Berliner Spaziergang

The BossHoss sind die Cowboys aus dem wilden Mauerpark

Sascha Vollmer und Alec Völkel sind die Sänger von The BossHoss. In dieser Woche werden sie vor 9000 Menschen in der Max-Schmeling-Halle ein Konzert spielen. Wie gehen sie mit dem Ruhm um?

Foto: Amin Akhtar

Countrymusik aus Deutschland, die gab es doch früher schon mal. „Der wilde, wilde Westen fängt gleich hinter Hamburg an, in einem Studio bei Maschen, gleich bei der Autobahn.“ Das hat die Band „Truck Stop“ im Jahr 1980 gesungen, die Jungs trugen Hüte und Reiterstiefel. Wie sich das für Schlager gehört, ging es um Fernweh und Sehnsucht. In diesem Fall nach endlosen Prärien und den männlichen Freiheiten des einsamen Cowboys, die so wenig mit dem Alltag des deutschen Durchschnittsmannes zu tun hatten.

Doch das ist lange her.

Auch für Sascha Vollmer und Alec Völkel fängt der Wilde Westen vor ihrer Haustür an. Allerdings nicht in der Provinz bei Hamburg, sondern im Mauerpark in Prenzlauer Berg. Die Frontmänner der Band The BossHoss stehen vor der Max-Schmeling-Halle und staunen über sich selbst. In dieser Woche werden sie vor 9.000 Menschen ein Konzert spielen, sie könnten kaum fassen, dass sie diese Halle füllen können, sagen sie. „Ich denke gerade, alles klar, wir sind ja doch ganz schön fett“, sagt Vollmer. Von beiden ist er derjenige mit der höheren Stimme und dem runderen Gesicht. Er spielt auch die Gitarre mit dem großen „Thanx“ darauf. Der Spaziergang im Mauerpark ist eine Rückehr zu den Wurzeln von The BossHoss. Vor ihrer Karriere als Musiker, als Völkel und Vollmer noch als Werbegrafiker gearbeitet haben, kamen sie oft hierher, um ein Feierabendbier auf der Wiese zu trinken.

Männer mit großen Träumen eben, die aber so artig sind, dass sie regelmäßig zur Arbeit gehen.

„Berlin ist die freieste Stadt“

Die Sonne scheint an diesem Herbsttag, das ist praktisch, dann können die Mauerparkbesucher noch selbstverständlicher ihre Sonnenbrillen tragen. Uns begegnet das übliche Publikum, das seinen Modestil spazieren führt. Der freundliche Mauerpark-Fasching. Die Leute gehen als Hippie mit Wuschelmähne, als schnauzbärtiger Fußballstar der 80er-Jahre oder eben als Cowboy der Großstadt. Vollmer und Völkel fallen also kaum auf hier, mit ihren Sonnenbrillen und Silberringen an den Händen. Warum auch, der Mauerpark ist das Biotop, aus dem sie stammen.

Fernweh nach den Weiten der Prärie ist allerdings nicht ihr Thema. „Eigentlich fühlen wir uns in Berlin immer am besten“, sagt Vollmer. „Das ist die freieste Stadt für uns.“

Überhaupt: wer heutzutage einen Fernweh-Blues hat, könnte viel einfacher in die USA reisen als damals in den 80er-Jahren, als Truck Stop mit „Der wilde, wilde Westen“ einen Hit landeten. Die Flüge sind viel günstiger. Aber Vollmer und Völkel habe es ohnehin nie so sehr über den Atlantik gezogen. Erst nach ihren ersten Musik-Erfolgen sind sie nach Texas geflogen, um Musikvideos zu drehen oder nach Kalifornien, um den Hauptsitz ihrer Plattenfirma anzuschauen. „Wir haben Land und Leute mal ein bisschen abgecheckt“, sagt Vollmer. Und Alec Völkel , er hat die tiefere Stimme von beiden, sagt: „Eher so zur Inspiration, eine Woche reicht dann auch.“ Er lacht ein bisschen in sich hinein. Wenn man dort sei, dann merke man nämlich: „So geil, wie man es sich da drüben vorstellt, ist es dann auch wieder nicht.“

