Bedürftige

Bei der Berliner Tafel werden die Schlangen länger

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Annelie Naumann

Foto: Marion / Marion Hunger

Seit 20 Jahren gibt es die Berliner Tafel. Gut 600 Freiwillige versorgen mehr als 125.000 bedürftige Berliner täglich mit Lebensmitteln, die der Handel nicht mehr verkaufen will. Und es werden mehr.

Morgens um acht Uhr herrscht Hochbetrieb im Lager der Berliner Tafel. Auf dem 1200 Quadratmeter großen Gelände des Großmarktes an der Beusselstraße lagern Limetten, Honigmelonen und Birnen. Benachbarte Händler haben sie abgegeben. „Das werfen wir nicht einfach so weg, das sieht noch sehr gut aus“, sagt Robert Hedram.

Seit sechs Uhr ist der Fuhrparkleiter auf den Beinen. Der 39-Jährige koordiniert die Fahrer der Kleintransporter, die Mercedes-Benz der Tafel einst zu Sonderkonditionen überlassen hat. In Hedrams Büro hängen an einem Info-Brett neben Blitzerfotos die Tagestouren. Auf seinem Computer verfolgt er die mit GPS-Sendern ausgestatteten Wagen. „So weiß ich immer, wo sie sind, und kann die Fahrer anrufen, falls noch eine Extra-Runde fällig wird“, erklärt er.

Mit Fahrer Andreas Thiede bespricht er seine heutige Tour. Der 57-Jährige fährt seit zwei Jahren mehrere Stellen zum Einsammeln von Lebensmitteln ab. Sechs Tage die Woche ist er mit einem Transporter in ganz Berlin unterwegs, um in Supermärkten und Bioläden ausrangierte Lebensmittel einzusammeln. Fast alle großen Handelsketten und unzählige selbstständige Kaufleute spenden Nahrungsmittel. Aber auch Drogerieartikel wie etwa Waschmittel, Seife und Deodorants sind unter den Zuwendungen.

Idee aus New York

Als 1993 die erste Tafel in Berlin gegründet wurde, war bei den meisten Händlern das Bewusstsein für überschüssige Lebensmittel kaum ausgeprägt. „Das ist heute anders“, weiß Andreas Thiede. Anfangs war das Sponsorenverzeichnis der Tafel nur ein kleines Heftchen, inzwischen ist es ein dicker DIN-A4-Ordner.

Wie in jeder anderen deutschen Stadt landen auch in Berlin tonnenweise Lebensmittel im Müll. Statistisch gesehen wirft jeder Deutsche jährlich rund 82 Kilogramm Lebensmittel im Wert von etwa 235 Euro als Abfall weg. Auf der anderen Seite fehlt immer mehr Menschen das Geld für ihre Mahlzeiten. Rund eine halbe Million Bedürftige gibt es laut Sabine Werth, Gründerin und Vorsitzende der Berliner Tafel, in der Stadt. Etwa ein Viertel davon wird von der Organisation unterstützt.

Vor 20 Jahren importierte Werth die Projektidee aus New York und setzt sich seitdem für Bedürftige in der bundesdeutschen Hauptstadt ein. Ursprünglich als Essensnothilfe für Obdachlose gedacht, verteilt die Einrichtung täglich überschüssige Lebensmittel an 125.000 Menschen. 660 Tonnen Lebensmittel werden monatlich an den mehr als 300 Stellen ausgegeben. „Die Nachfrage ist erheblich größer“, weiß Robert Hedram. Die Warteliste derer, die beliefert werden wollen, ist lang.

914 Tafeln bundesweit

Bundesweit beteiligen sich an diesem Sonnabend zahlreiche der insgesamt 914 Tafeln am 7. Deutschen Tafeltag. Mit vielen Aktionen und Veranstaltungen wollen sie damit einen Tag vor dem Erntedankfest ein deutliches Zeichen gegen Armut und Lebensmittelverschwendung setzen. Auch Sabine Werth hofft, das Ess- und Konsumverhalten so zu verändern, dass keine Lebensmittel weggeworfen werden müssen. Sie ruft zu einem bewussteren Umgang mit abgelaufenen Lebensmitteln auf. Nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen sei, müssen Lebensmittel nicht automatisch entsorgt werden, sagt Werth.

„Bei dieser Arbeit wird deutlich, welche Größenordnung Armut in Deutschland angenommen hat“, erzählt Thiede. Er und seine Beifahrerin Martina Lüdtke halten gerade bei einem Biomarkt auf dem Kaiserdamm. Lüdtke ist eine der 600 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, die bei Ausgabe und Verteilung der Lebensmittel helfen. Nach und nach füllen sie die Ladefläche des Fahrzeugs mit Obst und Gemüse. Im Laufe des Vormittags kommen Brot und Backwaren hinzu, ein Spender hat palettenweise Salatsoße gestiftet.

