Die 24 Stunden dauernden Tempokontrollen auf Berliner Straßen sind am Freitagmorgen um 6 Uhr beendet worden. Eine Bilanz des „Blitz-Marathons“ in der Hauptstadt will die Polizei am Vormittag ziehen. So verlief die Aktion:

Um 6.30 Uhr steigt die Spannung. Der Parkplatz vor dem Waldfriedhof Dahlem ist so voll wie selten zu dieser frühen Stunde. Übertragungswagen, mehrere Polizeiautos, dazwischen eine wartende Menschenmenge. Alle wollen ihn erleben: den Ersten, der am Dahlemer Hüttenweg in die Radarfalle tappt. Doch etwas fehlt – die Beamten mit der Laserpistole.

Einige Telefonate später wird von logistischen Problemen gesprochen. Einer der Polizisten erklärt sie so: „Die haben um 6.15 Uhr Dienstbeginn in Lankwitz, wie sollen sie dann eine Viertelstunde später hier sein?“ 20 Minuten später als angekündigt wird das Lasermessgerät platziert, um 6.57 Uhr wird der erste Fahrer herausgewinkt. Er ist acht Kilometer zu schnell gefahren.

Verkehr in Berlin fließt spürbar langsamer

Berlins Autofahrer stehen am Donnerstag unter verstärkter Beobachtung. An 250 Orten gibt es stadtweit Radarkontrollen, etwa 1300 Beamte sind im Einsatz. „Unser Ziel ist es, das Verhalten im Straßenverkehr und die Einstellung zur Geschwindigkeit zu verändern“, sagt Christian Burkhardt, verantwortlich für die Verkehrsunfallbekämpfung.

Deshalb gehe es nicht darum, eine maximale Anzahl von Fahrern zu blitzen. „Je weniger wir heute erwischen, desto besser ist unser Anliegen angekommen“, sagt der Polizeibeamte. Dann sei die Aufforderung, mehr auf die Geschwindigkeit zu achten, bereits berücksichtigt worden. Deshalb habe die Polizei früh die Liste aller Straßen öffentlich gemacht, auf denen kontrolliert werden sollte. Die Folge: Gerade auf stark befahrenen Straßen sind die Autos nicht nur spürbar langsamer, das Verkehrsgeschehen ist auch insgesamt deutlich entspannter.

Der Fahrer zeigt Reue, Raser sei er nicht

Am Dahlemer Hüttenweg gehört Wolfgang Zimmermann zu den Ersten, die es an diesem Tag erwischt. Der 61-Jährige ist Berufskraftfahrer und kann es überhaupt nicht verstehen, wie ihm das passieren konnte. „Ich fahre jeden Tag hier lang und wusste auch von der Blitzeraktion“, sagt er. Gerade aus diesem Grund habe er sich besonders konzentriert. Reue zeigt er sofort: „Es tut immer weh, wenn man bezahlen muss, aber man muss sich ja an die Geschwindigkeit halten“, sagt Zimmermann. Dennoch könne er mit einer Überschreitung von acht Kilometern noch nicht als Raser gelten. 15 Euro wird ihn das Vergehen kosten.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft hatte vor der Blitzeraktion schärfere Strafen für Raser gefordert. „Unsere Buß- und Verwarnungsgelder sind im EU-Vergleich unfassbar niedrig“, sagt der Bundesvorsitzende Rainer Wendt. Die Mehrheit der Autofahrer verhalte sich sehr verantwortungsbewusst. „Zehn bis 15 Prozent sind hemmungslose Raser und bringen andere Menschen mit ihrer Rücksichts- und Gedankenlosigkeit in Gefahr“, kritisiert Wendt. Leider sei die Polizei nur selten in der Lage, solche aufwendigen Aktionen durchzuführen.

