Lara kam in der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt. Ihre Chance zu überleben lag bei 60 Prozent. Die ersten drei Monate ihres Lebens verbrachte Lara in einem Brutkasten, Intensivstation K2, 1. Etage im Marien-Hospital in Witten bei Bochum. Ihre kleine Nase war zugekleistert mit weißen Pflastern, die einen Ernährungsschlauch festklebten, ihr Körper mit Mess-Elektroden übersät. Über dem Brutkasten hing eine Kamera, kleiner als eine Untertasse, befestigt an einem dünnen Metallarm. Das Auge der Kamera war Laras Verbindung zum Leben.

So empfindet das jedenfalls Bianca Lipphaus, 31, aus Sprockhövel bei Bochum, die Mutter des kleinen Säuglings. Ihre Schwangerschaft endete abrupt, das Kind kam viel zu früh zur Welt, es ging Lara schlecht. Frau Lipphaus wollte wissen, was ihre kleine Tochter im Inkubator machte. Bewegte sie sich noch? Strampelte sie? Lag der Beatmungsschlauch richtig? Die junge Mutter hatte so viele Fragen.

Jan-Claudius Becker, Chefarzt für Neonatologie im Marien-Hospital in Witten, konnte helfen. Sein Krankenhaus hatte erst kürzlich Kameras gekauft, die das Leben der Frühgeborenen im Livestream aufzeichnen. Frau Lipphaus erhielt einen Zugangscode, sie loggte sich über eine 256-Bit-SSL-geschützte Verbindung ins Internet ein und konnte am PC beobachten, wie es Lara ging – rund um die Uhr. „Ich habe nichts verpasst“, sagt Lipphaus.

Täglich vier bis fünf Stunden Baby-TV

Vier bis fünf Stunden am Tag schaute sie ihr privates Baby-TV. Frühmorgens, sofort nach dem Aufstehen, stellte sie den Computer an, um nach Lara zu sehen. Und abends, vor dem Zubettgehen, kontrollierte sie regelmäßig, ob es ihrem Kind gut ging. Das war ein Ritual. Meistens beobachtete Lipphaus ihr Kind sehr genau, zuweilen rief sie auch in der Klinik an, wenn der Beatmungsschlauch falsch saß oder, wie sie es sagt, „das Lätzchen über den Kopf gerutscht“ war. „Die Schwestern können nicht jedes Kind rund um die Uhr bewachen, meine Anrufe waren willkommen.“

Manchmal liefen die Bilder aus der Webcam aber auch nur so mit, während die Familie Fernsehen guckte. Lara gehörte irgendwie dazu, auch wenn sie noch niemals zu Hause gewesen war. Lipphaus fuhr jeden Tag zum Krankenhaus nach Witten und besuchte Lara. Das Baby-TV reichte ihr nicht, sie wollte ihr Kind sehen.

Ihre Töchter Isabelle, Fabienne und Eileen konnte Frau Lipphaus nicht immer mitnehmen. „Manchmal haben sie nur beobachtet, wie Lara schläft. So haben sie wenigstens ein bisschen Kontakt zu ihr bekommen“, sagt Bianca Lipphaus. Ihr Mann, Dominik, 35, zeigte seinen Kollegen am Arbeitsplatz die neuesten Bilder von Lara live auf seinem Computer. Chefarzt Becker sagt dazu: „Es ist so, dass manchmal ganze Belegschaften Baby-Watching machen.“

„Babywatch“ in Deutschland entwickelt

Das neue Kamerasystem für Frühgeborene heißt „mybabywatch“ und wurde in Siegen entwickelt: trotz des englischen Namens pures Made in Germany. Ein Set, das sind acht Kameras, kostet 18.000 Euro. Der Markt ist riesig. Jedes zehnte Neugeborene in Deutschland ist eine Frühgeburt, 60.000 Kinder im Jahr. Vier Kliniken – die Charité in Berlin, das Marien-Hospital in Witten, die Kinderklinik Dritter Orden Passau und das Krankenhaus Hamburg-Barmbek – arbeiten im Rahmen eines Pilotprojekts seit mehr als einem Jahr mit dem virtuellen Besuchssystem.

Die Charité-Ärzte haben sogar eine Studie zum Baby-TV erstellt. Sie wollten wissen: Welchen Nutzen hat die Webcam, oder ist sie letztlich nur Schnickschnack? Hans Proquitté leitete die Studie an der größten deutschen Universitätsklinik. Der Professor sitzt in seinem Büro im Uniklinikum Jena, wo er kürzlich Chefarzt für Neugeborenenmedizin geworden ist. Proquitté hat viele verzweifelte Eltern erlebt, denen es genauso erging wie den Eltern von Lara.

Proquitté sieht vor allem die psychologischen Vorteile der neuen Kameras: „Das größte Problem ist, dass die Mütter nicht glauben, dass es ihrem Kind gut geht. Sie wollen das möglichst oft sehen.“ Durch die Kamera fühlten sich die Eltern ihrem Kinder näher. „Eltern haben sehr häufig das Gefühl, sie sind schuld daran, dass die Kinder zu früh auf die Welt kamen.“

Eltern bauen früher Beziehung zum Baby auf

Für ihn ist ein Ergebnis der Studie besonders wichtig: Wenn eine Webcam über dem Brutkasten hängt, besuchen die Eltern ihre Frühchen häufiger. Grund dafür sei, dass die Eltern frühzeitig durch die Beobachtungen per Internet eine Beziehung zu ihrem Kind in der Klinik aufbauen konnten und sich dadurch „der Wunsch nach persönlichem Kontakt erhöhte“.

Die Charité-Studie zeigt aber auch medizinische Vorteile. Chefarzt Proquitté: „Die Möglichkeit für die Mutter, ihr Kind beim Abpumpen sehen zu können, kann die Milchproduktion in der Brust steigern.“ Nahezu alle Eltern hätten das Baby-TV-Angebot in seiner früheren Klinik angenommen, berichtet der Mediziner.

In naher Zukunft dürften wohl die meisten Brutkästen in Deutschland mit einer Webcam ausgestattet werden. Die Nachfrage nach den Kameras steigt jedenfalls, berichtet Andreas Kray von der Herstellerfirma. Er arbeitet gerade daran, den Livestream auch für Smartphones zu ermöglichen. Außerdem sollen die Eltern den kleinen Patienten im Klinikbett demnächst auch von zu Hause aus Gute-Nacht-Lieder vorsingen oder Morgengrüße übermitteln können. Aus Sicht der Medizin wäre dies ein weiterer wichtiger Schritt zu einer engeren Bindung zwischen Eltern und Kind.

Kray hat noch viele Ideen. Denkbar wäre beispielsweise, das Baby-TV auch bei Kindern zu installieren, die per Kaiserschnitt zur Welt kamen und zusammen mit ihrer Mutter mehrere Tage in der Klinik verbringen müssen. Aber das ist Zukunftsmusik.