Zurück im Lager an der Beusselstraße, werden die eingesammelten Lebensmittel ausgeladen. Die Packer sind fix, blitzschnell landet Kiste um Kiste aus dem Laderaum vor dem Eingangsbereich der Halle. Was nicht mehr verzehrbar ist, wird ausgemustert. Sortierer müssen täglich sechs bis acht Tonnen Obst und Gemüse durchsehen. Ungefähr ein Viertel der gespendeten Ware muss entsorgt werden. Bis zu 80 Sortierer, Packer und Fahrer sind pro Schicht nötig, um den Lagerbetrieb aufrechtzuerhalten, berichtet Hedram. Etwa die Hälfte dessen, was angeliefert wird, geht am selben Tag wieder raus. Die andere Hälfte wird am nächsten Tag verteilt. Finanziert wird die Organisation durch Spenden.

Maximal Würstchen erhitzen

Thiede und Beifahrerin Lüdtke beginnen nach dem Mittagessen aus der hauseigenen Kantine mit ihrer Auslieferungsfuhre. Zuerst geht es zur Bahnhofsmission am Zoo. „Die Schlangen werden dort immer länger“, erzählt Thiede. Bis zu 650 Bedürftige kommen jeden Tag zwischen 14 und 18 Uhr zu dieser Stätte. Davor stinkt es nach Urin, Briefe von Wohnungslosen sind an die Gitter des Fensters geklemmt. „Bei der Ausgabe in der Bahnhofsmission sieht man, wie wichtig diese Arbeit ist und wie sehr die Menschen auf Hilfe angewiesen sind“, sagt die 57-jährige Lüdtke.

Die Bahnhofsmission Zoo ist immer da. Jeden Tag ab sechs Uhr schmieren freiwillige Helfer Hunderte belegte Brote, kochen heißen Tee und Kaffee. Essen kochen dürfen sie hier nicht, das verbietet die Deutsche Bahn. Maximal Würstchen erhitzen ist drin, erzählt Pooja Hadyan. Der 25-Jährige hilft hier ehrenamtlich. Heute verteilt er die Essensmarken, später muss er noch eine Rangelei schlichten. Täglich versorgen die Helfer in der Bahnhofsmission vor allem Obdachlose. Zum Monatsende kommen aber auch jene, deren Geld nicht mehr für das Lebensnotwendigste im Alltag reicht.

Es kommen nicht nur Obdachlose

„Viele Menschen glauben immer noch, dass es hier einzig um Obdachlose geht. Doch gerade zum Monatsende kommen vor allem alleinerziehende Frauen, Rentner und Familien“, erzählt Maxi Blum. Sie hilft seit mehreren Jahren freiwillig in der Einrichtung. „Die Berliner Tafel beliefert uns jeden Tag. Ohne sie könnten wir in dieser Form nicht bestehen“, erzählt die 20-Jährige.

Neben ihr steht eine 19-Jährige aus Berlin. Das Mädchen trägt einen viel zu großen Mantel und ist seit einiger Zeit obdachlos. Die junge Frau zeigt eine Tüte, in der sich Bekleidung befindet. „Da passe ich nicht mehr rein“, erzählt die 19-Jährige der Helferin Maxi Blum. Auch kenne sie niemanden, dem die Sachen passen könnten. Eine Essensmarke nimmt sie nicht. „Die Scham beim ersten Besuch ist meist sehr groß“, sagt Blum. Besonders das Schicksal der jüngeren Menschen nehme sie mit. Auch Tafelfahrer Andreas Thiede wirkt bedrückt. „Man sieht hier allerhand“, sagt er. Heute fährt er noch ein zweites Mal mit seinem Wagen zum Bahnhof Zoo, dann liefert er dort frischen Kuchen an.

Doch ändern könne diese Situation nur die nachfolgende Generation. Deswegen ist Tafelchefin Sabine Werth die Arbeit mit Kindern besonders wichtig. Damit die Wertschätzung von Lebensmitteln steigt, ist ihre Organisation seit April 2010 mit einem mobilen Kinderimbiss unterwegs.

Das Kimbamobil, bei dem es sich um einen ausrangierten BVG-Doppeldecker mit Küchenzeile und Essplatz im Oberdeck handelt, dient dazu, bereits Schulkindern Freude an gesundem Essen und Wissen über Lebensmittel näherzubringen. Viele Berliner Kinder wissen kaum etwas über das Essen, das sie jeden Tag zu sich nehmen, geschweige denn, dass sie es einmal selbst zubereiten, sagt Sabine Werth. „Neulich haben wir gefragt, wo die Capri-Sonne herkommt. Ein Kind war wirklich davon überzeugt, das Getränk wüchse an den Bäumen.“