Live-Konzerte

Hoflieferant des Rock ’n’ Roll kommt aus Berlin

Black Box Music aus Berlin ermöglicht den Ärzten und den Toten Hosen die Show auf dem Tempelhofer Feld. Das Geschäft mit Live-Konzerten boomt – gerade im Digitalzeitalter.

Foto: Reto Klar

Am Rande der Lagerhalle voller Boxen, Mischpulte, Kabeltrommeln und tätowierter Kerle in schwarzen T-Shirts bleibt Jannice an einer Kiste stehen. Darin liegen: viele, viele kaffeekannengroße Scheinwerfer. Schwarz sind sie und staubig wie nach zehn Jahren Keller. Jannice von Black Box Music zeigt drauf, sagt: „Die sind von Rammstein und voller Lycopodium.“ Merke: Rammstein brauchen Lycopodium, Sporen des Bärlauchs sind das, damit auf ihrer Bühne die Feuersäulen hübsch heiß und sonnengelb emporschießen. Hinterher muss dann in Wilhelmsruh, wo Pankow an Reinickendorf stößt, gründlich die Asche entfernt werden. Das ist dann ein Fall für Black Box Music – Berlins Dienstleister und Hoflieferant des Rock’n’ Roll.

In der offiziellen Sprache auf der Homepage klingt der Unternehmenszweck recht förmlich. Man sei im „Bereich Veranstaltungstechnik“ tätig, „Planung und Umsetzung technischer Veranstaltungskonzepte.“ Die Kunden heißen Rammstein, Seeed, In Extremo, Beatsteaks, BossHoss, Linkin Park, Max Raabe, Silbermond, Korn oder Sade. Aber auch Joachim Gauck, dazu später mehr. In jedem Fall ist Black Box Music fast immer dabei, wenn in Deutschland in Mehrzweckhallen oder auf Festivalwiesen Musik dröhnt. Sie haben dieser Tage ihr wichtiges Heimspiel: Erst ermöglichen sie am Freitag auf dem Flughafengelände in Tempelhof den Toten Hosen die Show. Danach sind zwei Tage in Folge die Ärzte dran.

Technische Umsetzung als Millionengeschäft

„Da“, sagt Thilo Goos, Hüne an Gestalt und mit weicher Modulation des Thüringers sprechend, „geht gerade das Equipment für die Toten Hosen raus.“ Männer in schwarzen T-Shirts schieben silberfarben beschlagene Kisten voller Lautsprecherboxen, Mischpulten, Verstärkern, Scheinwerfern zum Verladen. Goos kann sie durch ein Fenster sehen. In seinem Geschäftsführerbüro nimmt die Klimaanlage schon mal die Temperaturen des Herbstes vorweg. Thilo Goos, den hier die meisten „Baby“ nennen (Goos: „Auf einer Party vor vielen Jahren wurde gefragt, wer das Riesenbaby sei“) trägt auch so ein schwarzes T-Shirt mit Totenkopf unter dem sich zwei Mikrofone kreuzen. Schwarz dominiert hier, tiefdunkel sind Stühle, Sessel und die beiden Monitore auf dem Schreibtisch. Die Stimmung von Thilo Goos trifft es nicht. Dafür läuft es gerade zu gut.

Goos sagt einen Satz, wie man ihn selten von Unternehmern vernimmt. „So, wie die Firma jetzt ist, ist es genau richtig.“ Fast 60 feste Mitarbeiter beschäftigt er, dazu bis zu 300 Freiberufler. „Das darf nicht zu groß werden. Das gibt zu viel Bürokratie.“

Aufstieg mit Ost-Berliner Gruppen

Er ist ja auch schon ziemlich gewachsen. Zwölf Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr, wohl 14 Millionen in diesem. War natürlich alles nicht absehbar war, als es den Elektriker 1988 aus Thüringen nach Berlin verschlug. Dort gab es im verfallenen Prenzlauer Berg eine Subkultur im Schatten von Honeckers SED-Diktatur. Goos kümmerte sich schon damals um die Technik von Bands. 1992 wurde offiziell gegründet. Goos wuchs mit Ost-Berliner Gruppen der damaligen Zeit ins Veranstaltungsgeschäft hinein. Sie hießen Inchtabokatables, Bobo in White Wooden Houses und – Rammstein. Die wurden Mitte der 90er-Jahre so schnell so groß, das Goos mit seiner Firma zunächst nicht mitkam. Goos kämpfte. Längst macht Black Box Music wieder Sound und Licht für Deutschlands derzeit größten Kulturexport-Schlager die Shows.