Karl May von Prenzlauer Berg

Zumindest nicht so geil, wie der Song „Boss Hoss“ von der Band The Sonics, von dem der Name der Band stammt. Ein Song, zu dem man in der Kneipe stehen kann ohne nur eine Sekunde an den nächsten Morgen zu denken. Es geht um einen Jungen, der ein Auto fährt, in dem er sich unbesiegbar fühlt. „Everybody is so jealous at me / One look and you can see / (..) It’s a real Boss Hoss.“ Hoss, wie Horse, bedeutet Auto im texanischen Slang. The BossHoss, das ist die dickste Karre. Die Musiker vermuten, dass es in dem Lied um einen Ford Mustang geht, dieses Auto dürfte ihrem amerikanischen Traum ziemlich nahe kommen.

Als die beiden im Jahr 2004 mit Musik anfingen, veröffentlichte Jonny Cash mit dem berühmten Produzenten Rick Rubin die „American Recordings“ auf denen er auch Coverversionen von Popsongs sang. War das ein Vorbild? „Das ist doch eine ganz andere Richtung“, sagt Völkel. Diese Musik von Cash sei, er benutzt ein ehrfürchtiges Wort: „weise“.

Nein, sie wollen sich nicht an diesen großen Namen messen lassen: Rubin und Cash. Aber auch nicht an der Schlagertruppe Truck Stop, nur weil sie auch gerne mit Klischees spielen, die sich um Unterhemden und Whiskey drehen.

Ihr Dialekt ist einfach ausgedacht

Ihr Südstaaten-Dialekt? Ausgedacht. „Wir machen das so, wie wir uns einen Cowboy vorstellen“, sagt Alec Völkel. Ein Kunstakzent, „Cowboyesk“, der sei einfach so gekommen. Das hat natürlich eine gewisse Kultur-Tradition: Auch Bestseller wie Winnetou sind damals entstanden, ohne dass der Autor einen Wigwam gesehen hatte. In diesem Sinne ist The BossHoss so etwas wie der moderne Karl May von Prenzlauer Berg.

Aber das war schließlich nur der Anfang der Band. Der große Auftritt in der Max-Schmeling-Halle ist keine Träumerei, sondern ein echter Erfolg. Ein Ergebnis von harter Arbeit. Die Geschichte von The BossHoss dreht sich nicht um die Einsamkeit von Cowboys, sondern darum, wie viel zwei Freunde gemeinsam erreichen können. Gerade ist mit „Flames of Fame“ ihr siebtes Album erschienen. Zu hören sind längst keine Countryversionen mehr von Popsongs, wie auf ihrem Debüt im Jahr 2005. The BossHoss haben einen neuen Stil entwickelt, eine Mischung aus Hip-Hop, Country und Rock. Und doch erkennt man die Band in jedem Takt. „Alleinstellungsmerkmal“, dieses Wort benutzen sie selbst.

Doch bei dieser Band geht es um mehr als Musik. Um was, das lässt sich auf diesem Spaziergang beobachten.

Völkel könnte auch ein Feriencamp leiten

Wir stehen vor der bunten Mauer, an der Graffitti-Künstler malen dürfen. „Dürfen wir ein Foto mit euch machen?“ Das fragen nicht die Teenager, die uns seit einer Weile verstohlen beäugen, ein Junge und zwei Mädchen. Das fragt Sascha Vollmer die Teenager und baut damit sofort Berührungsängste ab. „Sie will auch ein Autogramm“, sagt einer der Jungs und schiebt eines der Mädchen nach vorne. Sie kichert. Kurz darauf halten die drei jeweils eine Autogrammkarte in der Hand. Dann posieren sie, inzwischen selbstbewusst, für das Erinnerungsbild mit ihren Stars. Als der Junge etwas rempelt, sagt Völkel : „Hey, wir sammeln die Karten gleich wieder ein.“ Es ist jene Autorität, mit der Völkel problemlos auch ein Feriencamp leiten könnte: Die Jugendliche lässig finden, aber auf die sie trotzdem hören.

