Die Charité hat die Ursache für den Keimbefall einiger Patienten auf der Neugeborenen-Station nicht gefunden. Das geht aus dem vertraulichen Abschlussbericht hervor, den die Klinik dem Senat zugestellt hat. Als am wahrscheinlichsten gilt, dass die gefährlichen Keime per Hand auf die frühgeborenen Säuglinge übertragen wurden. Möglicherweise wurde die Übertragung durch Personalmangel begünstigt, heißt es in dem Bericht.
Als Konsequenz aus dem Fall, der die Charité im vergangenen Jahr monatelang beschäftigte, empfehlen die Gutachter zwei Änderungen. Zum einen sollen alle Patienten der Neugeborenenstation einmal wöchentlich auf einen möglichen Keimbefall untersucht werden.
Außerdem soll ein zentrales digitales Bettenregister eingeführt werden, sodass jede Klinik jederzeit darüber in Kenntnis gesetzt ist, wo es freie Betten für die kleinen Patienten gibt. So können die Berliner Krankenhäuser im Fall einer neuerlichen Infektion nicht infizierte Patienten schnell aus dem von Keimen belasteten Umfeld entfernen.
Pfleger in zwei Gruppen eingeteilt
„Um bei möglichen zukünftigen Ausbrüchen, die eventuell das Schließen einer Station erforderlich machen, einen schnellen Überblick über neonatologische Betten in anderen Kliniken zu erhalten, wird die Gesundheitsverwaltung als Schlussfolgerung aus dem Ausbruch im kommenden Jahr ein digitales Bettenregister für die neonatologischen Stationen in Berlin einführen“, sagte Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) am Freitag. Er werde das dafür notwendige Geld im kommenden Doppelhaushalt zur Verfügung stellen, kündigte Czaja weiter an. Bislang werden die freien Betten einmal pro Woche gemeldet, künftig soll eine Rund-um-die-Uhr-Abfrage möglich sein.
Auf der Frühchenstation von Charité und Herzzentrum waren im Sommer 2012 Patienten mit Serratienbefall entdeckt worden. Die gefährlichen Keime können zu Infektionen bei den oft schwerkranken kleinen Patienten und zum Tod führen. Insgesamt wurden dem Abschlussbericht zufolge 26 Patienten mit Serratien infiziert, 21 an der Charité, fünf im Herzzentrum. In elf Fällen kam es zum Ausbruch.
Betroffene Patienten werden räumlich isoliert
Unmittelbar danach hatte die Charité ein sogenanntes Ausbruchsteam eingerichtet und sofort alle Maßnahmen, wie sie im Infektionsschutz und in der Berliner Hygieneverordnung vorgesehen sind, umgesetzt. Die Station wurde geteilt, die betroffenen Patienten wurden räumlich isoliert. Ebenso wurde das Pflegepersonal in zwei Gruppen aufgeteilt und jeweils einem der beiden Bereiche zugeordnet.
Zudem wurde ein interdisziplinäres Team mit festem Ansprechpartner der Intensivmedizin gebildet, das in engem und täglichem Kontakt mit dem Amtsarzt und der Senatsverwaltung für Gesundheit steht. Am 18. Oktober 2012 wurde zuletzt ein Serratienfall auf der Frühchenstation festgestellt, offiziell keimfrei ist die Station seit Mai 2013.
Nach dem Tod eines der Patienten hatte die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung aufgenommen. Die Charité geriet dabei erneut in die Kritik, weil sie zunächst nichts über den Verbleib des verstorbenen Säuglings sagen konnte. Er war bereits beerdigt worden.
Klinik-Mitarbeiter haben nicht strafbar gehandelt
Die Ermittlungen wurden jedoch eingestellt. Die Ankläger kamen zu dem Schluss, dass die Mitarbeiter der Klinik nicht strafbar gehandelt haben. Nach Bekanntwerden der Infektionen seien alle hygienischen Standards in beiden Krankenhäusern eingehalten worden. Die Hygiene auf den befallenen Stationen sei überdurchschnittlich gut.
In der Folge wurden insgesamt 600 mikrobiologische Untersuchungen der Stationen vorgenommen. Die Ursache für den Keimbefall konnte jedoch nicht gefunden werden. „Medizinisch ist alles richtig gelaufen“, sagte Charité-Sprecherin Manuela Zingl. In rund 60 Prozent solcher Fälle lässt sich die Ursache im Nachhinein nicht mehr feststellen.
Serratien oder Serratia gehören zur Familie der Darmbakterien (Enterobakterien). Sie kommen in der Darmflora von Menschen und Tieren vor, aber auch in der Umwelt wie in Boden, Wasser, Pflanzen und Nahrungsmitteln. Im Gegensatz zu multiresistenten Keimen kann ein Serratienbefall in der Regel gut behandelt werden.
Erreger ist gegen viele Antibiotika resistent
In der Charité hat sich nach Bekanntwerden des Befalls die Situation stabilisiert. Meist sind die Keime harmlos, sie können aber auch zu Krankenhausinfektionen führen. Gefährlich sind die Bakterien vor allem für Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Sie sind daher ein Problem auf Intensivstationen oder in Kinderkliniken.
Sie können Harnwegs-, Atemwegs- und Wundinfektionen, Blutvergiftung oder Lungenentzündung oder andere Krankheiten hervorrufen. Da bei Serratien-Ausbrüchen in der Vergangenheit häufig kontaminierte Seifenspender Schuld an der Ausbreitung hatten, wurden diese auf den beiden Stationen der Charité ausgetauscht. Weitere Keime wurden auf dem Drehknopf eines medizinischen Gerätes gefunden. Der Erreger wird mit Antibiotika behandelt, ist aber gegen viele Arten resistent.
Unbesetzte Amtsarztstellen
Während in der Charité seitdem keine neuen Serratienfälle aufgetreten sind, bleibt ein anderes Problem bestehen. Im Gesundheitsamt Mitte sind weiterhin drei Arztstellen unbesetzt – ausgerechnet die Stelle des leitenden Amtsarztes und zweier Hygienemediziner, die die Vorschriften in den Krankenhäusern des Bezirks überprüfen sollen.
Derzeit läuft das dritte Ausschreibungsverfahren, bislang hat sich niemand beworben. Eine der Stellen wurde erst nach dem Serratienfall an der Charité frei, die Ärztin schied im Streit wegen des Umgangs mit dem Skandal aus. Die Rede ist von einer schlechten Arbeitsatmosphäre und Einflussnahme des Bezirksamtes.