Was Black Box Music und anderen Veranstaltungsfirmen geholfen hat, ist die digitale Revolution in der Musikbranche. Ungefähr zur Jahrtausendwende endete das goldene CD-Zeitalter. Ging eine Band bis dahin vor allem auf Tour, um den Verkauf des Tonträgers in Schwung zu bringen, ist es seit bald 20 Jahren umgekehrt. Erst Raubkopien, dann billige MP3-Dateien via Apple und Co. ließen die Einnahmen aus dem Musikverkauf zusammenschrumpfen. Auf Tour gehen, das bringt jetzt richtig Geld. Ungerührt zahlen Zuschauer Preise von 60, 80 und auch mehr als 100 Euro für 120 Minuten Show.

Probebühne im ehemaligen VEB

„Früher“, sagt Thilo Goos, „war das doch so. Die Bands haben in der Provinz, in Lübeck oder Zwickau, mit der Tour begonnen und sich für Hamburg und Berlin eingespielt. Geht heute nicht mehr.“ Also proben die Musiker ernsthafter für ihre Tourneen. Sie grübeln mehr über ihrer Show. Welche Lieder in welcher Reihenfolge? Was für Kleidung? Wie soll die Bühnen aussehen? Effekte? Licht und Laser? Und wo zum Teufel soll man das alles in Ruhe ausprobieren?

Goos’ Antwort lautet Wilhelmsruh. Dorthin ist er gegangen, wo früher der VEB Bergmann Borsig Kraftwerksturbinen baute. Black Box Music ist heute Nachbar des Zugherstellers Stadler und von ABB. Zwei Probehallen hat Goos errichten lassen. Dort können Bands ihre Shows testen. 14 Meter hoch ist die größte Halle, 90 Tonnen Equipment hält die Decke aus. „Boxen und Verstärker verleihen kann ja jeder“, sagt Goos.

Eigene Laster statt Spedition

Goos hat gemerkt, zunächst wohl inuitiv, dann mehr und mehr bewusst, dass es auch im Veranstaltungsgeschäft nicht schadet, eine richtige Marke zu sein. Black Box Music kauft sich eigene Zwölftonner und leiht die Laster nicht bei einer Spedition. Auch Boxen, Scheinwerfer, Verstärker, der ganze Technik-Kram wird in Besitz genommen. „Wenn Du nur ausleihst und nichts selber hast, ist es doch kein richtiges Unternehmen.“ Außerdem, sagt Goos, fielen seine Lkw mit dem Totenkopf auf Festivals sofort auf. „Viele andere lassen ja irgendwelche Speditions-Lkw fahren.“

Wobei Goos mitunter auch auf das Totenkopf-Logo verzichtet. Zum Beispiel wenn sie bei Joachim Gauck im Garten des Schloss Bellevue die Bühnentechnik machen. „Dafür haben wir dann unser Schriftlogo benutzt.“ Solche Events jenseits des Rock’n’Roll werden für das Geschäft immer wichtiger.

Aber wofür sie bei Black Box Music richtig brennen, zeigt Goos’ Assistentin Jannice in einem Fotobuch. Es dokumentiert eine bombastische Show. Rammstein spielten 2010 in der legendärsten Konzerthalle der Welt, dem Madison Square Garden in Manhattan. Innerhalb von 30 Minuten waren die Karten weg. Richtig stolz sind sie bei Black Box Music auf ein Bild vom Aufbau der Bühne. Dort hängt in der Hallenmitte eine meterhohe Stoffbahn mit Logo und Schriftzug von Black Box Music aus Berlin.