Berlin

Jugend-Nachhaltigkeitsgipfel – wie Teenager das Klima retten

Beim Weltjugend-Nachhaltigkeitsgipfel diskutieren 160 Jugendliche aus aller Welt über die Zukunft des Planeten. Ihre Ideen sind unkonventionell, aber gut – wie ein Kreuzberger Spätkauf erleben durfte.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

"Wie viele Sorten Tomaten gibt es auf der Erde?" Stille. Nur die Frage schwebt unbeantwortet durch den Plenarsaal der Konrad-Adenauer-Stiftung. Starköchin Sarah Wiener schaut ihrer Frage hinterher in 160 ratlose Gesichter. Nicolás aus Kolumbien wagt sich aus der Deckung. "Etwa 3000", schätzt der 17-Jährige aus Bogotá. Wiener schüttelt den Kopf: "300.000 sind es." Die Köchin hakt nach: "Könnt ihr ein paar Sorten nennen?"

Erneut herrscht Ratlosigkeit unter den Jugendlichen aus 30 Nationen beim 1. Weltjugend-Nachhaltigkeitsgipfel in Tiergarten. Die von einer Teilnehmerin zaghaft eingeworfene Antwort "Cocktailtomate" wird von Wiener, auch als streitbare Verfechterin einer ökologischen Landwirtschaft bekannt, als zu ungenau verworfen. Wieder ist es Nicolás, der sich meldet und den spanischen Namen einer Tomatensorte nennen kann. Aber Sarah Wiener will mehr erreichen an diesem Tag: "Wie wollt ihr Qualität erkennen, wenn ihr von so vielen Sorten gerade mal eine benennen könnt?"

Spätestens jetzt hat Wiener ihre Zuhörer gepackt. Die Köchin ist eine von vielen prominenten Referenten des Nachhaltigkeitsgipfels der Bildungsinitiative "youthinkgreen – jugend denkt um.welt" aus Berlin. Sie spricht an diesem Montag zum Thema Essverhalten. Die Köchin entwirft ein düsteres Szenario der Ernährungssituation in den Industrieländern, spricht von der Macht der Nahrungsmittelkonzerne, dem Niedergang kleiner regionaler Lebensmittelhersteller und von zu viel Zucker und fragwürdigen Zusatzstoffen in Colagetränken. In ihrer flammenden Rede – "ich halte hier keinen wissenschaftlichen Vortrag" – kritisiert sie auch den Antibiotika-Einsatz in der Massentierhaltung, denn hierzulande bekämen Nutztiere dreimal so viel Antibiotika wie Menschen.

"Unsere Esskultur basiert auf dem Leid der Tiere", sagt Wiener. Leidenschaftlich appelliert sie an die Jugendlichen, sich nachhaltig zu ernähren. "Meine Generation hat uns in eine Sackgasse geführt, doch die Party ist zu Ende, so geht es nicht weiter. Denkt wild und mutig", sagt sie – und bekommt viel Beifall.

Sarah Wiener gibt beim Nachhaltigkeitsgipfel Ernährungstipps

Nach dem Vortrag haben die Jugendlichen Gesprächsbedarf. Ein junger Mann aus Niedersachsen sagt frustriert: "Was sollen wir denn tun, wenn fast alles schlecht ist, was es im Supermarkt gibt?" Wie schon in den Arbeitsgruppen wollen die Jugendlichen auch hier praktische Ratschläge statt theoretischer Debatten. Wieners Empfehlungen sind knapp, aber präzise: Möglichst viel selbst kochen, wenig Fleisch essen und wenn, dann aus artgerechter Haltung, regional einkaufen, viele Kräuter und Gemüse selbst ziehen, Leitungswasser trinken. Nicht für alle Länder, aus denen die Gipfelteilnehmer kommen, sind solche Lösungen allerdings praktikabel. In jedem Fall, so macht Wiener deutlich, müsse eine Lösung aber regional sein – und ökologisch verträglich.

Noch bis zum 20. Mai läuft der Gipfel, zu dem Experten aus ganz verschiedenen Bereichen geladen sind – vom Nachhaltigkeitspionier Ernst Ulrich von Weizsäcker über den Polarforscher Arved Fuchs bis zur Professorin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, die über den Kampf um Strom und eine kluge Energiewende referierte. Nach Kemferts Einschätzung bedarf es bedeutender Investitionen, um die Energiewende zu schaffen. Werde der Anteil erneuerbarer Energien verdoppelt, müssten hierzulande laut Studien bis zu 122 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren investiert werden. Die Senkung des Energieverbrauchs hält Kemfert für ebenso bedeutsam – und sieht die größten Einsparpotenziale hier im Mobilitätssektor und im Immobilienbereich.

18-Jährige reist auf eigene Faust zum Weltklimagipfel nach Doha

Die jungen Klimabotschafter von "youthinkgreen" hören den Referenten im Plenarsaal sehr ernsthaft zu, stellen viele, auch kritische Nachfragen. Nicht immer fühlen die, um deren Zukunft es beim Gipfel geht, sich von den politisch Handelnden wahrgenommen und repräsentiert: Judith Gebbe aus Osnabrück erzählt, wie sie im Vorjahr auf eigene Faust zum Weltklimagipfel nach Doha gereist war und dort erleben musste, dass sie nicht einmal in das Gebäude vorgelassen wurde – so wie auch Hunderte von anderen Jugendlichen aus aller Welt, die ihre Sorgen über den Klimawandel formulieren wollten.