Im Grunde ist The BossHoss ein mittelständisches Familienunternehmen, das einen Freundeskreis ernährt. Auf Tour sind mehr als 20 Leute dabei, Musiker und Mitarbeiter. Die meisten haben Kinder, so wie Vollmer und Völkel. Jeder vertraut jedem im Boss-Hoss-Business. Aber das war nicht immer so. Da waren Manager, die sie über den Tisch gezogen haben. Eigentlich hätten sie immer gedacht, so etwas passiere nur anderen. „Wir sind ja nicht dumm, aber es gibt eben immer noch Leute, die schlauer sind.“ Ein Ergebnis was das Lied „Monkey Business“, in dem die Band die Musikbranche kritisiert. Damit sind sie auch als Künstler ein gutes Stück freier geworden. Und auf ihrem neuen Album ist nun das Lied: „God loves Cowboys“ zu hören. Ihre Botschaft: Leg dich nicht mit uns an. Ungeliebte Geschäftspartner sind sie erfolgreich losgeworden. „Und wir sind immer noch da“, sagt Vollmer.

Kaum sind die Teenies weg, kommt einer der älteren Jungs von der Mauer, mit Sprühdose in der Hand. Zuvor hatte er die zwei bekannten Gesichter noch geflissentlich ignoriert, aber nun will auch er ein Foto. Es ist eben doch lässig, neben den beiden zu stehen. Und die Hip-Hop-Pose für das Foto mit dem Graffiti-Künstler haben Vollmer und Völkel ebenfalls drauf.

Ausland ist alles außer Berlin

The BossHoss schaffen es, eine bunte Zielgruppe anzusprechen. Feiertypen in Jeans, Countryleute, Hip-Hop-Kids, feierwütige ältere Semester. Sogar auf dem Metal-Festival in Wacken sind sie aufgetreten. Sie sind nahbar auf eine freundliche Art. Und sie können den Menschen ein gutes Gefühl geben.

Einem großen Publikum, mehr als fünf Millionen Zuschauer pro Sendung, wurde The BossHoss durch die Musikshow „The Voice of Germany“ bekannt, wo sie neben der Sängerin Nena in der Jury saßen. Auch in der aktuellen Staffel sind sie wieder dabei. Anders als die sadistische Show „Deutschland sucht den Superstar“ mit Dieter Bohlen ist „The Voice“ ein freundliches Format. Geblieben sind zwei Eindrücke: Erstens, dass Nena noch immer unfassbar gut aussieht. Und zweitens, dass Musiker nicht arrogante Sprücheklopfer sein müssen, sondern bodenständige Menschen sein können, die vor allem eines anbieten: Spaß. Es waren dann auch The BossHoss, die mit der Sängerin Ivy Quainoo den Wettbewerb gewannen. Es muss auch daran gelegen haben, dass sich die junge Frau wohlgefühlt hat bei ihren Coaches. Dass sie ihr Selbstvertrauen gegeben haben.

Werden die beiden inzwischen oft auf der Straße angesprochen? „In Berlin geht es eigentlich“, sagt Völkel. „Im Ausland passiert das häufiger.“ Ausland. Damit meint er den Rest von Deutschland, der nicht Berlin ist.

Sie hatten aus Auswanderungsgedanken

Einmal wollten sich die beiden zurückziehen in Ahlbeck auf Usedom. Doch es dauerte nicht lange, da seien sie „Talk of the Town“ gewesen. Als sie abends in einer Kneipe saßen, kamen die ersten Einheimischen und stellten Schnaps auf ihren Tisch. Alec Völkel seufzt, man kann heraushören, dass der Abend länger wurde. Dabei müssen sie sich ja mal ausruhen: mehr als 60 Konzerte spielen sie im Jahr. Am Anfang waren es sogar um die 200 Konzerte im Jahr. Die große „Ochsentour“, wie sie sagen, das prägt.

