Straßenverkehr

Warum Kinder wieder zu Fuß zur Schule gehen sollten

Eltern, die ihre Kinder zur Schule chauffieren, werden zunehmend zu einer Verkehrsgefahr – und Kinder lernen nicht, sich mit ihrer Umgebung auseinanderzusetzen. Eine Aktionswoche soll das ändern.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die achtjährigen Zwillinge Marlene und Helena werden jeden Morgen mit dem Auto zur Grundschule am Rohrgarten in Zehlendorf gebracht. Seit einer Woche setzt sie die Mutter allerdings nicht mehr direkt vor der Schule ab, sondern vor der Sammelstelle etwa 500 Meter von der Schule entfernt. Größere Schüler mit Leuchtwesten warten hier und nehmen die Jüngeren mit. „Wir treffen unsere Freunde und gehen zusammen zu Fuß weiter“, erzählt Marlene.

Die Sammelstelle am Parkplatz eines Supermarkts ist ein neuer Versuch der Schulleitung, das morgendliche Verkehrschaos vor dem Eingang zu verhindern. „Es spielen sich unglaubliche Szenen ab, die Eltern stehen sich mit den Autos gegenseitig im Weg und beschimpfen sich oft lauthals“, sagt die Schulleiterin Astrid Lewin.

Doch nicht alle sind so einsichtig, wie die Mutter der achtjährigen Zwillinge. „Ich habe Wichtigeres zu tun, als 500 Meter zu Fuß zu gehen“, sagt ein Vater, der auf dem Weg zum Büro sein Kind vor dem Schultor entlässt und von der Schulleiterin angesprochen wird.

Immer mehr Kinder kommen nicht selbstständig zur Schule

Die Grundschule am Rohrgarten beteiligt sich an der bundesweiten Aktionswoche „Zu Fuß zur Schule“, die noch bis zum 29. September läuft. Am Freitag ist der Höhepunkt mit einem ganzen Aktionstag, der auch von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) unterstützt wird, um das Problem ins Bewusstsein zu rücken.

Ins Leben gerufen wurde die Berliner Aktionswoche vom BUND schon vor zehn Jahren, mittlerweile beteiligen sich mindestens 60 Schulen mit mehr als 14.000 Schülern. Doch seither nimmt das Phänomen, dass Kinder den Schulweg nicht mehr selbstständig bewältigen, eher zu als ab.

Elternvertreterin Liselotte Stockhausen-Doering aus Steglitz-Zehlendorf spricht von einer „Faustrecht-der-Prärie-Situation“, die sich morgens vor den Schulen abspiele. „Eltern parken in der zweiten oder dritten Reihe oder blockieren ganze Straßenkreuzungen, um die lieben Kleinen in dadurch wirklich gefährliche Verkehrssituationen zu entlassen“, sagt die Vorsitzende des Landeselternausschusses. Solche Situationen sollten Eltern vor Schulen vermeiden.

1500 Halt- und Parkverstöße vor Schulen

Dass diese Forderung keine Selbstverständlichkeit ist, haben auch die letzten Schwerpunktkontrollen der Polizei zu Schulbeginn im August gezeigt. Obwohl die Kontrollen speziell vor Schulen angekündigt waren, wurden innerhalb einer Woche mehr als 10.000 Autofahrer und Radfahrer wegen ihres Fehlverhaltens vor Schulen angehalten und angesprochen. In knapp 1500 Fällen handelte es sich dabei um Halt- und Parkverstöße unmittelbar vor den Schultoren. „Die Polizei werde deshalb auch in den kommenden Wochen die Schulwege verstärkt im Auge behalten, sagt ein Polizeisprecher.

„Der Schulweg ist eine wichtige Erfahrung für Kinder, um zu lernen, wie sie sich selbstständig und sicher im Verkehr bewegen können“, sagt Gabi Jung, Projektleiterin der Aktionswoche vom BUND. Eltern, die ihre Kinder nur mit dem Auto fahren, würden ihrem Nachwuchs diese Erfahrung vorenthalten. „Natürlich gibt es viele Gefahren, aber irgendwann müssen die Kinder damit umgehen, und dann ist es besser, wenn sie vorbereitet sind“, sagt Jung.