Hans-Gert Pöttering, früherer Präsident des Europäischen Parlamentes, gibt der jungen Frau den Rat, in einen ständigen Austausch mit den politisch Handelnden zu treten. Doch wo gebe es solche Dialogmöglichkeiten, fragt die 18-jährige Abiturientin im Gespräch danach. Und sagt: "Da fehlt etwas."

Mit "carrotmobs" die Umwelt schützen

Einen "Anwalt der Jugend" haben die Jugendlichen in Wolfgang Gründinger, der sich für die Belange seiner Generation einsetzt: Am Dienstag wird er das vor den Gipfelteilnehmern aus aller Welt tun. Der 28 Jahre alte Politologe ist Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, einer Denkfabrik, die den Weg ebnen will für mehr Gerechtigkeit zwischen den Generationen.

"Spätestens im Jahr 2050 wird meine Altersgruppe die dramatischen ökologischen Folgen ausbaden müssen", sagt der 28-Jährige, der auch Mitglied des Think Tank 30 des Club of Rome ist. Es geht ihm um den Klimawandel, um erneuerbare Energien, genauso auch um die drohende Altersarmut oder die Frage, wie sich Jugendliche wieder für Politik interessieren. Doch Gründinger, der sich spätestens seit seinem Buch "Aufstand der Jungen" als Jugend-Lobbyist einen Namen gemacht hat, fordert auch ganz Konkretes. Er liefert Jugendlichen klare Beispiele, wie sie sich engagieren können – ohne dabei die ganz große Revolution loszutreten.

Am Dienstag spricht der Sohn einer bayerischen Obst- und Gemüseverkäuferin unter dem Motto "Wandel einfordern und mittragen" auf dem Nachhaltigkeitsgipfel. Er ruft die Jugendlichen zu Aktionen auf, die in ihrem Alltag Gutes bewirken sollen. Zum Beispiel zu sogenannten "carrotmobs", die so ziemlich das Gegenteil eines Ladenboykotts bedeuten: "Möglichst viele Menschen kaufen etwa in einem Spätkauf ein und treiben so die Einnahmen des Besitzers in die Höhe. Einzige Bedingung für die Aktion: Der Inhaber hat sich vorher bereit erklärt einen gewissen Anteil seines Gewinns klimafreundlich zu investieren", sagt Gründinger.

Das ökologische Gewissen eines Kreuzberger Spätkauf-Besitzers

Ein Spätkauf-Besitzer in Kreuzberg vereinbarte zum Beispiel mit den Initiatoren, 35 Prozent des Umsatzes in Umbaumaßnahmen zu stecken, 2000 Euro kamen zusammen. "Er dämmte die Fenster und bezog für ein Jahr Ökostrom", sagt Gründinger. Wie ein Esel, den eine Karotte an einer Angel in eine bestimmte Richtung leitet, soll hier der Verkäufer zu ökologischem Handeln getrieben werden – dank der Macht der Verbraucher.

Mobilität ist eines der zentralen Themen für die Teilnehmer. Praktische Lösungen sind dabei gefragt. "Um meine Reisen zu kompensieren, dürfte ich in den nächsten 80 Jahren nur Gemüse essen", sagt Georgina Guillen, Referentin aus Mexiko, scherzhaft. Ileni (17) erzählt, dass er in Namibia viel mit dem Taxi unterwegs sei, auch zur Schule, weil der Nahverkehr so schlecht organisiert sei. Deshalb kämpft er mit anderen Jugendlichen in Windhuk für ein besseres Transportsystem.

Chinesische Schüler organisieren Flashmob um Papier zu sparen

Papierrecycling wiederum ist das Thema für die beiden Chinesen Ye Ziqian (17) und Peng Yachun (16). An ihrer Schule in Wuhan mit mehr als 4000 Schülern sammeln sie Papier in selbst designten Mülleimern und halten Vorträge, um ihre Mitschüler über Recycling zu informieren und so den Papierverbrauch zu reduzieren. Sogar einen Flashmob haben sie schon organisiert.

Nachhaltigkeit – das ist beim Berliner Gipfel der große gemeinsame Nenner – fängt immer beim Einzelnen an: Ohne individuellen Verzicht, ohne lokale Initiativen geht es nicht. Allein solche Aktionen wie die "carrotmobs" reichten aber nicht aus, um etwas zu bewegen, sagt Gründinger. "Einerseits muss sich unsere Generation mehr in den Parteien engagieren", sagt der 28-Jährige, der selbst Mitglied in der SPD und bei den Piraten ist. Und fügt hinzu: "Wir brauchen eine Art Dachverband, der all die kleinen Projekte und Initiativen, die es ja gibt, bündelt und somit die Schlagkraft und Wirkung erhöht."

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