Radfahrer gegen Autofahrer, Fußgänger gegen Radfahrer, Busfahrer gegen Falschparker, Kiezbewohner gegen Kiezbesucher, Planer gegen das Stauchaos und Ordnungsämter gegen alle – wer die Schlagzeilen der vergangenen Jahre verfolgt hat, konnte den Eindruck gewinnen, es herrsche Krieg auf den Straßen Berlins. Das ist natürlich übertrieben.

Richtig ist aber, dass die Frage nach der Mobilität in der Metropole immer wieder Konflikte aufwirft. Der Straßenraum ist begrenzt, und jeder will so schnell, so bequem und so sicher wie möglich sein Ziel erreichen. Kaum ein Straßenumbau, kaum ein Radweg und keine neue Parkzone über die nicht leidenschaftlich diskutiert würde.

Bürgerinitiativen gründen sich, nicht selten auch mit gegensätzlichen Zielen. Die einen wollen breite Radwege und Radabstellplätze, die anderen fordern den Ausbau der Straßen für den Autoverkehr, wieder andere wollen am liebsten, dass alles bleibt wie es ist.

15 Prozent Radverkehr

„Wem gehört die Straße? – Zukunft des Verkehrs in Berlin“, so lautet deshalb das Thema unseres nächsten Leserforums „Morgenpost vor Ort“ am Dienstag, 29. Oktober, um 19.30 Uhr in der Classic Remise an der Wiebestraße 36 in Moabit. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos. Allerdings müssen Sie sich vorher anmelden.

Jeder Leser kann dabei sein – egal, ob Sie Autofahrer, Radfahrer, Bus-und-Bahn-Nutzer oder Fußgänger sind. Soll der Straßenraum neu aufgeteilt werden? Brauchen wir mehr Fahrradwege? Ist es gefährlich, den Platz für den Autoverkehr immer weiter einzuschränken? Ist die Verkehrspolitik des Senats wirtschaftsfeindlich? Warum verschwinden immer mehr Parkplätze? Welche Innovationen benötigt Berlin? Warum gibt es so wenige Park-and-Ride–Parkplätze? Warum sind die Baustellen so schlecht koordiniert? Brauchen wir mehr Busspuren? Und wer denkt an die Fußgänger?

Auf dem Podium debattieren zunächst der Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, Michael Müller (SPD); Christian Wiesenhütter, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin; Volker Krane, Verkehrsvorstand des ADAC Berlin-Brandenburg; Eva-Maria Scheel, Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) Berlin sowie Morgenpost-Redakteur Andreas Abel. Moderiert wird die Diskussion von Morgenpost-Autor und Kolumnist Hajo Schumacher. Nach der etwa einstündigen Gesprächsrunde können die Teilnehmer im Publikum Fragen stellen, Anregungen geben und mitdiskutieren.

Wem gehört die Straße? Diese Frage ist tatsächlich zu einer der zentralsten der Berliner Politik geworden. Auch, weil sich die Verhältnisse verschieben. Schon jetzt liegt der Anteil des Radverkehrs am Berliner Gesamtverkehr nach Schätzungen bei 15 Prozent. Bis 2025 soll er laut Prognosen auf 18 Prozent oder mehr steigen. Zugleich wird der Anteil des Autoverkehrs – sollten die Vorhersagen zutreffen – von mehr als 30 Prozent auf nur noch 25 Prozent sinken. Schon jetzt ist Berlin die deutsche Großstadt mit der geringsten Zahl von Autos, gemessen an der Einwohnerzahl. In manchen Szenevierteln wie Friedrichshain, Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Mitte sind die Radfahrer längst in der Mehrheit und fordern selbstbewusst mehr Raum auf der Straße.

Doch das ist nur die eine Seite. Denn Berlin ist nicht nur eine Stadt der mobilen Individualisten. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) erinnert regelmäßig daran, dass Berlin auch ein Wirtschaftsstandort ist, der eine leistungsfähige Straßeninfrastruktur benötigt. Der ADAC mahnt ebenso, dass der Autoverkehr in der Stadt besser fließen muss, Straßen dringend saniert werden müssen und Parkplätze benötigt werden.

Drei Tage im Hauptstadtstau

Vor allem die Vielzahl der Baustellen und Großveranstaltungen macht der Wirtschaft und dem Autoclub Sorgen. Staus kosten nicht nur Nerven und Zeit, sie kosten die Wirtschaft und jeden Einzelnen auch viel Geld. Laut dem jährlichen Stau-Index des Navigationsgeräteherstellers Tomtom standen Berliner Berufspendler im vergangenen Jahr zusammengerechnet fast drei Tage im Stau. Oft genug sind auch die Busse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) betroffen.

