Sein zweites Leben begann in Berlin. Am 8. Januar 1947 war der schmale Kerl mit den schiefen Zähnen in London als David Robert Jones geboren worden. Nachdem er Ende der 60er-Jahre zu David Bowie geworden war, brauchte er keine zehn Jahre, um sich eine riskante Rockerexistenz vor und hinter der Grenze zum Jenseits aufzubauen.

Der Ruhm, die Touren die Partys, das Koks. Mit Vollgas in den Untergang. Da half nur eines: Aus Bowie musste wieder Jones werden. Der Mann, der in seinem Kinodebüt soeben vom Himmel gefallen, in Los Angeles mehr als ein Mal aus allen Wolken gestürzt war, erlebte in Berlin und dank Berlin seine Wiedergeburt.

Mitte 1976 arbeitete Bowie in der Nähe von Paris an seinem experimentellen Album „Low“. In der Freizeit schlug er sich mit Scheidungsanwälten und seinem hinterhältigen Management herum. Englands einst größter Popstar drohte der totale Bankrott. Im Spätsommer siedelte er um, steuerte gen Osten, einer Art selbstverordneten Strafexpedition entgegen. „Suche dir Leute, deren Sprache du nicht verstehst, und einen Ort, an dem du auf gar keinen Fall sein möchtest“, hatte er sich vorgenommen. „Lerne dich mal wieder ein bisschen selbst kennen.“

Von L.A. in die geteilte Stadt mit Nazi-Erbe

In den von Kokain-Blitzen beleuchteten Nächten von Los Angeles hatte er im Jahr zuvor mit kindlicher Begeisterung alles über Mystiker, Satanismus, Kabbala und Faschismus aufgesogen. Manchmal stand auch der Exorzismus seines kalifornischen Swimming-Pools auf dem Programm.

Im geteilten Berlin dann hatte er es auf Schritt und Tritt mit den Folgen des Nationalsozialismus zu tun. Sehr ernüchternd. „Deutschland, Nazis, die Mauer, Unterdrückung“, erinnerte sich sein Gitarrist Carlos Alomar, „das war plötzlich überall dauerpräsent.“ Bowies Guru, der Soundtüftler Brian Eno, beschrieb es so: „Berlin war eine Stadt mit einer sehr starken Persönlichkeit. Das zwingt einen, etwas mit Substanz aufzunehmen. Mittelmaß kommt da überhaupt nicht Frage.“

Vorab im Internet

Seit Freitag ist auf iTunes das am kommenden Freitag erscheinende Album „The next day“ zu hören. Das Cover zitiert „Heroes“, die mittlere der drei Platten aus Bowies sagenumwobener „Berlin-Phase“. Seine Comeback-Single „Where are we now“, im Januar an seinem 66. Geburtstag überraschend veröffentlicht, ist ein melancholischer Rückblick auf die Zeit, als er in grauer Mauerstadt wieder lernte, auf eigenen Beinen zu stehen, sich sein Gemüse beim Türken an der Ecke zu holen oder mit Prolo-Schnurrbart, Baumfällerhemd und strubbeliger Gartenscheren-Frisur bitteres Berliner Bier aus bauchigen Flaschen zu genießen.

Und überall hinterließ er damals Spuren. Ein lässiges „Heute schon Bowie gesichtet?“ wurde in West-Berlins Szene zur Begrüßungsfloskel. Unterwegs mit dem Fahrrad, mit dem protzigen Mercedes oder nach erschöpfender Musiksession behutsam aus dem gar nicht weit entfernten Studio heimgeführt, war er scheinbar allgegenwärtig.

Es war unübersehbar: Das Leben hatte ihn wieder. Bowie, die eben noch jämmerlich verkümmernde Rose Englands, blühte wieder auf. „Es fühlte sich wirklich so an, als würde ich wiedergeboren werden“, sagte er Jahrzehnte später der BBC. „Berlin war eine unfassbar wichtige Periode für mich: Ich sah wieder Licht am Ende des Tunnels... und es war kein entgegenkommender Zug.“ Die 20 markantesten Orte seines Schaffens in Berlin zeigt unsere Karte.

Sehen Sie hier das Video zur zweiten Single aus Bowies neuem Album:

Empfohlener externer Inhalt

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von Youtube, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.