen Mädchen erklärt sie den Unterschied zwischen gekräuselter und glatter Petersilie. „Es ist wichtig, zu wissen, wie die Dinge heißen, die einem schmecken“, sagt sie. „Nur so könnt ihr sie auch im Laden verlangen.“
Schüler sollen Pausenbrot schätzen lernen
„Ich bin gespannt, ob die Kinder tatsächlich zu Hause einfordern, dass auch Radieschen oder Kresse gekauft werden“, sagt Inge Hirschmann, Leiterin der Kreuzberger Schule an der Waldemarstraße. Die Schülerschaft an der Kreuzberger Schule ist gemischt. Es gebe sehr ernährungsbewusste Eltern und andere, die selbst nicht genügend wissen über die Wirkung von bestimmten Nahrungsmitteln. Viele Schüler würden einfach Geld bekommen, um sich auf dem Weg zur Schule beim Bäcker eine Schnecke zu kaufen. „Ich bin froh, wenn diese Kinder dann am Bäcker vorbeilaufen und hier in der Schule ein gesundes Pausenbrot kaufen“, sagt die Schulleiterin.
Über das gemeinsame Zubereiten und Essen würden die Schüler aber auch eine andere Wertschätzung der Mahlzeit erfahren und dadurch mehr darauf achten, was sie essen. Drei Schüler der Schule sind auch in der Essenskommission, die am Dienstag an der Verkostung der Caterer im Bezirk teilgenommen haben. Es geht um die Neuausschreibung des Mittagessens und da wollen die Kinder mitentscheiden.
Schlechte Zähne bei Berliner Erstklässlern
Längst nicht alle Schulen und Kitas messen der Prävention einen solchen Stellenwert zu. Im Gegenteil. Fachkräftemangel und Zeitdruck führen offenbar dazu, dass sinnvolle Maßnahmen, die jahrelang zum Alltag gehörten, nun wieder eingestellt werden. So hat eine Untersuchung der Landesarbeitsgemeinschaft zur Verhütung von Zahnerkrankungen ergeben, dass allein im Schuljahr 2012/13 vier Prozent aller Berliner Tageseinrichtungen das Zähneputzen abgeschafft haben. Das betrifft rund 8000 Kinder. An der Schule dann fällt das Zähneputzen in der Regel völlig aus.
Und das, obwohl die jüngste Auswertung der Einschulungsuntersuchungen 2011/12 einen deutlichen Zusammenhang von Gesundheit und Kitabesuch ergeben hat. So hatten beispielsweise 16 Prozent der Erstklässler, die keine Kita besucht hatten, abgefaulte Zähne durch Karies. Bei den Schulanfängern, die länger als zwei Jahre den Kindergarten besuchten, waren es nur vier Prozent. Ähnlich sieht es bei der Fettleibigkeit aus. Bei den Kindern, die nie in der Kita waren, wurden 6,8 Pozent der Kinder als deutlich zu dick eingestuft, bei den Kindern, die ab dem dritten Lebensjahr in der Kita waren, lag die Quote bei 3,8 Prozent.
Charité setzt sich für Zähneputzen in der Kita ein
Die Berliner Zahnärztekammer und die Charité starten deshalb einen Aufruf an alle Kitaträger und an die Senatsbildungsverwaltung, dringend das Zähneputzen beizubehalten. „Jenen Kindern, die daheim mit dem Zähneputzen nicht vertraut gemacht werden, müssen wir die Chance geben, dieses einfache, ihre Gesundheit erhaltende Ritual zu erlernen“, sagt Paul-Georg Jost-Brinkmann von der Charité. Tägliches Zähneputzen müsse wieder Selbstverständlichkeit in den Kitas werden. Zudem fordert die Zahnärztekammer auch in den Schulen das Zähneputzen einzuführen.
Studien hätten gezeigt, dass gerade die Schulanfänger sehr lernbegierig und begeisterungsfähig seien, auch für das Wissen um Gesundheit und Körper. Eine der wenigen Schulen, an denen es das Ritual des gemeinsamen Zähneputzens gibt, ist die Paula-Fürst-Gemeinschaftsschule in Charlottenburg. Hier wurde auf Initiative der Schulverwaltung vor fünf Jahren ein Zahnputzraum installiert, der derzeit von 200 Schülern täglich genutzt wird. Den Schulablauf störe das nicht, sagt Grundstufenleiterin Isabell Pein. „Es ist ein Ritual: Nach dem Essen Zähneputzen nicht vergessen.“





