60. Geburtstag

Acht Gründe, warum die Berliner Wowereit gratulieren dürfen

Klaus Wowereit feiert am 1. Oktober seinen 60. Geburtstag. In den vergangenen Wochen musste der Regierende Bürgermeister viel Kritik einstecken und wurde oft unterschätzt, findet Hajo Schumacher.

Klaus Wowereit wird 60. Ein Fünftel seiner Lebenszeit hat er damit verbracht, die Hauptstadt zu kommandieren. Die Berliner Morgenpost nennt acht Gründe, warum die Berliner ihrem Regierenden Bürgermeister auch mal gratulieren dürfen.

Ein echter Sozialdemokrat

Klaus Wowereit weiß, was kleine Verhältnisse sind. Seine Mutter, Kriegerwitwe und städtische Angestellte mit Kleinstgehalt, hat ihre Patchwork-Familie mit fünf Kindern aus eigener Kraft großgezogen. Üppig war die Kindheit nie, dennoch hat Mutter Hertha alle satt bekommen. Wowereit ist ein Rackerer wie seine Mutter: Er hat sich das Abitur erkämpft, Jurastudium, die Karriere in der Partei. Er repräsentiert wie Gerhard Schröder das sozialdemokratische Ideal vom Aufsteiger, der sich mit Fleiß in einer durchlässigen Gesellschaft behauptet. Man muss Aufsteiger nicht mögen, aber man weiß beim Sozialdemokraten Wowereit, woran man ist.

Der Haushälter

Wowereit wird als Finanz- und Haushaltspolitiker unterschätzt. Er berief, gegen das Murren seiner Partei, exotische, aber durchsetzungsstarke Typen wie Thilo Sarrazin und den parteilosen Ulrich Nußbaum als Finanzsenatoren. Auch wenn das BER-Desaster dazwischenkam – in seiner Amtszeit hat der Regierende einen ruinierten Haushalt halbwegs in den Griff bekommen, wenn auch dank anhaltender Berliner Sonderkonjunktur und Länderfinanzausgleich. Die 64 Milliarden Euro Schulden hat Wowereit weitgehend aus den Jahren nach der Einheit geerbt – mit dem Wegfall der Berlinhilfen, einem überdimensionierten öffentlichen Dienst und Beschäftigungsgarantien für landeseigene Unternehmen. Doch trotz gigantischer Sozialausgaben steht die Hauptstadt finanziell deutlich besser da als zur Jahrtausendwende und erwirtschaftet bisweilen sogar Überschüsse.

Der Berliner

Wowereit ist kein Intellektueller, kein Großbürger, kein Aufschneider, sondern ganz normaler Berliner, der ein typisches Wilmersdorfer Leben mit seinem angenehm zurückhaltenden Partner Jörn Kubicki führt. Kindheit in Lichtenrade, Studium an der FU, lange Jahre als Bildungsstadtrat in Tempelhof unterwegs – der Mann kennt und liebt seine Stadt mit ihrer Vielfalt. Und die Berliner lieben zurück. BER hin, Wurschtigkeit her – von keinem Politiker lassen sich Berlins Omas lieber knutschen. Seit Knuts Tod ist Wowi der Berliner Bär.

Der Integrator

Sein Platz in der Politikgeschichte ist Klaus Wowereit sicher, weil er als bislang einziger Regierungschef das Kunststück fertigbrachte, sich von zwei grundverschiedenen Koalitionen ins Amt wählen zu lassen: erst mit der Linken, dann mit der CDU. Mögen ihm die Kritiker des Westens Rot-Rot immer noch übelnehmen, so diente das Bündnis mit der Linken dem städtischen Klima und entschärfte das einst feindselige Ost-West-Verhältnis. So loyal Wowereit zu seinen Koalitionen stand, so entschieden setzt er sich auch für die Minderheiten in der Stadt ein, die ja die Mehrheit bilden. Ein Populist ohne Rechtsdrall.