In ihrer Fanpost fanden sie auch die Mail von Birte. Sie schreibt, dass ihre Beziehung zerbrochen war und damit auch der Kontakt zu vielen Freunden. Kurz darauf sei ihre Mutter verstorben. Birte schreibt, sie wollte eines Abend mit ihrer Tochter in Kiel auf ein Konzert von The BossHoss gehen, zur Ablenkung. Aber ihre Tochter hatte keine Zeit, sie habe dann lange nach einer Begleitung suchen müssen. Doch dann: „Das Konzert war der Hammer!“, schreibt sie. Später beteiligte sie sich an einer Verlosung für ein weiteres Konzert, aber Hoffnung machte sie sich kaum. „Ich gewinne ja eh nie“, schreibt sie. „Aber weit gefehlt!“. Sie gewann das Ticket und lernte auf dem Konzert viele neue Leute kennen. „Wir halten immer noch Kontakt“, schreibt Birte.

Die Gäste müssen tanzen!

Mehr als das könne man als Musiker nicht erreichen, sagen die beiden. Ein gutes Konzert heißt für sie: die Gäste tanzen. Und sollte bei einem Konzert zunächst keine Stimmung aufkommen, dann legen sie eben noch einen drauf.

Klappt das immer? Auf einer ihrer US-Besuche haben sie in Houston, Texas, gespielt. Eine Stadt mit großer Musikszene und verwöhntem Publikum. Viele Einträge in der US-Presse finden sich nicht über The BossHoss. Aber ein Blogger schreibt, er sei erstaunt gewesen über die Mischung aus Rockabilly und Hymnen die nach „deutscher Bierhalle“ klängen. Er habe erst nicht gewusst, ob der Auftritt eine schiefgelaufene Darbietung von „Jonny-Cash-Klischees“ sei oder ein „brutal-ironisches“ Statement von „intellektuellen Post-Industrialisten aus Berlin“. Aber der Blogger stellte auch fest: Die Leute haben getanzt. Sie feierten ausgiebig diese Deutschen mit Cowboy-Hüten. Ein Kommentator berichtet von einer „Bierdusche“ vor der Bühne, es kling euphorisch. Nach dem Konzert , so ist weiter zu lesen, hätte die Band dann mit vielen Gästen auf der Terrasse Bier getrunken und über das schöne Wetter in Texas gesprochen.

Ironie ist ihre Sache nicht

Nein, irgendwelche brutal-ironischen Botschaften wollen The BossHoss nicht senden, sondern ehrliche Mucker-Arbeit auf der Bühne leisten. Zu dem Auftritt in den USA sagen sie: „Wir hatten die Chance den Laden leer zu spielen, aber das haben wir nicht geschafft.“

Wir gehen noch in ein Café am Park. Alec Völkel bestellt nicht wie ein postmoderner Hipster aus Mitte bei der Kellnerin, sondern wie jemand, der seit Urzeiten in Prenzlauer Berg wohnt. „Habt ihr ´nen Latte Macchiato oder so wat?“.

Natürlich, sagen sie, bringe ihr Erfolg auch Missgunst. Eine „Musikpolizei“, die zu kommerziell finde, was sie nun machen. Aber sie seien schon oft tot gesagt worden, vor Jahren schon. „Einige Leute sagten damals, wie seien eine Partyband für einen Sommer“, sagt Völkel . Stattdessen haben sie inzwischen einen eigenen Stil entwickelt. Nummern wie „Last Christmas“ als Cowboyversion liegen lange zurück, sie waren eine Starthilfe, nicht mehr und nicht weniger. Die Freiheiten des Cowboys leben sie nun also im Studio aus. Und sie spielen in der Max-Schmeling-Halle, die sie früher nur von Außen gesehen haben.

Anders als bei der Schlagerband Truck Stop reicht die musikalische Welt von The BossHoss sehr viel weiter als bis nach Hamburg-Harburg. Ihr wilder Westen fängt im Mauerpark erst an.