In der Kritik steht immer wieder auch die mangelhafte Koordinierung von Baustellen im Berliner Straßennetz. Ende 2012 hatte Senator Müller im Interview mit der Berliner Morgenpost Verbesserungen versprochen und die Baustellenkoordnierung zum Schwerpunktthema seiner Arbeit im Jahr 2013 ausgerufen. Einiges ist seitdem passiert. Dank einer vorgeschalteten Kontrolle werden etwa unvollständige Baustellen-Anträge mittlerweile schon im Vorfeld aussortiert und zur Nachbesserung an die Baufirmen zurückgeschickt. Damit sollen die Beamten in der Anordnungsbehörde deutlich entlastet werden. Vier zusätzliche Stellen sind außerdem für die Behörde ausgeschrieben. Die Zusammenarbeit zwischen Bezirken, Senatsverwaltung, Verkehrslenkung und den zahlreichen Unternehmen, die ein Leitungsnetz unter den Straßen betreiben, soll sich deutlich verbessern, heißt es aus Müllers Verwaltung. Noch sind viele Details zu klären. Bis Ende 2013 sollen die Vorschläge so ausgereift sein, dass sie mit den Bezirken erörtert werden können.

Einen völlig neuen Weg, um mit den Konflikten zwischen den verschiedenen Gruppen der Verkehrsteilnehmer umzugehen, will die Senatsverwaltung vom kommenden Jahr an erproben. Die Grundidee stammt aus den Niederlanden und nennt sich „Shared Space“ (geteilter Raum). Das Prinzip: Die Trennung der Verkehrsflächen für Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger wird weitgehend aufgehoben, Verkehrsschilder und Ampeln werden abmontiert. Jeder hat die gleichen Rechte. Jeder muss auf jeden achten. Drei sogenannte Begegnungszonen sollen in der Stadt getestet werden, zunächst die Schöneberger Maaßenstraße zwischen Nollendorf- und Winterfeldtplatz. Baubeginn soll 2014 sein. Es folgen die Kreuzberger Bergmannstraße (2015) und die Straßen am Checkpoint Charlie (2016). In Berlin ist eine eher „behutsame Umgestaltung“ geplant, wie es Senator Müller formuliert. Die Bordsteine sollen bleiben und damit auch die optische Trennung von Bereichen für Fußgänger und Autofahrer. Denkbar ist, dass die Straßen in den Begegnungszonen farbig asphaltiert werden.

So können Sie teilnehmen

Forum „Wem gehört die Straße? – Zukunft des Verkehrs in Berlin“. Diese Frage diskutieren wir mit Ihnen beim vierten Leserforum der Berliner Morgenpost am Dienstag, 29. Oktober.

Ort und Zeit Das Forum „Morgenpost vor Ort“ beginnt um 19.30 Uhr in der Classic Remise an der Wiebestraße 36 in Moabit, einem aufwendig restaurierten ehemaligen Straßenbahndepot. Heute ist es ein Zentrum für Oldtimer und Liebhaberfahrzeuge. Die Veranstaltung dauert etwa zwei Stunden. Nach der Podiumsdiskussion können Sie Fragen stellen, Anregungen geben und mitdebattieren. Die Teilnahme am Leserforum ist kostenlos.

Anmeldung Voraussetzung zur Teilnahme ist, dass Sie sich unter dem Kennwort „Morgenpost vor Ort“ bei der Berliner Morgenpost anmelden. Das geht ganz einfach: per E-Mail an aktionen@morgenpost.de oder per Fax an die Nummer 25 91 7 30 49 oder per Postkarte/Brief an Berliner Morgenpost, Redaktion Lokales, Brieffach 3110, 10888 Berlin. Teilen Sie uns bitte mit, wie viele Plätze Sie benötigen. Wenn Sie Abonnent der Berliner Morgenpost sind, schreiben Sie bitte auch Ihre Abo-Nummer dazu, Abonnenten werden bei der Platzvergabe bevorzugt berücksichtigt. Ihre Anmeldung muss spätestens am Montag, 28. Oktober, 12 Uhr, in der Redaktion eingetroffen sein. Je früher Sie sich anmelden, desto größer ist allerdings Ihre Chance, einen Platz zu bekommen.

Anfahrt Die Classic Remise ist auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen: S-Bahnhof Beusselstraße oder mit den Buslinien M27, 106, 123 sowie dem Flughafenexpress TXL. Parkplätze sind vorhanden.