Fotografie

Bildband zeigt das Berlin der 30er-Jahre in Farbe

Der Sammler Michael Sobotta hat rund 5000 Farbdias zusammengetragen. Entstanden ist daraus der Bildband „Berlin in frühen Farbdias 1936 bis 1943“. Viele Dias wurden mit moderner Technik aufgearbeitet.

Mit zwei kleinen Bildern fängt sie an – die Geschichte einer großen Leidenschaft. Sie sind nur wenige Zentimeter groß. Eines zeigt das Gasthaus "Zur letzten Instanz" in der Waisenstraße, das andere das Wirtshaus "Alt-Berlin" an der Friedrichsgracht am Kupfergraben. Michael Sobotta kramt sie aus einer kleinen Kiste hervor, auf einem seiner Streifzüge über die Flohmärkte dieser Stadt.

Mindestens 40 Jahre ist das jetzt her, noch einmal 30 Jahre älter sind die Bilder. Die beiden Dias stammen aus den Anfangsjahren der Farbfotografie, das macht sie zu etwas ganz Besonderem. Mittlerweile hat der Steglitzer Sammler um die 5000 Farbdias zusammengetragen. Entstanden ist daraus der Bildband "Berlin in frühen Farbdias 1936 bis 1943". Die dokumentierte Zeitspanne ist das Resultat aus der wirtschaftlichen und politischen Geschichte des Landes.

Fotografie gerät im Krieg in den Hintergrund

1936 bringt die Firma Agfa in Deutschland den ersten Dreifarben-Diafilm auf den Markt, fortan kann jeder bunte Fotos machen. Davon wird auch in den ersten Jahren reger Gebrauch gemacht. Doch je länger der Krieg dauert, desto mehr gerät die Fotografie in den Hintergrund. "Viele Fabriken waren zerstört, Filme konnten kaum noch entwickelt werden", sagt der Autor des Buches. Außerdem hätten die Menschen andere Sorgen gehabt.

Von 1944 habe er nur noch ganz vereinzelte Fotos gefunden. Erst in den 50er-Jahren erlebt das Fotogeschäft mit den Farbdias wieder einen Aufschwung. 120 Farbdias wurden für den Bildband ausgewählt. "Es ist das erste Buch, das Farbfotos aus dieser Zeit zeigt", sagt Michael Sobotta. Es gebe natürlich massenhaft Fotobände über Berlin, auch über das alte Berlin. Darin seien aber entweder Schwarz-Weiß-Fotos oder kolorierte Postkarten abgedruckt. Anhand der Fotos soll der Betrachter einen Spaziergang durch die Stadt machen.

Pferdekutschen am Potsdamer Platz

Der fängt natürlich in der historischen Mitte zwischen Kupfergraben und Stadtschloss an, geht weiter über die Straße Unter den Linden, zum Reichstag und Potsdamer Platz, von dort aus zum Kudamm, Funkturm und Olympiastadion. Darunter sind zufällige Straßenszenen und Aufnahmen von bekannten Sehenswürdigkeiten. Die Bilder wurden fast ausschließlich von Amateuren gemacht. Sie haben die Mode der Zeit, die kastenförmigen Autos, aber auch Pferdekuschen, Eindrücke von Sonntagsausflügen und Veranstaltungen festgehalten.

Bilder von Familienfesten und Weihnachten geben einen Einblick in den Berliner Alltag in den Kriegsjahren. Zu sehen sind auch ganz seltene Aufnahmen aus dem Fernsehstudio des Deutschlandhauses am heutigen Theodor-Heuss-Platz. Was das Buch optisch eher ausklammert, ist der Schrecken der Zeit. Denn die Privataufnahmen zeigen zwar Hakenkreuz-Fahnen, aber eben nicht die Grausamkeiten der NS-Schergen. Dafür hat der Autor aber in den Bildunterschriften kritische Anmerkungen eingefügt.

Die Farben mit Computertechnik rekonstruiert

Exemplarisch an zwei Fotos zeigt der Autor in dem Buch, wie er die alten Dias mit der modernen Computertechnik aufgearbeitet hat. Dabei ist auf der einen Seite das komplett ergraute oder rot angelaufene Bild zu sehen, auf der anderen Seite das bearbeitete. Michael Sobotta hat mit einem Computerprogramm lediglich die Farben rekonstruiert. Weitere Bearbeitungen, wie mit Fotoshop, hat er nicht vorgenommen. Darauf legt er Wert. Der 64-Jährige hat nie etwas beruflich mit Fotografie zu tun gehabt.

Er war im öffentlichen Dienst tätig und hat in der Bundesdruckerei gearbeitet. Als geborener Steglitzer dürfen natürlich auch ein paar Bilder aus seinem Heimatbezirk im Bildband nicht fehlen. Darunter sind schöne, seltene Aufnahmen von der Schloßstraße mit der Straßenbahn und dem Bahnhof Steglitz.

Seine Sammelleidenschaft ist noch immer ungebremst. Er möchte die Aufnahmen für die Nachwelt erhalten und ist deshalb immer noch weiter auf der Suche nach Farbdias. Seine E-Mail-Adresse lautet: farbdias-berlin@online.de.

Michael Sobotta: "Berlin in frühen Farbdias 1936 bis 1943", Sutton-Verlag, 120 Seiten, 22,95 Euro

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