Mangelnde Erfahrung der Kinder spiegele sich auch in den Unfallzahlen wieder. Laut Statistik der Polizei wurden 2012 insgesamt 950 von Kindern verursachte Unfälle registriert. In der Altersgruppe der Sechs- bis unter Zehnjährigen, also der Grundschüler, sind laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr 345 Kinder verunglückt. Davon 156 als Fußgänger, 83 als Radfahrer sowie 95 – also knapp ein Drittel – als Mitfahrer im Pkw.

Kinder sollen sich mit ihrer Umgebung auseinandersetzen

„Die Hauptzeit der Unfälle mit Kindern liegt am Nachmittag zwischen 15 und 18 Uhr, es gibt aber auch eine Spitzenstunde vor Schulbeginn zwischen 7 Uhr und 7.59 Uhr“, sagt ein Polizeisprecher. Hauptursache sei das Überqueren der Straße an nicht geregelten Stellen. Im Auto der Eltern seien die Kinder gerade auf kurzen Wegen häufig nicht richtig angeschnallt.

Der Fußweg zur Schule kann nicht nur eine Forderung an die Eltern sein. Eingeschränkt wird die Mobilität der Kinder durch den ständig zunehmenden Verkehr. Wenn die Kinder der Grundschule am Rohrgarten am Freitag ihren Aktionstag haben, fordern sie auch Unterstützung von der Politik.

Seit 13 Jahren kämpfen Eltern und Lehrer der Schule um einen Zebrastreifen. „Die Anträge werden von den zuständigen Behörden immer wieder ohne Begründung abgelehnt“, sagt Schulleiterin Astrid Lewin. Schon Mehrfach habe es Begehungen mit Polizei, Ordnungsamt und Tiefbauamt gegeben. Ohne Ergebnis. Dabei betont Senatorin Scheeres (SPD) in einem Grußwort zur Aktionswoche, dass es wichtig sei, dass sich Kinder mit ihrer Umgebung auseinandersetzen, Gefahrenstellen erkennen und eigene Lösungswege entwickeln.

Mehr Bewegung, um geistige Entwicklung zu fördern

Ulrich Fegeler vom Berufsverband der Kinderärzte betont, dass natürlich nicht jeder Schulweg zu Fuß gesünder sei als die Fahrt mit dem Auto. Die Eltern müssten sich aber bewusst sein, wie wichtig die Bewegung für die Kinder ist, um Zivilisationskrankheiten zu verhindern und die geistige Entwicklung zu fördern.

„Angesichts der Tatsache, dass es immer weniger Freiflächen für Kinder gibt, müsste die Mitgliedschaft in einem Sportverein eigentlich Pflicht sein“, sagt Fegeler. „Der Schulweg kann ein Anfang sein, um Aktivität zu fördern, dabei darf es aber nicht bleiben.“

Spätestens am Schultor sollten Eltern sich verabschieden

Schulpsychologe Klaus Seifried aus Tempelhof-Schöneberg beobachtet häufig, dass Eltern auf dem Schulweg zu fürsorglich seien. „Einige tragen nicht nur die Tasche der Kinder, sondern bringen sie auch noch bis in den Klassenraum und ziehen ihnen die Jacke aus“, sagt Seifried. Dadurch würden sie verhindern, dass die Kinder Eigenverantwortung entwickeln.

„Selbstständigkeit können die Eltern auch fördern, wenn sie ihre Kinder auf dem Weg begleiten“, so Seifried. Zum Beispiel, indem sie sich von ihrem Kind führen lassen und es gefährliche Situationen selbst erkennen lassen. Spätestens am Schultor sollten sich Eltern dann verabschieden.

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