Anwaltsverein begrüßt den Blitzer-Marathon

Verspätet geht die Blitzeraktion auch an der Bismarckallee in Grunewald los. Wegen technischer Probleme muss ein neuer Radarwagen angefordert werden. Kurz nach acht Uhr ist es noch ruhig auf der Straße. Wenn ein Auto kommt, schleicht es durch die Tempo-30-Zone. „Wir kontrollieren extra an dieser Stelle, weil es eine Beschwerde von einem Anwohner gab, dass hier immer gerast wird“, sagt Polizeisprecher Thomas Kelm. Zunächst bestätigt sich das nicht. Doch nach wenigen Minuten werden gleich zwei Fahrzeuge herausgewinkt.

Ein Taxifahrer war 13 Kilometer in der Stunde zu schnell und hat nur eine Frage: „Wie viel muss ich zahlen?“ 25 Euro, wird er gleich erfahren. Direkt hinter ihm hält ein dunkler Golf, der acht Kilometer zu viel auf dem Tacho hatte. Der junge Mann steigt aus und ist nur frustriert. „Ich fahre immer mit dem Fahrrad zur Arbeit, nur heute habe ich das Auto genommen, weil ich erkältet bin“, sagt der Mann aus Wannsee. Die Polizeikontrolle finde er aber „völlig in Ordnung“.

So sieht das auch der Berliner Anwaltsverein. Die Mitglieder begrüßen „grundsätzlich Blitzerkontrollen, weil sie effektiv die Verkehrssicherheit erhöhen“. Gerade in Berlin seien zu hohe Geschwindigkeiten und Rotlichtverstöße ein echtes Problem. Dennoch kritisiert der Verein, dass manche Verkehrsbeschränkung oder Tempo-30-Zone nicht begründet sei. Deshalb solle in jedem Einzelfall geprüft werden, warum das Tempolimit angeordnet wurde, fordert der Anwaltsverein.

In Neukölln zwölf Fahrer in zwei Stunden geblitzt

An der Sonnenallee ist viel Betrieb. Auch dort wird in einer 30er-Zone vor einer Schule geblitzt. „Es ist schon zu bemerken, dass die Autofahrer heute bedachter fahren“, sagt Polizist Michael Lisowski. Dennoch: In zwei Stunden sind zwölf Fahrer in die Radarfalle getappt, die meisten waren mit 43 bis 47 Stundenkilometern unterwegs. Murat ist der 13. Temposünder.

„Ich habe gerade vor zwei Minuten von der Aktion im Autoradio gehört“, erzählt der 39-Jährige. Doch dann habe das Auto vor ihm ein seltsames Fahrmanöver gemacht, und er hätte beschleunigen müssen. In diesem Moment hätte er auch schon die Kelle des Polizisten gesehen. Sein besonderes Pech: Das Auto hat er vom Schwager geliehen und keine Papiere dabei.

Sobald das Messgerät mehr als 39 Kilometer pro Stunde anzeigt, wird das Auto aus dem Verkehr gewinkt. „Meistens sind es Fahrer, die noch schnell bei Gelb über die Ampel wollen“, sagt der Beamte Thomas Preuß. Oft seien die Ertappten eilige Eltern, die ihre Kinder zur nahen Schule fahren und fürchten, zu spät zu kommen. Gerade piept das Gerät wieder: ein Fahrer ist mit 42 Stundenkilometern die Brücke heruntergefahren.

Messgeräte halten herbstliche Feuchtigkeit nicht aus

Auch in Mitte haben einige Fahrer wenig Glück. „Der eine hat gerade seinen Führerschein seit einem Monat. Seine Tochter meinte noch, er soll ja langsamer fahren, weil es eine 30er-Zone ist“, heißt es an der Kontrollstelle Altonaer Straße. Jetzt muss er sich von den Beamten am Kontrollpunkt belehren lassen.

Doch die Polizei hat schon wieder andere Probleme: Die Technik streikt. Der anhaltende Regen macht den Messgeräten zu schaffen. An der Lessingbrücke droht der vorzeitige Abbruch der Kontrolle. Die sensiblen Geräte, so ein Polizist, könnten wohl nicht so viel Feuchtigkeit aushalten.