Der Unvollendete

Hätte Wowi Kanzler gekonnt? Diese Frage wird wohl auf ewig unbeantwortet bleiben. In der Bundes-SPD hat Wowereit mit seinem unbedeutenden Berliner Landesverband nie eine machtvolle Rolle gespielt. Als Wahlkampfhelfer schätzten ihn viele, aber Jobs in einer Bundesregierung wurden ihm nicht übermäßig viele angeboten. Hat sich wohl herumgesprochen, dass ein Berliner Regierender den Posten eines Bundesministers als derben Karriereknick betrachtet. Bundespräsident oder Kulturstaatsminister, das hätte Wowereit gefallen können. Aber die Konstellationen passten nie. Außerdem versteht er sich mit Kanzlerin Merkel mindestens so gut wie mit den Intriganten seiner eigenen Partei. Durch seinen angekündigten Rückzug aus der SPD-Spitze dürften seine Chancen auf einen Platz in der politischen Champions League nicht gestiegen sein.

Der Launische

Mitarbeiter verraten, dass es Tage gibt, an denen man dem Chef lieber nur mit Stahlhelm begegnen sollte. Ja, Wowereit hat seine Launen, und man braucht keinen Mimikkurs, um seinen Gemütszustand zu lesen. Das erfreut nicht immer seine Mitarbeiter, beweist aber, dass ihn der Politikbetrieb nicht zu einer Grinsemaschine geschliffen hat. Der Mann zeigt menschliche Regungen – und das ist auch gut so, solange man nicht in der Nähe sein muss.

Der Schlaue

Auch wenn über 40 Jahre in der Politik fast zwangsläufig zu charakterlichen und mentalen Deformationen führen, so weiß Wowereit doch eines genau: Er will sich nicht vom Hof jagen lassen. Wie er seinen Abschied aus der Politik gestaltet, lässt er allerdings nicht durchblicken. Wahrscheinlich weiß er es noch gar nicht so genau, aber wachsende Abschiedsstimmung liegt in der Luft. Gern würde er den BER noch eröffnen, um die verflixte Baustelle doch noch zu einem halbwegs versöhnlichen Ende zu bringen. Kann aber gut sein, dass die Windmaschine Mehdorn das komplexe Großprojekt ähnlich fährt wie den Börsengang der Bahn: zügig und mit viel Trara los – und dann stracks vor die Wand. Dann müsste sich der Amtsinhaber womöglich 2016 ein weiteres Mal zur Wahl stellen. Das wäre sehr riskant. Dagegen stehen ein paar gut bezahlte Jahre in der Wirtschaft oder im Bling-Bling des Kulturbetriebs. Wowereit ist international gut vernetzt, er reist gern und hätte mehr Zeit zum Golfen.

Die Stimmungskanone

Ach ja, wie oft ist der Regierende schon als „Party-Meister“ geschmäht worden? Warum eigentlich? Sind Spaßbremsen die besseren Volksvertreter? Wenn die Hauptstadt ein international konkurrenzfähiges Geschäftsfeld bietet, dann sind es doch Partys, ob für blasierte Kunstschnösel, Fashion-Zombies oder Flatrate-Prolls, ob CSD, Fanmeile oder Berlinale. Tapfer schleppt sich Wowereit seit zwölf Jahren zu Empfängen, begrüßt Mächtige und Bunte aus aller Welt, plaudert und pichelt sich durch die Events. Merke: Ein guter Gastgeber braucht Kondition und Geduld. Gut, dass es einen gibt, der diesen Job freiwillig und immer noch mit Freude macht.

Unser Kolumnist Hajo Schumacher kennt und schätzt Klaus Wowereit seit vielen Jahren. Er schrieb zusammen mit Wowereit 2006 dessen Autobiografie mit dem Titel „… und das ist auch gut so“. „Er hat immer selbst gebackenen Kuchen aufgetischt, wenn ich am Sonntag zum Diktat kam, und dann hat er mich grinsend ,Schreibkraft‘ genannt“, erinnert sich Schumacher, „da wusste ich sofort: Er ist eine Führungspersönlichkeit mit Herz.“